Wenn Kinder "hassen" – nur emotionaler Moment oder doch ein Problem?

Blog10. März 2017, 08:00
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Wie Eltern mit dem "Hass" der Kinder umgehen sollen

Die fünfjährige Jasmin möchte noch ein Eis und bettelt bei der Mama, dass sie ihr doch bitte noch eines kaufen soll. Sie jammert und weint und zieht die Mama Richtung Eisgeschäft. Renate erklärt der Kleinen, wieso sie kein zweites Eis bekommt und möchte weitergehen. "Ich hasse dich!", schluchzt Jasmin plötzlich laut und deutlich. Renate ist total erschrocken über die Worte ihrer Tochter und weiß nicht, wie sie reagieren soll.

Beim Mittagessen in der Schule hört die Pädagogin, wie sich die Kinder der ersten und zweiten Klassen über das Essen unterhalten. "Ich hasse dieses Gemüse!", meint Patrick, und Tobias stimmt ein: "Und ich hasse Fischstäbchen." Immer mehr Kinder erzählen, welche Lebensmittel sie nicht mögen und drücken ihren Abscheu mit dem Wort "hassen" aus.

Als der siebenjährige Laurin nach dem Hort endlich zu Hause ist, sagt er seinen Eltern, dass heute ein ganz schlechter Tag sei. Als der Vater fragt, was denn los sei, erzählt Laurin vom Streit mit seinem besten Freund Alexander. Beim Fußballmatch wollte Alexander heute nicht mitspielen, und deswegen habe Laurins Mannschaft verloren. "Der Alexander schießt ja immer die Tore, er ist schuld, dass wir verloren haben! Jetzt ist er nicht mehr mein Freund, und ich hasse ihn!" Laurin weint jetzt. Die Eltern trösten ihn und nehmen sich vor, am Abend nochmals mit ihm darüber zu reden.

Peter und seine Zwillingsschwester Martina sitzen in ihren Zimmern, lernen und machen ihre Hausübungen. Sie sind sich einig darin, dass sie gerne der Freunde wegen in die Schule gehen, aber sie hassen es, ihre Hausübungen zu machen und für die Schularbeiten zu lernen.

"Ich hasse dich!"

Wenn Kinder schreien: "Ich hasse dich!", dann tut das erstmal weh. In den meisten Fällen ist das ein Ausbruch von Wut darüber, dass die Mutter oder der Vater nicht so reagieren, wie das Kind sich das gewünscht hat. Die Worte sind meist unüberlegt und drücken nur den Ärger und die Hilflosigkeit des Kindes aus. Dass diese Worte den anderen verletzen, ist vielen Kindern nicht bewusst.

Eltern sind oft ganz entsetzt, wenn Kinder so reden, wenn Kinder der Mama, dem Papa, der Freundin oder dem Freund so etwas entgegenschleudern. Wie kommen die Kinder auf diese Ausdrücke, wo haben sie das her? Wieso sagen Kinder nicht mehr: "Ich mag das nicht!", "Ich mag dich nicht mehr!" und verwenden so ein hartes Wort wie "hassen"? Sie sehen und hören, was die Eltern, die Pädagogen, die Erwachsenen reden, was im Fernsehen, im Internet, auf Youtube et cetera gesprochen wird.

Viele Erwachsenen passen im Alltag meist zu wenig darauf auf, ob Kinder in der Nähe sind und mithören können. Sie reden mit anderen Erwachsenen über die politische und gesellschaftliche Situation, über die Flüchtlingskrise und was das für den Einzelnen bedeutet, über vielerlei private Themen, Krisen in Beziehungen und Schwierigkeiten im Arbeitsleben und mit Kolleginnen und Kollegen.

Eltern müssen auf ihre Worte achten

Eltern gehen immer wieder davon aus, dass die Kinder nicht zuhören und solche Themen für den Nachwuchs uninteressant sind. Sie vergessen oder unterschätzen dabei die Neugier der kleinen und größeren Kinder und ihre Fähigkeit, ganz nebenbei etwas aufzuschnappen. Diese stellen gerne ihre Lauscher auf und hören somit oftmals Dinge, die nicht für ihre Ohren bestimmt sind.

