Wanderkarten: Nicht nur der Nase nach

6. März 2017, 06:00
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Manchmal führt auch in der digitalen Welt an gedrucktem Papier kein Weg vorbei. Zum Beispiel bei Wanderkarten

Innsbruck/Wien – Den Zeichen der Zeit folgend brachte der Kompass-Verlag 2003, im 50. Jahr seines Bestehens, die ersten digital gezeichneten und GPS-genauen Wanderkarten (für Lanzarote und Fuerteventura) auf CD heraus. Drei Jahre später waren Österreich, Südtirol und große Teile Südbayerns ebenfalls digital neu gezeichnet. Längst lassen sich die mehr als 700 Wander-, Rad- und Skitourenkarten im Programm des kleinen Innsbrucker Spezialverlags via App aufs Smartphone laden.

Doch anders, als man vielleicht annehmen möchte, hat die fortschreitende Digitalisierung dieser Welt nicht gravierend am Geschäft mit den traditionellen Papierkarten geknabbert. "Wir verkaufen jährlich zwischen 1,5 und 1,6 Millionen Karten und Wanderführer, 93 Prozent unserer durchschnittlichen Jahreseinnahmen von zwölf Millionen Euro lukrieren wir aus dem Verkauf gedruckten Materials", klärt Geschäftsführer Walter Scheran im STANDARD-Gespräch auf.

Grenzen der mobilen Technik

Das liegt zum einen daran, dass eine auf reiß- und wetterfestem Papier gedruckte Karte mit durchschnittlich zehn Euro ein Vielfaches eines Downloads kostet. Zum anderen aber an den Grenzen der heute verfügbaren mobilen Technik. "Nicht überall in der Natur gibt es Mobilfunkempfang, das Handy hat irgendwann keinen Saft mehr", gibt Scheran zu bedenken, nicht ohne die Vorteile der direkten Onlinekommunikation außer Acht zu lassen: "In unserer Handy-App gibt es die Möglichkeit des Life-Trackings. Beispielsweise ältere oder wenig erfahrene Wanderer und Radfahrer sind so mit Angehörigen im ständigen Kontakt. Über den integrierten Notfallbutton werden bei Unfällen die Koordinaten an die Rettungskräfte mitgeschickt."

Angst vor der Konkurrenz der Internet-Goliaths, die Gratiskartenmaterial anbieten, hat Scheran nicht. Deren Material sei sehr oberflächlich, weise keine Details wie Höhenlinien, besondere Hinweise wie Klettersteige oder Grillplätze auf und klassifiziere die Wege schon gar nicht nach Schwierigkeitsgraden: "Das muss alles erst einmal erhoben und eingearbeitet werden. Zur Aktualisierung unserer Karten arbeiten wir mit 3000 Stellen von der Behörde bis zum Weg- und Forstwart zusammen."

Festhalten am Standort Innsbruck

Seit 1960 ist der von dem ostpreußischen Vermessungsingenieur Heinz Fleischmann vor rund 65 Jahren in München als KG-Kompass Karten gegründete Verlag in Rum bei Innsbruck präsent. Dass der Standort sukzessive ausgebaut wurde, sei den von Deutschland ausströmenden Sommerfrischlern zu verdanken. Im Herzen der Alpen gelegen, habe sich Innsbruck als Betreuungsort für das Geschäft nachgerade angeboten, erzählt Scheran.

Ende der 1970er-Jahre stieg Mairs Geographischer Verlag ein, der den Kompass-Verlag 1996 komplett übernahm. Seit Mair 2004 vom Kölner Reiseverlag DuMont dessen Reisesparte aufgekauft hat, befinden sich die Profis für Outdoorkarten unter dem Dach von MairDumont. Der 1931 in Tirol geborene Konzernmitinhaber und heutige Vorsitzende des Verwaltungsrats, Volkmar Mair, hat Scheran zufolge nie einen Grund gesehen, am Innsbrucker Firmensitz zu rütteln. Dass in Österreich 2,5 Prozent weniger Körperschaftsteuer zu zahlen sei, sei sicher auch ein Vorteil.

Kartografie im Wandel

30 Mitarbeiter sind beim Kompass-Verlag in Innsbruck angestellt. Bis zu 80 freie Autoren und Wanderführer arbeiten zu. Das Berufsbild des Kartografen habe sich im Laufe der Jahre allerdings stark gewandelt, berichtet Scheran, der seit 40 Jahren im Unternehmen arbeitet. Den Lehrberuf Kartograf, der früher mit Hand, Tusche und Feder gearbeitet habe, gebe es längst nicht mehr. Viele der Mitarbeiter kämen aus Deutschland, da dort noch an drei Universitäten die Kartografie ein Studienfach sei. Gedruckt werden die Karten im Nachbarland Italien. Beim Buchprogramm könne es schon "ansatzweise" vorkommen, dass in China gedruckt werde. (Karin Tzschentke, 6.3.2017)

  • Wandern ist nicht nur für Kartenverleger seit langem ein Renner.
    foto: apa / barbara gindl

    Wandern ist nicht nur für Kartenverleger seit langem ein Renner.

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