Politologe Freedman: "140 Twitter-Buchstaben sind kein politisches Engagement"

Interview12. März 2017, 10:00
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US-Wahlforscher Paul Freedman war von Trumps Sieg überrascht und freut sich über das verstärkte Engagement der Bürger, seit dieser Präsident ist

In fast jedem anderen Land der Welt hätte am 8. November 2016 nicht Donald Trump, sondern Hillary Clinton die Präsidentschaftswahl gewonnen – schließlich lag sie mit 65.853.625 Stimmen (48,03 Prozent) um 2.868.519 Stimmen vor Donald Trump, dem 62.985.106 Wählerinnen und Wähler (46,09 Prozent) das Vertrauen aussprachen. Wegen des US-Wahlgesetzes entfielen aber letztlich 304 Wahlmänner-Stimmen auf den Republikaner und 227 auf die Demokratin.

Der Politologe und Wahlforscher Paul Freedman von der University of Virginia hat sich die Ergebnisse im Detail angesehen – und festgestellt, dass Trump letzten Endes mit dem denkbar knappen Vorsprung von insgesamt 77.744 Stimmen gewann. Diesen Vorsprung holte er überraschend in drei Bundesstaaten, wo er vorab als chancenlos gegolten hatte. Freedman war auf Einladung der US-Botschaft und der Österreichischen Public-Affairs-Vereinigung (ÖPAV) in Wien.

STANDARD: Ganz ehrlich: Ab wann wussten Sie, dass Donald Trump statt Hillary Clinton gewinnen würde?

Paul Freedman: Erst sehr spät am Wahlabend selbst. Als die ersten Ergebnisse hereinkamen, wussten wir zumindest, dass es kein "früher Abend" werden würde; dass das Rennen knapper als erwartet werden würde. Dann, um zwei oder drei Uhr in der Früh, war es klar: Es hat sich etwas gedreht, es ist etwas passiert.

STANDARD: Die Wahl verlief also nicht so, wie sich die Demoskopen es sich erwartet hatten?

Freedman: Nein. Die knapperen Ergebnisse im Vergleich zu den Prognosen machten deutlich: Es wird für Clinton keinen Durchmarsch, keinen Erdrutschsieg geben, sondern eine Niederlage. Aber ich muss ganz ehrlich zugeben: Diese Erkenntnis, dass Trump gewinnen würde, die stellte sich für uns alle erst ein, als die Wahllokale schon geschlossen waren. Während des gesamten Wahlkampfs waren sich die meisten sicher, dass Clinton gewinnen würde. Im Allgemeinen wurde Clinton eine Siegeschance von 70 oder mehr Prozent gegeben. Es drehte sich also alles erst direkt in der Wahlzelle. Und das wussten weder die Wahlkampfexperten von Clinton noch die von Trump. Niemand konnte es vorher wissen. Und ich werde wohl so schnell keine Prognose mehr abgeben. (lacht)

foto: afp photo / bryan r. smith
Michael Moore sah es kommen: Schon im Sommer 2016 warnte er vor einem Sieg von Donald Trump.

STANDARD: Einer der wenigen, die schon frühzeitig mit einem Sieg von Trump rechneten, war der Politaktivist und Filmemacher Michael Moore. Wurde er in den USA gehört oder bloß als linker Spinner abgetan?

Freedman: Moore war mit seiner Wahrnehmung und Warnung nicht alleine, es gab mehrere Personen, die diese Prognose stellten. Michael Moore im Besonderen hat eine sehr große Anhängerschaft. Er wurde gehört, aber nicht genug ernst genommen, denn wir hatten ja so viele Daten, die fast alle das genaue Gegenteil prognostizierten! Und ich rede da nicht nur von Umfragen, sondern auch von anderen Faktoren, die eine Prognose beeinflussen: TV-Werbeausgaben, allgemeines Fundraising für die Kandidaten. Man hörte Moore und teilte vielleicht manche seiner Ansichten, sagte sich dann aber: Der ist ja unprofessionell, denn die Daten sprechen eine andere Sprache.

STANDARD: Dabei waren es aber vielleicht die Daten, die inkorrekt waren?

Freedman: Ja, zum Teil war die Datenerhebung wohl nicht exakt genug. Das war das große, hauptsächliche Problem in diesem Wahlkampf – in beiden Parteilagern und auch vom unabhängigen Standpunkt aus.

STANDARD: Was lernen also Meinungsforscher aus dieser Wahl?

