Die lösungsorientierte Vernetzungsmaschine

    6. März 2017, 15:57
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    Beeindruckende Uraufführungen von Saskia Hölbling im Semperdepot und Sööt/Zeyringer im Brut

    Wien – Es ist eine Falle. Zwei Männer und zwei Frauen verheddern sich in einem großen Netz aus schwarzen Stricken, das eine verborgene Arachne in einen weiten, unheimlichen Raum gespannt hat. Diese Installation hat sich die Wiener Choreografin Saskia Hölbling für ihr neues Stück Corps suspendus von Gudrun Lenk-Wane in eine Halle des ehemaligen Semperdepots montieren lassen. Organisiert wurde die Uraufführung von Impulstanz, die hintergründigen Klanggewebe darin stammen von Wolfgang Mitterer.

    Die versteckt bleibende Spinnerin ist der Schlüssel zu diesem Stück, mit dem auf die Verödung des großen Vernetzungsenthusiasmus der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte angespielt wird: Auf die, wie Hölbling zu dieser Arbeit schreibt, "vielen Ichs zwischen Konsum-Oasen und Müllhalden" und auf "die Vielen im Treibsand zwischen Erfolg und Überflüssigkeit". Anzunehmen also, dass die abwesende Arachne hier für das steht, was bei unserem globalisierten Netzwerkgetriebe im Verborgenen die Fäden zieht und davon profitiert.

    In den Netzen der Profiteure treiben die Überflüssigen in Gestalt von vier "Corps suspendus". Das französische Wort suspendre bedeutet auf- oder abhängen, aber auch unterbrechen, verschieben oder sperren. Die Figuren in Hölblings Gespinst sind definitiv Angehängte, die sich ihres Abgeschobenseins noch nicht bewusst sind. Sie hangeln in ihrem gefährlichen Habitat, drängen sich manchmal zusammen, verlieren einander jedoch schnell wieder, geraten auf den Boden, ohne diesen wirklich wahrzunehmen.

    Sie können vom Netz nicht lassen, denn es ist ein Fetisch, der seine Bewohner benommen macht. Hölbling nennt es "eine kleine Weltmaschine". Die darin Abgehängten tragen das Schwarz dieser Maschine, die sie nie ins Gleichgewicht kommen lässt, die weder Halt noch Ruhe erlaubt und die suggeriert, es gäbe kein Außen.

    Eingebauter Fallstrick

    Wie zufällig hält Saskia Hölblings Botschaft nahe an jener von We will figure it out des Choreografie-Duos Sööt/Zeyringer. Das Stück wurde am Wochenende bei Imagetanz im Brut-Theater uraufgeführt. Auch hier ist ein Fallstrick mit im Spiel – in Form eines überlangen weißen Mikrofonkabels, das Verstrickungen verursacht, in die auch das Publikum eingebunden ist.

    Mit trockenem Humor arbeiten Tiina Sööt und Dorothea Zeyringer an Scheinlösungen für absurde, monströse Problemstellungen. Ihre bewegliche Installation besteht aus weißen Kartons, die andauernd umgeordnet werden. Darin mokieren sich die Künstlerinnen ausgiebig über die Ursachen ausschließende Logik von "lösungsorientierten" Ansätzen.

    Die Weltmaschine von Saskia Hölbling repräsentiert einen solchen Ansatz perfekt. Am Ende kleben die vier vernetzten Performer paralysiert im dunklen Netz. Diese Maschine braucht keine Menschen. Sie ist die Endlösung. Beide Arbeiten hinterließen beeindruckte Auditorien. (Helmut Ploebst, 7.3.2017)

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