"Die Erfindung der Sklaverei": Endlich Mensch, endlich Meerschwein sein

    7. März 2017, 17:24
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    Tolles Stück, niedlich uraufgeführt im Theater Drachengasse

    Wien – Die Hauptfigur in Christiane Kalss' Stück Die Erfindung der Sklaverei tritt nicht als sie selbst auf die Bühne. Ihr Name versinnbildlicht eine politische Verwaltungseinheit, angesiedelt in der Provinz. "Die Gemeinde" (Petra Strasser) ist eine wohlmeinende Dame mit Perlenkette. An ihre barocke Figur schmiegen sich alle, die auf dem "idyllischen Fleckchen Boden" ihr namenloses Auskommen finden wollen.

    Im Theater Drachengasse herrscht aus Anlass der Uraufführung eine Art zähnefletschender Herzlichkeit. Das Stück der Leobnerin Kalss war unlängst für den Heidelberger Stückemarkt nominiert. Seine handelnden Personen heißen entweder "Heidrun" oder "Gernot". Andere bleiben ungetauft und gehen in ihrer Funktion auf. Menschen sind Nutztiere. Ihr Wert wird bestimmt durch ihre Eignung für die Beförderung des Allgemeinwohls.

    Untermalung gängiger Diskurse

    Der "Doktor" und "die Andere" sind solche anonymen Fälle. Obgleich Migranten, entstammen sie bloß dem engeren Umfeld der Nachbargemeinden. Als Flüchtlinge besitzen sie wohl einen vagen Anspruch auf vorläufiges Unterkommen. Als Arbeitende dürfen sie jedoch auf kein Entgelt hoffen.

    Kalss, eine Mittdreißigerin, hat unter höhnischem Gelächter eine dramatische Versuchsanordnung auf die Beine gestellt. Ihr pfiffiger Text eignet sich vorzüglich für die szenische Untermalung gängiger Sozial- und Mindestsicherungsdiskurse. Leider ist Die Erfindung der Sklaverei – kreuzbrav uraufgeführt von Regisseurin Sandra Schüddekopf – auch ein Wechselbälgchen. Ihre verblüffenden Einsichten zur Gemeinnutzpflege hat Kalss in das Fell der Farce vernäht.

    Die verhärmte Alleinerzieherin Heidrun (Alexandra-Maria Timmel) baut ihr frisch übernommenes Bauernhaus in eine Geburtsklinik um. Gefördert wird die Einrichtung des esoterischen Wochenbettlagers von der üppigen Gemeinde. Der überständige Sohn (Michael Köhler), ein Brillen-Nerd, macht sich derweil um die Aufzucht von Meerschweinchen verdient. Groß sollen die mutierenden Nager werden: groß genug, um auf ihnen zu reiten.

    Surreal oder superkritisch

    Nicht immer kann sich Kalss entscheiden, ob sie jetzt surreal sein möchte oder bloß superkritisch. Mit dem Auftauchen des Doktors (Gottfried Neuner) und der "Anderen" (Nicola Trub) wird die Aufführung breiig. Neuner verwendet als sich schindender Gemeindearzt viel Treuherzigkeit auf seinen Dackelblick. Seine Fluchtgefährtin darf nicht nur Meerschweinchen entbinden, sondern als Gunstgewerblerin anheuern.

    Über allen herzigen Ideen steht, unbeirrbar wie ein Fels, "die Gemeinde". Strasser entfaltet den milden Schrecken einer versteinerten Vernunft. In ihrer Darstellung werden viele Jahrzehnte angewandter Bürokratiekritik zum schauspielerischen Ereignis. Ihretwegen darf man einer Aufführung gratulieren, die sich ansonsten viel zu sehr ihrer eigenen Niedlichkeit erfreut. (Ronald Pohl, 7.3.2017)

    • Tohuwabohu in der Drachengasse (Ausstattung: Andrea Fischer): Michael Köhler und Petra Strasser als Gemeindediener.
      foto: andreas friess / picturedesk

      Tohuwabohu in der Drachengasse (Ausstattung: Andrea Fischer): Michael Köhler und Petra Strasser als Gemeindediener.

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