Krank sein im Scheinwerferlicht

Analyse5. März 2017, 08:00
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Über den komplizierten Umgang von schwer erkrankten Politikern mit Medien und sozialen Netzwerken

Sie war so gerne Gesundheitsministerin: Darüber sind sich alle, die Sabine Oberhauser gekannt haben, einig. Als sie 2014 als Nachfolgerin von Alois Stöger ins Amt geholt wurde, hatte sie, die Ärztin, Gesundheitsmanagerin und Gewerkschafterin, ihr Traumziel erreicht. Sie war "fit für den Job": Nach zwölf Jahren als SPÖ-Gesundheitssprecherin kannte sie das Gesundheitssystem und seine widerstreitenden Kräfte. Sie war am Ruder, bereit, Dinge zu verändern, und wie es ihre Art war, ging sie die Sache hemdsärmelig an.

Wer wollte, konnte dabei sein. Per Facebook. Das morgendliche "Gasseln" mit ihrem Hund Felix war ihre tägliche Story, ihr Wetterbericht eine Art Serviceleistung, und immer wieder verpackte sie auch berufliche Infos – das alles war ein vorbildlicher Einsatz sozialer Medien für die Eigen-PR.

Nach nur acht Monaten im Amt dann der Schock. "Noch vor zehn Jahren war Krebs ein totales Tabu", konstatiert Gerhard Schüßler, Leiter der Medizin-Psychologie der Uniklinik Innsbruck und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie.

Und während sämtliche Experten seit Jahren die Fortschritte in der Onkologie anpreisen und Milliarden Euro in die Krebsforschung investiert werden, war Oberhauser in ihrer Rolle als Gesundheitsministerin plötzlich besonders gefordert. Klar würde sie ihr Amt auch als Krebspatientin weiterführen, als Vorbild vorangehen, das war Teil ihres Selbstverständnisses.

Große Herausforderung

Und sie tat nicht nur das. Die bis zum Schluss amtierende Ministerin machte ihren Krankheitsverlauf öffentlich – via Facebook. Das war ein Novum. Guido Westerwelle hatte seine Krebserkrankung in einem Buch und in Talkshows aufgearbeitet – aber da war er nicht mehr deutscher Außenminister.

Thomas Klestil war als Bundespräsident im Amt gestorben – aber er hatte im dramatischen Krankheitsverlauf gar nicht die Chance gehabt zu entscheiden, wie er mit seiner Situation umgehen wollte. Und Barbara Prammer hatte zwar ihre Erkrankung öffentlich gemacht, aber über deren Verlauf geschwiegen. Nicht so Sabine Oberhauser. Sie stand zu ihren Erfolgen genauso wie zu den Rückschlägen. Jederzeit nachlesbar und "like-able" – auf Facebook.

Was einfach klingt, war für sie persönlich ohne Zweifel eine große Herausforderung. Mit 51 Jahren "konnte sie die allbekannte Wahrheit der eigenen Vergänglichkeit plötzlich nicht mehr verdrängen", erklärt Psychotherapeut Peter Stippel, Präsident des Bundesverbandes für Psychotherapie. Als Ärztin waren ihr die Tragweite der Diagnose, Überlebensrate und Risiken bewusst.

"Die Behandlung ist auch im 21. Jahrhundert eine körperliche Zumutung und löst unvermeidlich große Ängste aus", kann Gerhard Schüßler aus seiner täglichen Arbeit mit Patienten berichten. Wie Menschen mit der Diagnose umgehen, ist höchst unterschiedlich. Doch jene, die sich stark über ihren Beruf definieren, stürzen sich oft in die Arbeit, in einen Bereich, der ihnen vertraut ist – auf der Flucht vor dem unbekannten Patientendasein.

Privat und öffentlich

Auch Sabine Oberhauser. Obwohl: In der Frage, ob sie im Amt bleibt, jonglierte sie mit unbekannten Größen. "Eine körperliche Erkrankung beschädigt das Image eines Politikers nicht, im Gegenteil, es betont die menschliche Seite, die Verwundbarkeit", bestätigt Politikberater Thomas Hofer. Die Umfragen bestätigten es: Sabine Oberhauser war in ihrer Amtszeit eine der beliebtesten Politikerinnen des Landes.

