Was Männer sollen

    Kommentar8. März 2017, 06:00
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    Zum Weltfrauentag: Feminismus muss wieder unmittelbarer werden – dabei könnten alle mithelfen

    Man kann die Männer ja verstehen: Teilen, überlassen, Privilegien aufgeben – darauf hat keiner Lust. Andersrum: Sollen Frauen verpflichtend zum Heer gehen oder Zivildienst absolvieren? Danke, nein, wenn es nicht sein muss. Freiwillig später in Pension gehen? Sicher nicht! Es leuchtet ein, dass Männer sich wehren, wenn Frauen mehr wollen – aber nicht alle Pflichten übernehmen und Vorteile aufgeben wollen.

    Die süße Mär des modernen Feminismus lautet, dass von mehr Gleichberechtigung schließlich alle profitieren. In den Aufsichtsräten der zweihundert umsatzstärksten österreichischen Unternehmen beträgt der Frauenanteil derzeit 18 Prozent. Das bedeutet: Durch die von der Regierung geplante 30-Prozent-Quote werden einige Männer ihre Plätze räumen. Das wird denen nicht schmecken. Werden Geld und Macht per Gesetz anders verteilt, gibt es Verlierer. Das ist eine Milchbuben-Rechnung. Dieser Kampf um gleiche Rechte fordert Opfer.

    Was Feminismus heute noch bedeutet

    Inzwischen wissen viele junge Frauen aber nicht mehr, wofür eigentlich; was Feminismus heute überhaupt noch bedeutet. Bei seiner Einführung im Jahr 1911 war die zentrale Forderung des Weltfrauentags das Frauenwahlrecht. Das gibt es in Österreich seit 1918. Ende der Siebzigerjahre wurde mit der Fristenlösung das Recht auf Abtreibung gesetzlich verankert. Unsere Körper gehören uns, wir wählen, wir maturieren häufiger, schließen schneller und öfter Studien ab, das Patriarchat ist überwunden, die gläserne Decke brüchig, aber längst nicht zerschlagen.

    Natürlich gibt es noch Baustellen. Frauen verdienen weniger, putzen mehr, kümmern sich öfter alleine um Kinder, arbeiten häufiger in Teilzeit. Frauen leben aber auch länger und – glaubt man einer kürzlich veröffentlichten OGM-Umfrage – sind zufriedener in ihren Jobs.

    Es ist gut und wichtig, dass sich weiße, junge Mitteleuropäerinnen aus der gediegenen Mittelschicht weiterhin als Feministinnen bezeichnen. Man muss aber ehrlich sein: Es ist nicht mehr als Symbolik. Die Emanzipation, die Selbstbefreiung der Frau verkommt zu einem Schattenboxkampf, wenn sie für Frauen fern der eigenen Lebensrealität ausgetragen wird, mit denen man nie in Kontakt kommt. Es wird deshalb dringend Zeit, dass der Feminismus neue Formen annimmt, dass er wieder unmittelbarer wird. Es geht um gleiche Chancen. Was Frauen wollen, das sollte mittlerweile bekannt sein. Es muss langsam mehr darum gehen, was Männer sollen.

    Wenig Frauen in der Regierung

    Der Kanzler zum Beispiel. "In mir steckt ein ausgeprägter Feminist!", flötet Christian Kern im "Woman"-Interview. Seiner Regierung gehören – mit der neuen Gesundheitsministerin – drei Frauen an. Das ist die unausgewogenste Geschlechterverteilung in einer Koalition seit Franz Vranitzky. Kern und Mitterlehner sollten mehr Frauen in ihr Team holen.

    Die Männer könnten öfter putzen, einkaufen, kochen, sich um die Kinder kümmern, zuhören, da sein, zurückstecken. Männer könnten öfter in Karenz gehen und die Frauen in ihrer Arbeit unterstützen. In Schweden arbeiten zu 41 Prozent beide Eltern in Vollzeit, in Österreich gerade einmal jedes fünfte Paar.

    Männer könnten versuchen, die Kollegin aussprechen zu lassen und in der Arbeit nicht ständig den Besserwisser zu geben – nicht nur am Weltfrauentag. Männer könnten so viel tun, von dem alle ausschließlich profitieren – sie müssten nur wollen. (Katharina Mittelstaedt, 8.3.2017)

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      foto: apa/dpa/uwe zucchi
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