Zahlen statt jammern: Wieso die Gratismentalität allen Spielern schadet

Blog12. März 2017, 11:00
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Die Free2Play-Einstellung wirkt sich auf die Qualität von Games aus. Die Lösung wäre einfach: Zahlen, bitte!

Als Nintendo nach langen Jahren des Zauderns endlich einen weiteren Schritt in die Welt der Smartphones und Tablets wagte, gab es einen Aufschrei. "Super Mario Run" war zwar ein "echtes" Mario-Spiel mit vielen der von Nintendos Flaggschiffserie erhofften spielerischen Qualitäten geworden – aber der Preis sorgte je nach Mentalität für Stirnrunzeln oder markerschütternden Protest. Der Preis von 10 Euro sei "eine Frechheit", das Spiel viel weniger wert und eigentlich, so viele der erbosten 1-Stern-Rezensionen im AppStore, solle es doch bitteschön ganz kostenlos sein. Der Crash der Nintendo-Aktie kurz nach Spielstart dürfte zum Teil wohl auch auf das Erschrecken vieler Investoren wegen dieses zornigen Backlashs zurückzuführen sein.

Das muss verwirrend gewesen sein für die japanische Traditionsfirma, die sich ohnedies nur zögerlich ins "Neuland" gewagt hatte: Immerhin bietet "Super Mario Run" nicht nur erstmals für Nintendo die Möglichkeit, kostenlos die ersten Runden zu spielen, sondern ist mit seinem Preis das billigste "Super Mario" aller Zeiten. Dass dieser dennoch über der Schmerzgrenze vieler Mobile-Games-Spieler liegt, ist weniger auf Unverschämtheit Nintendos zurückzuführen, sondern vielmehr das Resultat eines Marktes, der in katastrophalem Zustand ist – und einer Spielerschaft, die dem Bezahlen für jede Art von Unterhaltung immer feindseliger gegenübersteht. Kein Wunder, dass der vor kurzem erschienene nächste große Nintendo-Titel für die AppStores, "Fire Emblem Heroes", ganz auf Free2Play setzt.

Nadeln im Heuhaufen

Alle sechs Minuten erscheint auf Apples AppStore ein neues Spiel, Googles Play-Store ist ein ebenso rasant wachsender Dschungel und auch auf Steam drängen Tag für Tag mehr Spiele, als man jemals spielen oder auch nur wahrnehmen könnte. Mit dem Anwachsen dieser Flut steigt die Unsicherheit beim potenziellen Käufer, tatsächlich einen guten Griff zu tun; und mit dieser Unsicherheit sinkt die Bereitschaft, für diese Art von Hasard auch Geld auszugeben. Dank des millionenfach anschwellenden Stroms an Gratisspielen meinen viele, das sowieso nicht mehr tun zu müssen – warum überhaupt ein Spiel kaufen, wenn es zugleich tausende kostenlose Spiele gibt? Was dabei gern übersehen wird, ist, dass sich Free2Play-Spiele nicht nur in der Preisgestaltung von zu bezahlenden Spielen grundlegend unterscheiden.

Es ist zum Haareraufen: Dank der mobilen Revolution kommen täglich mehr Menschen mit Spielen in Berührung als je zuvor – doch die Spiele, die die meisten von diesen Neuankömmlingen im Medium spielen, sind ein mieselsüchtiger Abklatsch von dem, was das Medium an sich zu bieten hätte. Das hat nichts mit den Spielgeräten zu tun: Auch kommerziell erfolgreiche Titel wie "XCOM", die "Civilization"-Reihe, "GTA", aber auch mehr und mehr großartige Indie-Titel wie "Don’t Starve", "FTL" oder "Banner Saga" gibt es für Smartphone und Tablet – nur sind sie dort nicht nur wie die sprichwörtlichen Nadeln im Heuhaufen begraben, sondern stehen zusätzlich neben tausenden kostenlosen Konkurrenten, die vordergründig dasselbe bieten.

Der hohe Preis von Free2Play

Nur: Das tun diese Gratisspiele eben nicht. Dass das Free2Play-Konzept als zentralsten Mechanismus nicht das jeweilige Gameplay, sondern die Monetisierung in seiner DNA hat, ist eine Wahrheit, die gewaltige Auswirkungen hat. Um die Gratisspieler doch noch zum Bezahlen zu bringen, wird der Spielspaß für nichtzahlende Kunden dann eben nach einer kurzen anfänglichen Lockphase eingeschränkt – durch lange Pausen, Zwang zum Grind oder spielerische Nachteile. Werbung zwischen jeder Spielrunde, absichtliche Frustration der Spielerinnen und Spieler oder künstliche Langeweilehürden sind fixe F2P-Elemente – und das Gegenteil von gutem Spieldesign.

