Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand": Nationalismus im Privaten

7. März 2017, 17:17
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Furios: Cesare Lievi lässt am Stadttheater Klagenfurt Himmlers Geburtstag feiern

Klagenfurt – Selbst Regierungsmitglieder schreckten zu Lebzeiten Thomas Bernhards (1931-1989) nicht davor zurück, ihn zu einem Fall für die Psychiatrie zu erklären. Waren das noch Aufregungen! Es war unausweichlich, dass die Nachwelt eine solche Generalanklage Stück für Stück entschärft. Aber manchmal, wie jetzt in Cesare Lievis Inszenierung von Vor dem Ruhestand am Stadttheater, hat man das Gefühl, das Weltgericht habe noch einmal einen Verhandlungstag angesetzt.

Bernhard hatte recht

Es gibt sie ja unvermindert, die Krypto-Nazis vom Schlag des Gerichtspräsidenten Rudolf Höller. Da taucht in einem Landhaus eine Sammlung von Waffen und NS-Relikten auf. Dort geht einer als Hitler verkleidet sogar am helllichten Tag durch die Stadt. Bernhard hatte recht, so zertrümmert konnte der himmelschreiende Unrechtsstaat gar nicht werden, dass nicht aus dem Staub dieser humanen Beschämung irgendwo immer noch etwas aufstünde, das entschlossen ist, tausendjährig zu bleiben. Und es ist wirklich Schutt, den Lievi mit seinem Bühnenbildner Maurizio Balò über die Höller'sche Wohnung gekippt hat.

Da wird hinter verschlossenen Türen der Geburtstag des Reichsführers SS Heinrich Himmler gefeiert. Der Hausherr, selbst einst "stellvertretender Lagerkommandant", wirft sich in seine Paradeuniform. Und man fühlt sich, das ist das Perfideste, einig mit einem ganzen Volk, dem nur der Mut fehlt, zu seiner "Idee" zu stehen.

Alle Hoffnung verglimmt

Mehrfach von Theater heute zum Schauspieler des Jahres gekürt, ist der Hamburger Michael Prelle ein Protagonist, der Massenmord und Poesie mit erschreckender Selbstverständlichkeit unter eine Offizierskappe bringt. Keine seiner Handlungen kann grausam genug sein, dass seine Schwester Vera (grandios: Irene Kugler) ihm nicht auch noch die kleinsten Gewissensbisse von der Stirne küsst, bezopft bis ins Alter, eine "deutsche Frau".

Clara (Cornelia Kündgen), die jüngste der drei Geschwister, wäre die Einzige, von der man sich Widerstand erhoffen könnte. Dass sie gelähmt ist, steht symbolisch für den tiefen Pessimismus von Bernhards Analyse. Auch sonst verglimmt alle Hoffnung in symbolischen Funken. Man sollte seelisch gefestigt sein, um diese ausgezeichnete Produktion zu besuchen. Und für nachher wird man besser gleich eine Unternehmung einplanen, die einen wieder halbwegs aufbaut. (Michael Cerha, 7.3.2017)

  • Heimlich Himmlers Geburtstag  feiern (C. Köndgen, M. Prelle, I. Kugler).
    foto: karlheinz fessl

    Heimlich Himmlers Geburtstag feiern (C. Köndgen, M. Prelle, I. Kugler).

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