Warum Macht über andere immer destruktiv ist

Kolumne12. März 2017, 15:54
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Weder global betrachtet noch im Hinblick auf Familien ist das Ergebnis männlicher Vorherrschaft etwas, mit dem wir prahlen könnten

Als Familientherapeut konnte ich über viele Jahre hinweg beobachten, dass viele Menschen Macht und Machtkämpfe innerhalb der Familie voll Sorge betrachten und diese oft als Wurzel aller Probleme und Konflikte sehen. Obwohl ich diese Ansicht nicht teile, besteht für mich kein Zweifel daran, dass das Konzept von Machtspielen eine wesentliche Rolle in vielen Familien spielt, und zwar für alle Mitglieder – sowohl für die mit als auch für jene ohne Macht.

Führung ist auch in der Familie notwendig – und Führung bedeutet ein gewisses Maß an Macht. Deshalb ist es sinnvoll, sich das gängige Konzept von Führung und dessen historische Hintergründe genauer anzusehen. Das sollten vor allem jene tun, die mit dem Gedanken der Führung in der Familie wenig anfangen können. In diesem Zusammenhang ist es aber wichtig, zwischen zwei Arten von Macht zu unterscheiden: Die eine ist individuelle Macht, die ein Mensch über sein eigenes Leben hat. Bei der zweiten hat ein Mensch Macht über andere.

Für unsere Lebensqualität ist es wesentlich, dass wir die erste Form von Macht einsetzen. Es ist oft sehr schmerzhaft, sich machtlos zu fühlen oder sich den Entscheidungen anderer ausgesetzt zu sehen. So geraten Menschen schnell in die Opferrolle – unfreiwillig oder auch freiwillig. Die Opferrolle ist aber die gefährlichste in Bezug auf Gesundheit und Wohlbefinden. Da wir alle in unterschiedlichen Familien und unter unterschiedlichen Bedingungen aufwachsen, reagieren wir auch unterschiedlich und werden so auch unterschiedlich leicht oder schwer zum Opfer.

Bei Macht über andere leiden alle

Manche von uns wurden schon als Kinder zu Opfern. Diesen Menschen fällt es als Erwachsene oft schwer, mit der Macht über und der Verantwortung für das eigene Leben umzugehen. Andere wiederum haben erfahren, dass es gut ist, zu allem und jedem Nein zu sagen. Diesen Menschen gelingt es kaum, aus ganzem Herzen Ja zu sich selbst und zu anderen zu sagen.

Die zweite Form der Macht – nämlich jene über andere Menschen – ist immer destruktiv. Das gilt sowohl für jene, die die Macht ausüben, als auch für jene, die diese Machtausübung trifft. Die Macht über andere zeigt sich auch oft in größeren, beispielsweise politischen Zusammenhängen oder Unternehmen, wenn menschliche Grundwerte oder Rechte von Mitarbeitern nicht respektiert werden. Innerhalb der Familie hat diese Form der Machtausübung mehrere Auswirkungen. Zunächst einmal: Diejenigen, die keine Macht über ihr Leben haben, leiden unter diesem Umstand. Viele davon nehmen den "Herrscher" als schlechten Menschen wahr. In erster Linie aber isoliert seine Macht über andere den Menschen – es ist sowohl kalt als auch einsam an der Spitze.

Verlust des Gleichgewichts

Eine weitere Folge: In der Familie geraten die Interaktionen aus dem Gleichgewicht. Es entstehen sozusagen zwei Realitäten. So, wie wir die Beziehung zum "Machthaber" und ihn selbst wahrnehmen, werden die eigenen Gedanken, Gefühle, Einstellungen und Reaktionen in gewisser Weise ausgeblendet. Das ist vergleichbar mit einem Arbeitsplatz oder einer Gruppe mit einer strengen Führung. Die Menschen dort können nicht viel anderes tun, als offen, direkt und persönlich zu kommunizieren, um mögliche negative Auswirkungen für sich selbst zu vermeiden.