Die Langzeitschäden für das gesamte Medium Spiele sind nicht zu unterschätzen. Wer sich als zuvor kaum Spieleinteressierter als Einstieg einmal neugierig und arglos Free2Play-Spiele angesehen hat, wird wahrlich keinen guten Grund sehen, für "so etwas" überhaupt jemals Geld auszugeben und sich achselzuckend wieder vom Medum abwenden. Seit meiner längeren Analyse zum Thema vor vier Jahren hat sich alles noch zugespitzt – und Free2Play ist längst zum lukrativsten Segment der Spielebranche geworden. Spiele wie "Pokemon Go", "Mobile Strike" und "Game of War" bringen ihren Entwicklern über eine Million Dollar – pro Tag. Und das von Spielerinnen und Spielern, die möglicherweise den direkten Kauf eines einzelnen Spiels um den Preis eines Kaffees im Plastikbecher empört ablehnen würden.

Längst hat die lukrative F2P-Philosophie auch abseits des Mobile Gamings ihr Haupt erhoben, wobei die Qualität der angebotenen Titel auf PC und Konsolen allerdings durchaus höher ist als auf den niederschwelligen Mobile-Plattformen. Kostenlose MMOs zählen zu den lukrativsten des Genres und auch die größten eSports-Titel sind kostenlos. Dass sich Free2Play-Elemente auch zunehmend in AAA-Titel zum Vollpreis einschleichen, wie aktuell bei "For Honor" ersichtlich, ist allerdings für viele Spielerinnen und Spieler eine besonders bittere Entwicklung.

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"Super Mario Run" im Test

Zahlen, bitte!

Wer aus Mangel an Geld oder nur dem Unwillen, zu bezahlen, Filme, Musik oder Bücher nur mehr aus – legalen oder illegalen – Gratisquellen bezieht, bekommt dennoch auf kurz oder lang eine gewisse Ahnung von den Qualitäten des jeweiligen Mediums und wird, vielleicht, irgendwann auch bereit sein, dafür zu bezahlen; wer nur Free2Play-Spiele und ihre speziell auf diese Form der Vermarktung zugeschnittenen Spielkonzepte kennt, hat nicht einmal die entfernteste Idee davon, wie Spiele ohne diese fix eingebauten Monetisierungsfesseln sein könnten. Mit anderen Worten: Diese Spielerinnen und Spieler wissen nicht einmal, was ihnen entgeht, weil sie den Eintrittspreis aus Prinzip und im Glauben, Free2Play böte dasselbe wie zu bezahlende Spiele, ablehnen.

Dass Entwickler, die ihre Spiele zu überdies objektiv und historisch betrachtet niedrigen Preisen verkaufen wollen, durch diese fundamentale Gratismentalität an den Rand des Ruins getrieben werden, ist eine besonders bittere Pille für alle anderen Spielerinnen und Spieler. Das besonders kleine Studios immer noch stark treffende "Raubkopieren" verblasst neben diesem grundlegenden Mentalitätswandel fast zur kleineren Bedrohung.

Vielleicht wäre es an der Zeit, dieser Verarmung des Mediums einfach dadurch entgegenzutreten, dass man doch wieder einmal Geld in die Hand nimmt, um zumindest einige kleine Inseln im Meer seelenloser F2P-Klone am Leben zu erhalten. Oder, noch besser: Vielleicht sollte man jenen Menschen, die bislang nur diese Gratis-Welt kennen, durch das Schenken eines Spiels, das etwas kostet, zeigen, was sie verpassen – und dass es Spiele gibt, die nicht bei jeder Gelegenheit zum weiteren Geldausgeben drängen und sich deshalb auf anderes, weitaus Besseres konzentrieren können. Es muss nicht einmal "Super Mario Run" sein – die Auswahl ist groß genug.

Also: Zahlen, bitte – sonst folgt dem Jammern über angeblich zu hohe Spielepreise unweigerlich jenes über das Verschwinden spielerischer Vielfalt durch das drohende Überhandnehmen von Free2Play-Konzepten in allen Nischen. (Rainer Sigl, 12.3.2017)

Der Blog "Berufsspieler" gibt Meinungen zu aktuellen Videospielthemen wieder.

Nachlese

Der hohe Preis von Gratisspielen

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    foto: der standard
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