Hobbydrohnen im Irak: Wenn der Tod vom Himmel fällt

14. März 2017, 09:00
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Schlacht um Mossul: IS-Kämpfer setzen immer öfter Drohnen als Waffe gegen ihre Gegner ein

foto: afp photo / achilleas zavallis
Mitglieder der irakischen Sicherheitskräfte beim Start einer Drohne in Mossul.

Es begann harmlos: Eine kleine Drohne, nicht größer als ein Modellflugzeug, landete Anfang Oktober 2016 auf einer Straße in der kurdischen Stadt Dohuk, mehrere Kilometer nördlich der vom "Islamischen Staat" kontrollierten Metropole Mossul. Peschmerga-Kämpfer und Soldaten einer französischen Spezialeinheit hoben sie auf und transportierten sie zu ihrem Stützpunkt. Es folgte ein lauter Knall – die Drohne war von Kämpfern des IS mit Sprengstoff präpariert worden: Zwei Kurden starben, zwei französische Soldaten wurden verletzt.

foto: reuters/steve marcus
Verkaufshit: die Phantom-Drohne von DJI.

Sie tragen klingende Namen wie Phantom, Mavic oder Inspire – kleine Drohnen, die für Amateurfilme oder spektakuläre Fotoaufnahmen eingesetzt werden und sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Auch im Irak und Syrien – dort allerdings bei Extremisten, die die handelsüblichen Fluggeräte als Waffen verwenden.

Der Trick mit dem versteckten Sprengstoff, wie er auch in Dohuk angewandt wurde funktioniert mittlerweile nur noch bedingt. Für den IS kein Hindernis: Seit Beginn der Offensive in Mossul wurden die unbemannten Fluggeräte auch eingesetzt, um Waffen über feindlichen Zielen abzuwerfen.

Asymmetrischer Krieg in der Luft

Die asymmetrische Kriegsführung wurde in die Luft verlagert: Während entwickelte Staaten auf millionenschwere Drohnen, die manchmal die Größe eines Passagierflugzeuges erreichen, setzen, verwendet der IS Amateurfluggeräte, die online oft um wenige hundert Euro gekauft werden können: Die radikalen Islamisten benutzen die Drohnen, die sie mit einem offenbar eigens entwickelten Mechanismus versehen, um Granaten und selbstgebastelte Bomben über Zielen abzuwerfen. Am beliebtesten und genauesten haben sich für die Extremisten dabei Drohnen, die in der Luft schweben können – wie zum Beispiel die DJI-Phantom –, erwiesen.

screenshot: amaq
Mit handelsüblichen Drohnen greift der IS seine Gegner im Irak an – und nutzt das Bildmaterial auch gleich für seine Propaganda.

Mehr als 80 Drohnen wurden laut US-Streitkräften in den vergangenen Monaten gegen irakische Streitkräfte und ihre Verbündeten eingesetzt, rund ein Drittel davon wurden verwendet, um Bomben, Granaten oder anderes explosives Material abzuwerfen, oder entsprechend präpariert, um bei der Landung zu explodieren.

Papierkrieg

Während der IS in der Luft auf Hobbydrohnen setzt, sind Kauf, Wartung und Einsatz professionell geregelt. Vera Mironova, Wissenschafterin an der Kennedy School of Government der Universität Harvard, war auf Studienreise im Osten Mossuls, als sie auf eine Werkstatt für Drohnen nahe der Universität der Stadt stieß. Dort fand sie Dokumente, die den hohen bürokratischen Aufwand zeigen, mit dem der IS den Drohneneinsatz betreibt. Jede Mission wurde dokumentiert: Einsatzform (Spionage, Bombardement oder Übung), Einsatzort, Drohnenbauteile und Einsatzdetails werden schriftlich festgehalten.

Die irakischen Soldaten, die Moronova begleiteten, zeigten kein Interesse an den Dokumenten, also schickte sie sie an das Combating Terrorism Center der US-Militäruniversität Westpoint. Sie beweisen, dass der IS sein Drohnenprogramm institutionalisiert hat: Nicht nur der Einsatz, auch der Ankauf von speziellen Kameras, Speicherkarten und GPS-Geräten bis hin zu Ersatzpropellern wurde vom IS standardisiert.

Die Papiere zeigen auch noch einen anderen Aspekt: Die Idee, Drohnen für den Kampf einzusetzen, ist für die islamischen Extremisten nicht neu. Der Großteil der Schriftstücke stammt aus dem Jahr 2015. Das ist auch an einer anderen Front zu sehen: Schon seit Jahren werden in IS-Propagandafilmen Aufnahmen von Drohnen verwendet, um Schlachten eindrucksvoll in Szene zu setzen.

Hisbollah, Jund al-Aqsa und schiitische Milizen

Der IS war allerdings nicht die erste radikalislamische Gruppe, die die Idee, Drohnen als Waffen einzusetzen, hatte. Die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah versuchte bereits 2006 bewaffnete Drohnen gegen Israel einzusetzen.

Zehn Jahre später, im August 2016, veröffentlichte die Hisbollah ein Video, das erneut einen Drohneneinsatz zeigt – diesmal gegen Sunniten südlich von Aleppo.

الاعلام الحربي المركزي

Im September 2016 veröffentlichte die syrische Jihadistengruppe Jund al-Aqsa ein Video, das einen Angriff mit einer Drohne auf Soldaten des syrischen Regimes zeigt.

Auch auf der Gegenseite finden mittlerweile Drohnen als Waffen Verwendung: Anfang März wurde ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie ein Quadcopter der irakischen Polizei Stellungen des "Islamischen Staats" angreift. Die schiitischen Hashd-Milizen folgten prompt:

Die US-Streitkräfte haben bereits vergangenen Sommer auf die neue Bedrohung aus der Luft reagiert und eine Erhöhung des Budgets für die Drohnenabwehr beantragt. (Stefan Binder, 14.3.2017)

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