Freedman: Auf nationaler Ebene lagen die Umfragen und Projektionen gar nicht so arg daneben, denn Clinton gewann die Mehrheit der Wählerstimmen mit einem Vorsprung von fast drei Millionen. Das war aber eben nur der eine Teil der Geschichte. Der andere spielte sich auf der Ebene der 50 Bundesstaaten ab. Bei vielen wussten wir – und wir wurden zumeist bestätigt –, dass das Rennen eindeutig sein würde. In ein paar Staaten hingegen wussten wir, dass die Einzelergebnisse sehr, sehr knapp sein würden: in den sogenannten Swing States. Ohio, zum Beispiel, oder Nevada und Florida. Doch auch diese Staaten waren nicht das Problem ...

STANDARD: Welche dann?

Freedman: Letztlich ging es um drei Staaten: Wisconsin, Michigan, Pennsylvania. Mit denen hatten wir alle nicht gerechnet, dort war das Ergebnis anders als prognostiziert und sorgte für riesige Überraschungen. Drei Staaten, die eigentlich eine Bank für Clinton hätten sein sollen. Die Ergebnisse in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania waren aber auch sehr knapp. Zählt man alles zusammen, hat Trump dort insgesamt mit nur 77.744 Stimmen Vorsprung gewonnen. Und daher bekam er natürlich alle Wahlmännerstimmen dieser drei Staaten: Wisconsin zehn, Michigan 16, Pennsylvania 20. Ohne diese 46 Wahlmänner hätte Trump nicht mit 306 zu 232 Wahlmännerstimmen gewonnen, sondern mit 260 zu 278 verloren. In diesen drei Staaten hatten definitiv wir ein Prognoseproblem, diese drei Staaten haben wir definitiv nicht richtig gelesen. (Schlussendlich – nicht nur rechnerisch – erhielt Trump nur 304 der ihm zugesprochenen 306 Stimmen, weil sich zwei Wahlmänner zu einem Regelverstoß entschlossen und jemand anderem ihre eigentlich für Trump vorgesehene Stimme gaben. Ähnliches passierte Clinton, die statt der ihr zugesprochenen 232 nur 227 Wahlmännerstimmen erhielt, Anm.)

foto: reuters/mike segar
Dass die Jungen zum allergrößten Teil für Hillary Clinton gestimmt hätten, gehört ins Reich der Legenden. Clintons Vorsprung auf Trump betrug in diesem Wählersegment vergleichsweise bescheidene 19 Prozentpunkte.

STANDARD: Die Wahl, so heißt es immer wieder, wurde von weißen, älteren Männern gewonnen. Wie wählten hingegen Frauen und die junge Generation?

Freedman: Beginnen wir mit den Jungen im Alter von 18 bis 29 Jahren. Diese Wählergruppe sprach sich mit einem Abstand von 19 Prozentpunkten für Clinton und gegen Trump aus: 55 zu 36 Prozent, eine große – aber nicht sehr große – Kluft. Bei Barack Obama gegen Mitt Romney 2012 war der Unterschied größer: 23 Prozentpunkte. Und 2008, bei Obamas "Yes we can"-Kampagne, als besonders viele Junge mobilisiert wurden, waren es sogar 34 Prozentpunkte Unterschied zu John McCain. Man sieht also: Diese Wählergruppe bevorzugte 2016 zwar immer noch die Demokraten, aber der Abstand ist weit geringer geworden ...

STANDARD: ... weil die Jungen lieber Bernie Sanders als Clinton gehabt hätten?

Freedman: Das sieht so aus, ist aber eine Hypothese. Was aber besonders interessant bei den tatsächlich existierenden Daten ist, ist der Umstand, dass 2016 die Jungen 19 Prozent aller Wähler ausgemacht haben – gleich viel wie 2012. Das heißt also, dass sich die Jungen diesmal verstärkt den Konservativen zugewandt haben.

STANDARD: Gab es diesen Trend auch bei der Wählergruppe der Frauen?

Freedman: Ja, das Muster ist ähnlich. 2012 machte der Anteil der Frauen an der gesamten Wählerschaft 53 Prozent aus, 55 Prozent wählten damals Obama. 2016 war der Wähleranteil gleich groß, und 54 Prozent stimmten für Clinton. Also minimal weniger.

STANDARD: Das heißt, dass es mit Clinton zwar erstmals eine Spitzenkandidatin gab, dass diese aber die Frauen weniger ansprechen konnte als der Mann Obama vier Jahre zuvor?

