Neue Software lässt Pokerprofis alt aussehen

3. März 2017, 18:03
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Die Programme Libratus und DeepStack setzten sich in Duellen mit einigen der besten Spieler klar durch – an einem österreichischen Profi scheiterte DeepStack allerdings

Alberta/Wien – Es war ein lange erwartetes Duell, das vor genau einem Jahr stattfand und einen überraschenden Sieger fand: Einer der weltbesten Go-Spieler , der Südkoreaner Lee Sedol, wurde von der Google-Software AlphaGo gedemütigt.

Die Niederlage Lees kam deshalb überraschend, weil es bei dem asiatischen Brettspiel noch mehr auf Intuition ankommt und es mehr mögliche Stellungen gibt als bei Schach, wo das Programm DeepBlue 1998 mit dem Sieg gegen Garri Kasparow für klare Verhältnisse sorgte.

"Vollständige Information"

Schach und Go zeichnen sich einerseits durch komplexe Spielverläufe aus. Andererseits ist bei beiden Brettspielen die Positionen der Figuren beziehungsweise Steine jederzeit beiden Spielern bekannt, was man vollständige Information nennt.

Anders ist das bei Spielen wie etwa Poker, wo die Information unvollständig und asymmetrisch verteilt ist: Die Spieler kennen zwar die eigenen Karten, sie können mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten errechnen, welche Karten auf sie warten. Sie müssen aber intuitiv darauf schließen, welches Blatt die Rivalen haben. Der gekonnte Bluff spielt dabei eine wichtige Rolle.

Showdown in No Limit Texas Hold’em

Wenigstens in dieser Eigenschaft wähnte man Menschen den Maschinen bis jetzt überlegen. Doch auch damit ist 2017 Schluss: Im Jänner unterlagen vier der weltbesten Pokerprofis der Software Libratus bei einem 20-tägigen Turnier in der Pokervariante No Limit Texas Hold’em, bei der fünf Karten offen am Tisch liegen und den Spielern zur Bildung ihrer Pokerhand dienen.

Bis heute ist aber so gut wie nichts über die Software selbst bekannt – anders als im Fall von DeepStack, einer Pokersoftware, die von einem Team um Michael Bowling (Uni of Alberta) entwickelt wurde.

Je 3000 Duelle

DeepStack trat in der gleichen Pokervariante bereits im Dezember gegen elf Profis an. Bei dem über vier Wochen dauernden Wettkampf mit jeweils rund 3000 Eins-zu-Eins-Duellen blieb der sogenannte Bot in zehn von elf Duellen klar siegreich. Das selbstlernende Programm spielte systematisch besser als die ersten zehn Pokerprofis. Beim elften allerdings gab es so etwas wie ein Remis.

Dieser einzige menschliche Pokerspieler, der DeepStack Probleme bereitete, war ein Österreicher: der Sportwissenschafter Martin Sturc, Präsident der Austrian Pokersport Association. In einem Interview mit CNN erklärte der Pokerexperte seine erfolgreiche Strategie, die im Wesentlichen darin bestand, jeder Adaption der Software die eigene Strategie zu adaptieren, um DeepStack jeweils einen Schritt voraus zu sein.

Wie Bowling und seine Kollegen im Fachblatt "Science" schreiben, ist DeepStack eine Art neuronales Netz und beruht auf einer Methode, die sich kontinuierliche Lösung nennt: "Jede Situation ist ein Minipokerspiel. Anstatt ein großes Pokerspiel zu lösen, löst es Millionen dieser kleinen Pokerspiele", so Bowling. Jede dieser Lösungen trage dazu bei, dass der Bot seine Intuition verbessert.

Medizinische Entscheidungen

Bowlng hofft, mit dem neuen Ansatz nicht nur einen exzellenten Pokerspieler geschaffen zu haben. Bots, die nach ähnlichen Prinzipien funktionieren, sollen bei medizinischen Entscheidungen helfen, die ebenfalls auf unvollständigen Informationen beruhen. (tasch, 3. 3. 2017)

  • Es hat sich auch beim Pokern ausgeblufft: Im Duell gegen die neuste Pokersoftware haben auch die besten Profis kaum mehr eine Chance.
    reuters

    Es hat sich auch beim Pokern ausgeblufft: Im Duell gegen die neuste Pokersoftware haben auch die besten Profis kaum mehr eine Chance.

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