Wenn Kinder nur Teile des Gesagten verstehen, machen sie sich ihre eigenen Gedanken dazu und zimmern sich ihre Weltsicht zurecht. Und die Eltern fragen sich dann oft, woher die Kleinen das Vokabular und die Vorstellungen von Dingen haben. Auch kommt es vor, dass Eltern viel zu viel mit ihren Kindern besprechen, oftmals auch über Themen reden, die nicht altersadäquat sind.

Wenn Kinder zu solchen schwierigen Themen Fragen haben, dann brauchen sie Antworten, die für ihren Entwicklungsstand passend sind und nur die gestellte Frage beantworten. Zusätzliche Erklärungen sind Kindern oft zu viel, zu lange, und sie verstehen sie wahrscheinlich nicht. Zu viele Informationen belasten die Kinder und verstören sie vielleicht auch.

Vor allem kleine Kinder drücken mit solch einem Ausbruch nur eine momentane Emotion aus. Sie haben diese Worte irgendwo aufgeschnappt, sie verwenden sie oftmals, ohne genau zu wissen, was sie da sagen. Sie haben aber auch den Zusammenhang mit der damit ausgedrückten Emotion gespeichert und können die Worte daher passend einsetzen. Das ist das gleiche Prinzip, mit dem kleine Kinder Schimpfworte verwenden, von denen sie nicht wissen, was sie bedeuten.

Umgang mit solch einem Ausbruch

Je nach Alter des Kindes muss man unterscheiden, ob das Kind weiß, was es sagt, ob es vielleicht nur etwas nachplappert, um zu sehen, wie die Erwachsenen reagieren, ob es einfach die Grenzen austesten will oder ob es tatsächlich meint, was es sagt. Bezugspersonen können das Gesagte überhören. Sie können darauf reagieren, indem sie nachfragen, was das Kind damit gemeint hat oder was denn dieses Wort heißt.

Ein Elternteil, der sich gerade anhören musste, dass das eigene Kind sagt "Ich hasse dich!", kann seinem Nachwuchs klarmachen, dass er seine Wut, seinen Ärger verstehen kann, dass er traurig darüber ist, wenn das Kind sagt, dass es die Mama oder den Papa hasst, und dass er diesen Ausdruck nicht mehr hören möchte.

Worauf legen Menschen ihren Fokus?

Bezugspersonen sind die wichtigsten Menschen im Leben eines Kindes und prägen von Anfang an sein Weltbild. Manchmal bestimmen einfach die täglichen Nachrichten, die Schwierigkeiten im Beruf und in der Familie den Alltag, und die Wortwahl der Erwachsenen ist dann manchmal nicht für Kinderohren geeignet. Es ist aber nicht notwendig, dass die Kinder all die unschönen Dinge mitbekommen, dass sie die Worte hören.

Das Miterleben von Aussagen und Reaktionen der Erwachsenen, die von Hass geprägt sind, ist im weitesten Sinne eine Erziehung der Kinder zu Abwertung, Ausgrenzung, Intoleranz, zum Gegeneinander statt zum Miteinander. Die Erwachsenen sollten sich also viel mehr an der eigenen Nase nehmen und achtsamer mit ihren Worten sein, wenn Kinder in der Nähe sind.

Denn die Aufgabe der Eltern ist es, ihren Kindern die Chance zu geben, möglichst unbeschwert aufzuwachsen und vor allen auf das Positive und das Schöne im Leben zu fokussieren.

Ihre Erfahrungen?

Haben Ihre Kinder schon mal mit "Ich hasse dich!" reagiert? Wie gehen Sie mit solchen Aussagen um? Posten Sie Ihre Erfahrungen, Fragen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 10.3.2017)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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