Flüchtlinge: Generalverdacht

Kolumne9. März 2017, 10:55
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Wer Parallelgesellschaften verhindern will, muss für Zuzügler die Teilhabe am österreichischen Leben attraktiv machen

Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit. Das ist derzeit der Leitbegriff der Saison und wird von Politikern von Sobotka bis Kern als Wunderwaffe für künftige Wahlauseinandersetzungen auf Schritt und Tritt eingesetzt. Alles für den Seelenfrieden der Österreicher und alles gegen potenzielle islamische Terroristen. Außengrenzen überwachen. Möglichst niemanden mehr hereinlassen. Asylbestimmungen verschärfen. Und nur ja aufpassen, dass unter Zuwanderern und Flüchtlingen keiner ist, der eventuell Böses im Schilde führt. So weit, so gut. Aber was ist eigentlich mit den Hunderttausenden, die friedlich hier leben und nichts Böses planen?

Menschen muslimischen Glaubens stehen derzeit unter Generalverdacht. "Ich werde ständig kontrolliert, obwohl ich längst österreichischer Staatsbürger bin und seit Jahr und Tag hier arbeite", klagt ein junger Techniker. Schwarze Haare und eine nicht schneeweiße Hautfarbe sind schon verdächtig. "Meidet den Westbahnhof, auch wenn ihr mit Drogen nicht das Geringste zu tun habt", rät ein Menschenrechtsanwalt seinen afrikanischstämmigen Klienten. "Es wird für unsereins langsam ungemütlich", konstatiert ein Sozialarbeiter mit Migrationshintergrund.

Wer Parallelgesellschaften verhindern will, muss für Zuzügler die Teilhabe am österreichischen Leben attraktiv machen. Derzeit geschieht das Gegenteil. Gewiss, es gibt neuerdings einen Rechtsanspruch auf einen Deutschkurs. Aber dieser ist auf neuösterreichische Weise mit Strafen und Drohungen garniert. Dabei weiß jeder, der schon einmal eine Fremdsprache gelernt hat, dass Sympathie und Interesse (am allerbesten: Verliebtheit) die wirksamsten Sprachlehrer sind. Man muss sich wohlfühlen und akzeptiert wissen, um erfolgreich zu lernen. Frauen sind doppelt gestraft. Die völlig überflüssige Kopftuchdebatte macht vielen das Leben schwer. Dass Vollverschleierung für Berufstätige nicht geht, ist allen klar. Aber warum Lehrerinnen und Bankbeamtinnen kein Kopftuch tragen sollen, wenn sie das wollen und ihren Job gut machen, ist nicht nachvollziehbar.

Was im Integrationspaket fehlt und was wir am dringendsten brauchen, sind Rollenvorbilder, die Migranten zeigen, dass sie in Österreich erfolgreich sein können. Von Sebastian Kurz' "Integrationsbotschaftern" hört man nicht mehr viel. Wo sind die Programme für mehr Migranten in der Polizei, im öffentlichen Dienst, an den Schulen? Wo sind die Fernsehmoderatoren und Moderatorinnen mit Migrationshintergrund?

Man kann darüber streiten, wie viele Flüchtlinge Österreich und Europa aufnehmen können. Es gibt auch vertretbare Argumente für wirksame Abschiebungen und verschärfte Grenzkontrollen. Aber der zunehmend feindselige und gereizte Ton, in dem das alles neuerdings diskutiert wird, ist ebenso abstoßend wie kontraproduktiv. Wer mehr Sicherheit für die Österreicher will, muss auch für mehr Sicherheit für die zugewanderten Neubürger sorgen. Integration heißt aufnehmen, nicht ausschließen. Wir wünschen uns ein Österreich, in dem alle friedlich zusammenleben können? Ja. Aber dafür alle Muslime und alle Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen bringt jedenfalls gar nichts. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 8.3.2017)

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