"Night in the Woods" im Test: Katzenmädchen mit Problemen

Rezension9. März 2017, 11:13
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Das wunderschöne Abenteuer erzählt mit Tierfiguren realistisch vom Erwachsenwerden in unsicheren Zeiten

Mae Borowski ist eine schwarze Katze, ihre Goth-Freundin Bea ist ein Alligator und ihr im Supermarkt arbeitender Kumpel Gregg ein Fuchs. Tiere, die sich wie Menschen verhalten, gibt es nicht nur in Disney-Welten, sondern auch im Indie-Abenteuer "Night in the Woods" (Windows, Mac, Linux, PS4 19,99 Euro). Abgesehen von den tierischen Bewohnern ist Possum Springs, die Kleinstadt, in die Mae am Anfang des Spiels zurückkommt, nachdem sie die Uni aufgegeben hat, allerdings realistischer geraten als Entenhausen und die meisten Spielewelten: Industrieschließungen haben viele Bewohner arbeitslos gemacht, Geschäfte und Restaurants sperren zu und junge Erwachsene wie Mae und ihre Freunde halten sich entweder recht und schlecht mit mies bezahlten Verkaufsjobs über Wasser oder leben ziellos in den Tag hinein.

Der auffällige Bruch zwischen bildschöner und hinreißend animierter 2D-Bilderbuchgrafik und realistischer Handlung ist das Hauptcharakteristikum eines Spiels, das sich wie "Oxenfree", "Life is Strange" und "Firewatch" statt mit videospielüblicher Weltrettung mit den ganz persönlichen Lebenswelten seiner Figuren auseinandersetzt. "Night in the Woods" erzählt vom ziellosen Driften einer ganzen Generation, von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Niedergang im Gefolge von Wirtschaftskrise, Internet-Disruption und Verarmung der Mittelschicht – und trotzdem lässt es seine Spielerinnen und Spieler nicht in Depression versinken.

Reality bites

Wie die wieder in ihr Kinderzimmer bei ihren Eltern zurückgekehrte zwanzigjährige Mae ihre Tage in ihrer ein bisschen fremd gewordenen Heimatstadt verbringt, ist durchaus abwechslungsreich: ein Schwätzchen mit der Mutter, ein Spaziergang durch die Stadt – und dann das Treffen mit Maes Freunden, bei denen entweder eine Bandprobe mit "Guitar Hero"-Minispiel oder aber diverser kleinstkrimineller Zeitvertreib ansteht, vom Vandalismus bis zum Ladendiebstahl. Nach einigen anfangs ziellos-leicht verbrachten Tagen nimmt schließlich auch der Hauptplot Fahrt auf, die – Minispoilerchen – trotz übernatürlicher Anklänge nicht das Terrain des Coming-of-Age-Genres verlässt. Stolze zehn Spielstunden bietet die Haupthandlung.

"Night in the Woods" ist geprägt von ironischem Humor und einem Tonfall, der irgendwo zwischen jenem der TV-Serie "Gilmore Girls" und des 90er-Jahre-Kultfilms "Clerks" angesiedelt ist. Das oft dadaistische Blödeln, die gespielte Coolness und der lässig-lockere Umgangston sind jedoch stets als Oberfläche erkennbar, unter der Unsicherheit und auch eine gewisse Traurigkeit durchschimmern. Mit anderen Worten: "Night in the Woods" erzählt trotz seines absurd niedlichen Äußeren vielschichtig und komplex von schwierigen Beziehungen, der Suche nach einem Platz in einer sich rasant verändernden Welt und der Quarter-life-crisis, die alles ins Wanken bringt. Trotz seiner jugendlichen Protagonisten und der Thematik werden sich aber auch erwachsene Spielerinnen und Spieler in der realistischen Gefühlswelt dieses feinfühlig-melancholischen Abenteuers wiederfinden.

night in the woods
Trailer zu "Night in the Woods"

Fazit

"Night in the Woods" ist spielmechanisch ein Plattformer mit nur wenigen spielerischen Herausforderungen, der trotz seiner großteils linearen Handlung viel Freiraum fürs Flanieren und – thematisch bedingte – Zeitvertreiben bietet. Auch die Vielzahl der (meist nicht außerhalb der Handlung zugänglichen) unterschiedlichen Minispielchen fügt sich charmant ins Thema der Suche nach Sinn und Platz in einer Welt, die absolut nicht so heil ist, wie der Bilderbuch-Grafikstil suggeriert. Vor allem aber erzählt es durch viele Dialoge und so manche originelle Spielidee eine Geschichte, die auch im Programm des Indiefilmfestivals Sundance gut aufgehoben wäre.

Durch seinen realistischen, stets humorvollen Tonfall, seine lebensnahen, komplexen Figuren und eine außergewöhnliche Präsentation ist "Night in the Woods" ein überaus gelungenes, charmantes Spiel über das Erwachsenwerden für Spielerinnen und Spieler, die Abwechslung vom thematischen Einerlei aus Science-Fiction-, Kriegs- und Fantasy-Themen etwas abgewinnen können. (Rainer Sigl, 9.3.2017)

"Night in the Woods" ist für Windows, Mac, Linux und PlayStation 4 erschienen. UVP: 19,99 Euro

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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