Freedman: Ja, und das in einem Jahr, in dem Geschlechterrollen ganz besonders betont wurden, in beiden Lagern freilich auf verschiedene Art und Weise. Es war eine historische Sache: zum ersten Mal eine Frau als Spitzenkandidatin einer der beiden großen Parteien. Das wurde von den Demokraten auch intensiv und mit viel Symbolik inszeniert, etwa beim Parteitag in Philadelphia. Zweifellos hoffte und erwartete man, dass Frauen verstärkt mobilisiert würden und sich entschließen würden, in größerer Zahl zur Wahl zu gehen. Auf der republikanischen Seite hatte Trump unglaublich große Probleme. Seine befremdlichen Äußerungen über Frauen sind ja wohl bekannt, ebenso die Berichte über angebliches Fehlverhalten Frauen gegenüber.

Es war also zu erwarten, dass das Genderthema sich auf beiden Seiten auswirken würde, und sei es nur in Form von ein paar Prozentpunkten mehr Wahlbeteiligung bei den Frauen. Was war stattdessen? Es gingen nicht nur nicht mehr Frauen zur Wahl, nein, sie waren sogar in einem geringeren Ausmaß bereit, Clinton zu wählen, als Obama vier Jahre zuvor. Das sagt schon einiges aus über die Wählerschaft, aber auch über das Charisma der Kandidaten. Mit Sicherheit kann man sagen, dass die Strategie der Demokraten, mehr Frauen an die Urne zu bekommen, gescheitert ist.

foto: afp photo / timothy a. clary
Clintons Strategie, vor allem bei Frauen zu punkten, ging nicht auf. Während 55 Prozent der Frauen im Jahr 2012 für Obama stimmten, waren es 2016 "nur" 54 Prozent für Clinton.

STANDARD: Trump liebt Ratings und Umfragen. Aber offenbar nur solche, bei denen er selbst gut abschneidet, während er negative Ergebnisse als "Fake-News" bezeichnet. Wie sehr lässt sich Trump von Umfragen leiten?

Freedman: Wenn du dermaßen besessen bist von Umfragen, dann nimmst du sie offenbar sehr ernst. Trumps Problem ist, dass er mit historisch schlechten Umfragewerten ins Amt ging, und seitdem sind sie noch weiter gesunken. Er liegt laut Gallup schon jetzt bei nur 40 bis 45 Prozent. Das Spannende ist aber, wie sich die Ansichten zwischen Demokraten und Republikanern unterscheiden. So stehen die Konservativen mit rund 87 Prozent hinter "ihrem" Präsidenten, während bei den Demokraten nur rund zehn Prozent sagen, dass Trump gute Arbeit leistet. Parteiunabhängige Befragte geben zu rund 35 Prozent eine gute Bewertung ab. Auch das ist historisch wenig.

STANDARD: Das lässt auf eine tiefe Kluft in der amerikanischen Gesellschaft schließen ...

Freedman: Wenn wir vom Ausmaß der Werte sprechen: Ja, aber prinzipiell ist das nichts Neues. Es ist historisch belegt, dass Republikaner "ihre" Präsidenten jeweils besser beurteilen als die Demokraten "ihren" Repräsentanten im Weißen Haus. Was dieses Mal besonders stark ausgeprägt ist, ist die Ablehnung durch das gegnerische Lager und durch die Unabhängigen. Das sind stärkere Werte als bei vergangenen Präsidenten.

STANDARD: Ist Trump als Person für diese Spaltung verantwortlich?

Freedman: Er macht sie zumindest sichtbarer. Seine Wahl macht deutlich, dass es diese Spannung schon gab, seine Regierungsarbeit und seine Aussagen verstärken die Polarisierung aber zusätzlich, vor allem auf der Linken. Gute Beispiele sind seine Migrationspolitik, aber auch seine Personalentscheidungen. Das hat interessanterweise zu verstärkten Kontakten der Wähler mit den für sie zuständigen Politikern im Kongress geführt, auf der einen wie auf der anderen Seite. Zurzeit gibt es USA-weit so viele Bürgerversammlungen wie schon sehr lange nicht mehr. Öfter als früher fahren die Abgeordneten und Senatoren in ihre Heimatbezirke und treffen sich mit ihren Wählern, suchen den Kontakt, holen sich Bestätigung oder liefern Rechtfertigungen.

foto: reuters/jonathan bachman
Ein typisches Townhall-Meeting: Der republikanische Senator Bill Cassidy stellt sich in New Orleans seinen – teilweise aufgebrachten – Wählern.

