Der Schlecker-Clan sitzt auf der Anklagebank

6. März 2017, 17:04
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Durch die Pleite verloren 23.000 Frauen ihren Job. Zuvor soll der ehemalige "Drogeriekönig" Anton Schlecker noch sein Geld an die Familie verschoben haben

Volkswagen, Deutsche Bank, Siemens, Mannesmann, Porsche – die Liste jener deutschen Unternehmen, deren Personal schon mit deutschen Strafgerichten Bekanntschaft gemacht hat, ist lang. Nun begann am Landgericht Stuttgart ein weiterer Prozess, der für viel Aufsehen sorgt.

Nicht nur, weil der Name des Angeklagten – Anton Schlecker – für eine der größten Pleiten in Deutschland steht, sondern auch, weil vor dem Kadi ein ungewöhnliches Familientreffen stattfindet. Angeklagt sind neben dem 72-jährigen Anton Schlecker auch seine Ehefrau Christa sowie seine Kinder Lars und Meike.

Vater Schlecker hat 1975 in Kirchheim unter Teck (Baden-Württemberg) seinen ersten Drogeriemarkt eröffnet. Zwei Jahre später besaß er bereits 100 Filialen, später stieg Schlecker zur größten Drogeriemarktkette Europas auf, im Jahr 2008 gab es mehr als 15.000 Filialen.

Insolvenz

2012 war alles vorbei, Schlecker meldete Insolvenz an, 23.000 Mitarbeiter – die sogenannten Schleckerfrauen – verloren ihre Jobs. Die Pleite interessierte dann auch die Staatsanwaltschaft. Sie ist überzeugt: Schlecker hat angesichts der sich anbahnenden Insolvenz mithilfe seiner Familie Vermögen in Millionenhöhe beiseitegeschafft.

Als der Schlecker-Clan am Montag vor Gericht erscheint, ist das Medieninteresse groß. Die Familie lebt zurückgezogen, Schlecker senior hat sich bis zum Prozessbeginn nicht zu den Vorwürfen geäußert. Acht Anwälte haben die vier Angeklagten mitgebracht, zwei für jedes Familienmitglied.

Dass es kompliziert wird, zeigt sich schon bei der Verlesung der Anklage. Staatsanwalt Thomas Böttger listet 36 Fälle auf, in denen Vermögenswerte beiseite geschafft worden sein sollen.

800.000 Euro für die Enkel

Es ist die Rede von Geldgeschenken an die Enkelkinder in Höhe von 800.000 Euro im Jahr 2011, von einer Reise der Kinder im Wert von 58.000 Euro. Zudem soll Vater Schlecker Bau- und Handwerkerrechnungen für eine Wohnung von Sohn Lars in Höhe von etwa einer Million Euro und die Schenkungssteuer für seine Tochter Meike in Höhe von 700.000 Euro übernommen haben.

Mit seinen Kindern machte er jedoch auch Geschäfte. Die beiden waren Gesellschafter des Logistikunternehmens LDG, und die Staatsanwaltschaft sieht überhöhte Stundensätze. Doch Schlecker habe, so der Staatsanwalt, schon seit dem Jahr 2009 gewusst, dass seinem Unternehmen der Zusammenbruch drohe.

Die Geschwister sind, ebenso wie Ehefrau Christa, wegen Beihilfe zum Bankrott angeklagt. Frau Schlecker soll von den Schlecker-Schwesterunternehmen Zahlungen für Beraterhonorare angenommen haben, für die sie nie Leistungen erbracht hat.

Firma als Lebenswerk

Schleckers Anwalt Norbert Scharf weist die Vorwürfe zurück. Zum einen habe Schlecker die Pleite gar nicht kommen sehen. "Die Insolvenz seines Unternehmens war für ihn schlicht nicht vorstellbar. Die Firma war sein Lebenswerk – und blieb es bis zuletzt", so Scharf. Zudem dürfe jeder Schenkungen vornehmen und Kosten übernehmen. Scharf: "Nach der Ratio der Anklage darf ihm nur eines nicht passieren: später in die Insolvenz gehen."

Nicht vorgeworfen wird Schlecker übrigens, die Insolvenz absichtlich herbeigeführt zu haben. Experten sind sich einig, dass die Drogeriekette auch ohne die Zahlungen an die Familie nicht überlebt hätte. Aber das Geld fehlte dann im Insolvenzverfahren.

Schlecker drohen bis zu zehn Jahre Haft. Der Prozess könnte sich auch mit der Österreich-Tochter beschäftigen, da der Insolvenzverwalter von dayli (vormals Schlecker Österreich), Rudolf Mitterlehner, in Stuttgart eine Anzeige wegen des Verdachts der Einlagenrückgewähr von der Österreich-Tochter zur deutschen Mutter gemacht hat. Vor der Insolvenz seien "sehr hohe Summen" von Österreich nach Deutschland abgeflossen. (Birgit Baumann aus Berlin, 6.3.2017)

  • Auch Anton Schleckers Kinder, Meike und Lars, müssen sich vor dem Strafgericht verantworten. Ihnen wird Beihilfe zum Bankrott vorgeworfen, sie sollen vom Vater vor der Insolvenz Geld erhalten haben.
    foto: afp

    Auch Anton Schleckers Kinder, Meike und Lars, müssen sich vor dem Strafgericht verantworten. Ihnen wird Beihilfe zum Bankrott vorgeworfen, sie sollen vom Vater vor der Insolvenz Geld erhalten haben.

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    foto: apa/marijan murat

    Anton Schlecker

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