Wie der Mehrkampf zu einer österreichischen Domäne wurde

6. März 2017, 21:58
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Die Hallen-EM bestätigte einen Leichtathletik-Trend. Was ist Ivona Dadic, Dominik Distelberger und anderen noch zuzutrauen? Verbandspräsidentin Sonja Spendelhofer benennt das Ziel: "Medaillen"

Belgrad/Wien – "Talentesichtung, Nachwuchsarbeit, systematische Förderung." Diese drei Punkte haben Österreich zu einer Mehrkampfnation gemacht, sagt Sonja Spendelhofer, die Präsidentin des Leichtathletikverbands (ÖLV). Bei der Hallen-EM am Wochenende in Belgrad kamen ein zweiter (Ivona Dadic), ein vierter (Dominik Distelberger) und ein sechster Platz (Verena Preiner) heraus, das lässt sich erstens sehen und lässt zweitens zu Recht auf eine breite Basis schließen. Seit Jahren tut sich in dieser Disziplin, die so viele Disziplinen verbindet, besonders viel im Nachwuchsbereich, besonders bei den Mädchen.

Bereits einen Namen gemacht hat sich die Kärntnerin Sarah Lagger (17), die als 16-Jährige schon U20-Weltmeisterin war. Bei ebenjenen Titelkämpfen belegte die Steirerin Karin Strametz (18) den siebenten Platz. Auch Dadic (23) und Preiner (22) sind in einem Alter, in dem Mehrkämpferinnen ihrem Zenit üblicherweise noch entgegenstreben. Vergleichsweise allein auf weiter Flur ist Distelberger (26), doch könnte auch ihm mit Leon Okafor (17) bald interne Konkurrenz erwachsen.

Okafor ist beim oberösterreichischen Verein TGW Zehnkampf Union ein Schützling von Georg Werthner, der viermal an Olympischen Spielen teilnahm und 1980 in Moskau Rang vier belegte. Laut ÖLV-Präsidentin Spendelhofer liefert Werthner "ein gutes Beispiel für die aufopferungsvolle Arbeit, die von vielen Betreuern geleistet wird". Werthners Arbeit beschränkt sich keineswegs aufs Training in Linz, oft und oft fährt er nach Klagenfurt oder Millstatt, um sich um Lagger zu kümmern, die noch in die Schule geht. Jährlich kommen gut 70.000 Autokilometer zusammen.

Auch um Distelberger kümmert sich in Person von Herwig Grünsteidl ein hauptverantwortlicher Trainer. Dadic wiederum ist mit mehreren Coaches für die einzelnen Bereiche recht breit aufgestellt. Zuletzt hat sie im Hochsprung viel von Inha Babakowa gelernt, die 1999 WM-Gold für die Ukraine holte. Babakowa wurde vom ÖLV auch zur EM geschickt, wo Dadic prompt ihre Bestleistung um acht Zentimeter auf 1,87 Meter verbesserte.

Für ÖLV-Sportdirektor Hannes Gruber kommt der Aufschwung insgesamt nicht von ungefähr. "Es gibt einen klaren Fokus auf den Mehrkampf, ein klares Bekenntnis dazu." Spendelhofer, Fachinspektorin für Bewegungserziehung und Sport im Wiener Stadtschulrat, war selbst lange aktive Sportlerin, holte in einem Zeitraum von 25 Jahren 25 Meistertitel (Kugelstoßen, Diskus). Das spricht mehr für sie als für die Dichte in manchen Bereichen der heimischen Leichtathletik. Der Mehrkampf soll nun ein Wegweiser sein. Spendelhofer: "Großes Ziel sind Medaillen bei Großevents."

Unter den Großevents ist eine Hallen-EM das kleinste, Spendelhofer hofft auf Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. "Ohne Medaillen", sagt sie, "kriegen wir nicht die Anerkennung, die wir gern hätten." Leichtathletik werde "als Grundsportart gesehen. Aber wir wollen auch als Spitzensportart wahrgenommen werden". In diesem Jahrtausend hat allein die später wegen des "Versuchs der Anwendung einer verbotenen Dopingtechnik" gesperrte Stephanie Graf bei Olympia oder einer Freiluft-WM eine Medaille geholt, nämlich Olympia-Silber 2000 und WM-Silber 2001.

Dadic, Preiner und Lagger sollten sich in den nächsten Jahren – und mit erlaubten Mitteln – gegenseitig pushen. Heuer wird Ende Mai das Mehrkampfmeeting in Götzis in Vorarlberg besonders interessant, und im August steigt in London die WM. Dadic und Distelberger haben die Norm schon erfüllt, Preiner ist das Limit durchaus zuzutrauen, Lagger dürfte sich auf die U20-EM (Juli, Grosseto) konzentrieren. So oder so, da oder dort – die Mehrkämpferinnen und Mehrkämpfer hüpfen der Leichtathletik derzeit ordentlich etwas vor. (Fritz Neumann, 6.3.2017)

  • Ivona Dadic musste bei der Hallen-EM in Belgrad mit ÖLV-Rekord (4767 Punkte) nur der belgischen Olympiasiegerin Nafissatou Thiam den Vortritt lassen.
    foto: apa/afp/isakovic

    Ivona Dadic musste bei der Hallen-EM in Belgrad mit ÖLV-Rekord (4767 Punkte) nur der belgischen Olympiasiegerin Nafissatou Thiam den Vortritt lassen.

  • Auch Dominik Distelberger verfehlte Bronze als Vierter knapp, und zum österreichischen Rekord von Roland Schwarzl haben nur zwei Punkte gefehlt.
    foto: apa/ap/drobnjakovic

    Auch Dominik Distelberger verfehlte Bronze als Vierter knapp, und zum österreichischen Rekord von Roland Schwarzl haben nur zwei Punkte gefehlt.

  • Verbandspräsidentin Sonja Spendelhofer freut sich über die Erfolge im Mehrkampf.

    Verbandspräsidentin Sonja Spendelhofer freut sich über die Erfolge im Mehrkampf.

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