STANDARD: Die Politik geht also im wahrsten physischen Sinn wieder mehr auf die Menschen zu?

Freedman: Ja. Ab 2009 gab es das schon aufseiten der Republikaner, nach Obamas Wahlerfolg. Es entstand eine Aktionsbewegung, die als "Tea Party" bekannt wurde und die vor allem als Widerstand gegen Obamas Regierungspläne gemeint war. Nun, acht Jahre später, sehen wir das Gleiche auf der linken Seite, auf jener der Demokraten. Auch hier reagiert man auf Trumps Regierungspolitik. Aus meinem Heimatbezirk im Bundesstaat Virginia kann ich von einem gewaltigen Aufschrei berichten, weil unser Abgeordneter sich dem direkten Gespräch mit den Wählern nicht persönlich stellen wollte. Also veranstaltete man eine Bürgerversammlung "in absentia", ohne den Abgeordneten, um so die eigene Unzufriedenheit zu dokumentieren.

STANDARD: Das ist ja prinzipiell eine gute Sache, wenn sich Politiker auch zwischen den Urnengängen ihren Wählern stellen, oder?

Freedman: Es gibt nichts Negatives daran, wenn Bürgerpolitik aktiv und friedlich ist. Das ist gesund. Eine robuste Demokratie ist eine, in der die Menschen ihre Meinungen und Prioritäten mitteilen und vertreten können. Und es ist gut, wenn die Politiker sich all das anhören. Das heißt ja noch lange nicht, dass jede Forderung beherzigt und umgesetzt werden muss.

STANDARD: Es ist doch interessant, dass in einer Zeit, in der alles über das Internet "virtualisiert" wird, es ein Bedürfnis gibt, Politik wieder auf die persönliche, "analoge", lokale Ebene zu holen ...

Freedman: Absolut. Wir leben in einer Ära, in der 140 Twitter-Buchstaben mit politischem Engagement verwechselt werden. Daher ist diese neue, alte Diskussion von Angesicht zu Angesicht, diese persönliche Begegnung eine sehr gute, gesunde Sache. Die Politiker können wieder hören – und nicht nur lesen –, was du zu sagen hast. Das ist Demokratie im ursprünglichen Sinn. (Gianluca Wallisch, 12.3.2017)

foto: university of virginia
Paul Freedman (50) ist Politikprofessor an der Universität Virginia mit Spezialgebiet Meinungsforschung und Wählerverhalten. Seit 2000 ist er auch als Wahlanalyst für den TV-Sender ABC News in New York tätig. Freedman war auf Einladung der US-Botschaft und der Österreichischen Public-Affairs-Vereinigung in Wien.
  • So rauschend und großartig, wie Donald Trump gerne tut, war sein Wahlsieg (im Bild in der Wahlnacht mit seiner Familie) dann doch nicht: Nur aufgrund knapper Siege in drei Staaten konnte er die Mehrheit der Wahlmänner bekommen. Insgesamt ging es um nicht einmal 78.000 Stimmen.
    foto:reuters/lucas jackson

    So rauschend und großartig, wie Donald Trump gerne tut, war sein Wahlsieg (im Bild in der Wahlnacht mit seiner Familie) dann doch nicht: Nur aufgrund knapper Siege in drei Staaten konnte er die Mehrheit der Wahlmänner bekommen. Insgesamt ging es um nicht einmal 78.000 Stimmen.

  • Drei Staaten im "Rust Belt" gaben nach Freedmans Interpretation den Ausschlag für Trumps knappen Sieg: Dort gewann er knapp mit 22.748 Stimmen in Wisconsin (10 Wahlmänner), mit 10.704 Stimmen in Michigan (16 Wahlmänner) und mit 44.292 Stimmen in Pennsylvania (20 Wahlmänner). Diese Staaten waren von den Demoskopen vor der Wahl auf beiden Seiten falsch eingeschätzt worden.
    foto: 270towin.com

    Drei Staaten im "Rust Belt" gaben nach Freedmans Interpretation den Ausschlag für Trumps knappen Sieg: Dort gewann er knapp mit 22.748 Stimmen in Wisconsin (10 Wahlmänner), mit 10.704 Stimmen in Michigan (16 Wahlmänner) und mit 44.292 Stimmen in Pennsylvania (20 Wahlmänner). Diese Staaten waren von den Demoskopen vor der Wahl auf beiden Seiten falsch eingeschätzt worden.

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