Neues Haus für Wiener Spitzenforschung

11. März 2017, 09:00
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Vergangene Woche wurde das Institut für Molekulare Pathologie in Wien eröffnet. Das 52 Millionen Euro teure Laborgebäude versteht sich als ein Ort der Grundlagenforschung – und der zwischenmenschlichen Begegnung

Wien – Im Terrarium im dritten Stock sitzt ein weißer Axolotl mit roter Kiemenmähne und schaut beim Fenster raus. "Wir betreiben hier Grundlagenforschung", sagt Elly Tanaka, Senior Scientist für regenerative Therapien und vertebrale Regeneration am Research Institute of Molecular Pathology (IMP) in Wien. "Und das Tier spielt insofern eine wichtige Rolle, als er in der Lage ist, Organe, Körperteile, ja sogar ganze Gliedmaßen zu reproduzieren. Vielleicht werden wir Menschen uns eines Tages davon etwas abschauen können."

Das IMP jedenfalls hat sich an Axolotls Renaissance bereits ein Beispiel genommen. Nachdem der alte Standort, eine adaptierte Radiofabrik aus den 1950er-Jahren, veraltet und somit nicht mehr flexibel und räumlich wettbewerbsfähig war, wurde er abgestoßen und machte Platz für einen Neubau. Vergangenen Mittwoch, den 1. März, wurde das neue IMP in St. Marx nach eineinhalb Jahren Bauzeit feierlich eröffnet. Das 15.000 Quadratmeter große Haus zählt zu den modernsten Laborgebäuden Österreichs.

Wert auf Flexibilität gelegt

"Wir haben von Anfang an Wert darauf gelegt, dass der Neubau flexibel und somit offen und leicht adaptierbar für spätere technologische Entwicklungen ist", sagt Harald Isemann, kaufmännischer Direktor des Instituts. "Forschungsarbeit ändert sich rapide. Und nachdem wir heute noch nicht wissen, was die Anforderungen in zwanzig Jahren sein werden, müssen wir auf alle Eventualitäten vorbereitet sein." Außerdem, sagt Isemann, habe man sich nach einem kommunikationsfördernden Ort gesehnt, an dem nicht nur Kollegen, sondern auch Forscherinnen aus unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern leicht miteinander in Kontakt treten können.

Erreicht wurde all das durch die ungewöhnliche Organisation der Räume. Im Gegensatz zur klassischen dreihüftigen Strukturierung nämlich – drei parallele Zonen für Laborbereich, Instrumentenräume und Büros – wurden die Laborräume im IMP an die beiden äußeren Enden geschoben. Zwischen den beiden Labor-Clustern im Nordosten und im Südwesten des länglichen Gebäudes tut sich nun eine offene Bürolandschaft auf, wobei die einzelnen Arbeitsplatzgruppen zu terrassierten Splitlevels und Kaskaden gruppiert sind.

Zentraler Luftraum

Der zentrale Luftraum, an dem Foyer, Bibliothek und Teeküchen liegen, erstreckt sich vom Erdgeschoß bis in den sechsten Stock hoch. Dazu kommt eine interne Brückenverbindung zum bestehenden Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) und zum Gregor-Mendel-Institut (GMI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Die Idee dazu stammt vom Innsbrucker Büro ATP Architekten und Ingenieure, das 2014 aus einem geladenen Wettbewerb unter vier österreichischen Planungsbüros als Sieger hervorgegangen war. "Früher war Forschung etwas Introvertiertes, etwas auf sich selbst Konzentriertes", meint Andreas Aichholzer, Projektleiter bei ATP. "Heute jedoch ist Kommunikation das wichtigste Gut. Entlang der Stiegen, die von Geschoß zu Geschoß wandern und auf diese Weise eine vertikale Straße ergeben, gibt es Arbeitsbereiche, Besprechungsräume und Lounge-Areas."

Herausforderung Akustik

Eine der größten Herausforderungen war die Akustik. Spezieller Putz an Wand und Decke, Teppichboden und zentimeterdick gepolsterte Wandpaneele schlucken den Schall und verwandeln die offenen Computer-Workstations, die jeder der insgesamt 170 Forscher zusätzlich zur Laborbank als Arbeitsplatz für sich in Anspruch nimmt, in eine nahezu schweigsame Bürolandschaft. Bei der Ausschreibung hat man sich am Institut für Biochemie der Universität Oxford sowie am Francis Crick Institute in London orientiert.

Aufwendige Haustechnik

Besonders aufwendig ist die gesamte Haustechnik, die nach Auskunft der Architekten rund 45 Prozent des Baubudgets verschlungen hat. "Um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren, wird der Großteil der Energie recycelt", erzählt Aichholzer. Geheizt wird mit Fernwärme, gekühlt mit einer zentralen Kälteanlage über Kühldecken. Mittels Wärmerückgewinnung sollen 70 Prozent der eingebrachten Energie wieder in den Kreislauf rückgespeist werden. Das reduziert den Primärenergiebedarf dramatisch – bedenkt man, dass allein die Lüftungsleistung in den Laboren sechsmal so stark ist wie in einem herkömmlichen Büro.

Hauptsponsor Boehringer Ingelheim

Die Gesamtinvestitionskosten für das schwarz-weiß gestreifte IMP belaufen sich auf 52 Millionen Euro. Hauptsponsor ist der deutsche Pharmakonzern Boehringer Ingelheim, der an seinem Standort Wien den gesamten Lebenszyklus von der Grundlagenforschung bis zur Pharmaproduktion abgedeckt wissen will und das IMP jährlich mit weiteren zwanzig Millionen Euro unterstützt. "Das Institut ist eine wichtige Unterstützung unserer Strategie", sagt Philipp von Lattorff, Generaldirektor Boehringer Ingelheim im regional Center Vienna. (Wojciech Czaja, 11.3.2017)

  • Das neue Gebäude des Instituts für Molekulare Pathologie (IMP) mit einer offenen, nahezu  schweigsamen Bürolandschaft ...
    foto: atp/kurt kuball

    Das neue Gebäude des Instituts für Molekulare Pathologie (IMP) mit einer offenen, nahezu schweigsamen Bürolandschaft ...

  • ... und einer Brücke ins Nachbargebäude.
    foto: atp/kurt kuball

    ... und einer Brücke ins Nachbargebäude.

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