In einer Familie, in der die Gleichheit unter den Erwachsenen naturgemäß größer ist, müssen Kinder mit den negativen Folgen der Machtausübung der Erwachsenen leben. Hier zeigt sich sehr deutlich der Unterschied zwischen Kind und Erwachsenen.

Geschichtlicher Hintergrund

Noch vor 50 Jahren stellte kaum jemand die Führung des Vaters in der Familie infrage. Vielleicht wurde in manchen Familien darüber debattiert. Aber es war nie ein öffentliches Thema, nicht zuletzt deswegen, weil in der Öffentlichkeit hauptsächlich die Männer die Themen vorgaben. Wir wissen über Matriarchate aus der Geschichte, doch es gab diese nur in so geringem Ausmaß, dass sich letztlich die männlich dominierte Familie als die "natürliche" Form etablierte.

Heute gibt es die unglückliche Tendenz, allgemein Gültiges mit dem "Naturgegebenen" zu verwechseln. Was wir mit ziemlich hoher Sicherheit sagen können, ist, dass eine einseitige Führung in der Familie weder die beste noch die gesündeste für alle Familienmitglieder ist. Das gilt auch für die Machtinhaber, egal welchen Geschlechts. Doch die bislang gültigen, traditionellen Geschlechterrollen geraten zusehends ins Wanken. Wir können die Entwicklung in diese Richtung weder aufhalten noch rückgängig machen. In diesem Sinne würde ich sagen, dass die "guten alten" Tage vorbei sind.

Wir müssen uns dieser Tatsache stellen und uns gemeinsam mit der neuen Situation anfreunden. Wenn wir uns in der Welt umsehen, so sollten wir zugeben, dass die Reduktion männlicher Macht keinen Moment zu früh kommt – sondern dass es hoffentlich noch nicht zu spät ist. Weder global betrachtet noch im Hinblick auf Familien ist das Ergebnis männlicher Vorherrschaft etwas, mit dem wir prahlen könnten. Vielmehr erleben wir, dass deren Wirken sowohl für unser individuelles Leben als auch für die Welt um uns herum destruktiv ist.

Was sind "männliche Werte"?

Auch Familien haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Selbst wo es den Frauen gelungen ist, mehr Einfluss auf die eigene Familie zu erlangen, hatte es doch immer den Anschein einer "Guerilla-Bewegung", die weder die Wirtschaft noch soziale oder politische Machtverhältnisse signifikant erschütterte. Ich könnte viele Horrorgeschichten von Kindern und Frauen im Verlauf der Zeit erzählen, aber ich gebe lieber ein modernes Beispiel dafür, was ich mit männlichen Werten eigentlich meine.

Etwa: Viele von uns entscheiden sich zu Beginn eines Familienlebens für ein Eigenheim und nehmen große finanzielle Lasten auf sich. "Es ist viel besser und freier für die Kinder", sagen wir zueinander und zum nervösen Bankberater. Der Preis ist sehr oft alarmierend hoch: überarbeitete und gestresste Eltern; Kinder, die an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben damit zurechtkommen müssen, ihre Zeit mit ihnen weitgehend unbekannten Erwachsenen verbringen zu müssen, obwohl sie lieber mit ihren Eltern zusammen wären. Dieses Beispiel soll nicht ausdrücken, dass Männer pauschal "schuldig" oder Frauen pauschal "unschuldig" sind. Es bedeutet aber, dass die Werte der letzten Jahrhunderte überdacht werden müssen. Und dass es sinnvoll wäre, darüber nachzudenken, wie wir in unseren Familien einerseits mit der Macht über uns selbst und mit der eines Einzelnen umgehen.

Familien brauchen gesunde Interaktionsprozesse. Es geht um offene und direkte Kommunikation. Es ist nicht so wichtig, was wir tun oder nicht tun. Es ist aber sehr wichtig, wie und in welcher Weise wir es tun. (Jesper Juul, 12.3.2017)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne erscheint am 26. März 2017.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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