Ein Paradoxon, auf das der Politikexperte aufmerksam macht: "Wenn es um die Gesundheit von Politikern geht, sind Wahlkampf und Amtsinhaberschaft unterschiedlich zu betrachten." Hofer erinnert an den Schwächeanfall Hillary Clintons sowie die Diskussionen um die körperliche Beeinträchtigung Norbert Hofers und Alexander Van der Bellens erhöhtes Krebsrisiko als Raucher. Das war Wahlkampfrhetorik unter der Gürtellinie.

"Für Politiker im Amt ist die Frage, bei Krankheit weiterzumachen, eine rein persönliche Entscheidung", resümiert Politikberater Hofer. Eine Krankheitssituation ist hochemotional und ein zweischneidiges Schwert, weiß Thomas Hofer. Die Politikerin Oberhauser wurde auf der einen Seite für ihre Tapferkeit gelobt und damit bestärkt, auf der anderen Seite durfte ihre Entscheidung, im Beruf zu bleiben, aber keinesfalls anderen Krebskranken den Eindruck vermitteln, man müsse unbedingt weiterarbeiten, "weil sie ja sogar ihr Ministeramt schafft", erinnert sich Hofer an eine Diskussion.

In die Offensive

In der Abwägung aller Risiken entschied sich Oberhauser für eine sehr offensive Strategie. Noch vor der Chemotherapie, noch bevor die Kameras im Parlament ihren Haarverlust dokumentieren konnten. "Es ist eine relativ neue Entwicklung, die Öffentlichkeit über das Privatleben eines Politikers zu informieren, zumal dann, wenn es sich um eine so ungewisse Situation wie eine Krebserkrankung handelt", sagt Ulrich Körtner von der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Wien.

Hatte Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, nach deren Tod Oberhauser ins Amt gekommen war, noch verschwiegen, an welcher Krebserkrankung sie laborierte, entschied sich die Gesundheitsministerin für mehr Offenheit. Sie leide an "Unterleibskrebs", hieß es offiziell, obwohl es diese Erkrankung, rein medizinisch-fachlich betrachtet, nicht gibt.

Mit dieser Unklarheit verhinderte sie etwa das Googeln nach Überlebensprognosen, damit wahrte sie ihre Intimsphäre, ohne dass es überhaupt bemerkt wurde. In den traditionellen Kommunikationskanälen behielt sie damit die Kontrolle auch über ihre Person. "Ihre Pietät blieb gewahrt", formuliert es der Theologe Körtner.

Leidensweg in Echtzeit

In den sozialen Medien sieht er noch einmal eine ganz andere Art von Öffentlichkeit, die die Gesundheitsministerin allein schon wegen ihres bestehenden Facebook-Accounts plötzlich auch noch bedienen musste. Ihre täglichen Einträge wurden, ohne dass sie es wollte oder plante, so etwas wie eine Art Berichterstattung ihres Leidensweges in Echtzeit. In den ersten Monaten ihrer Erkrankung bewies sie ihren Followern, wie aktiv sie war. Bilder von Treffen, Berichte über ihren Tagesplan, positive Grundstimmung.

Krankheitsbewältigung ist für Krebspatienten ein entscheidendes Thema. "Es braucht ein hohes Maß an positiver Verdrängung und Verleugnung, um die Erkrankung innerseelisch in den Hintergrund zu rücken", sagt Psychoonkologe Schüßler.

Aber Facebook ist gnadenlos. Ihre Follower registrierten fehlende Wetterberichte, es kamen Fotos aus dem Spitalfenster, ihr Account war mit einem Schlag das Barometer ihres Gesundheitszustandes. Geht sie gasseln oder nicht? Hin und wieder konnte Oberhauser nicht anders, als über ihre schlechten Nächte zu berichten, konnte ihre Schwäche und Beeinträchtigungen nicht mehr verbergen.

Je zahlreicher und eindringlicher die Genesungswünsche wurden, umso mehr ahnte ihre Community, dass sie wohl kränker ist, als sie zuzugeben bereit war. Erst im Februar übernahmen ihre Pressesprecherinnen das Wort. Der ursprünglich als inszenierte Privatheit gedachte Kommunikationskanal wurde ein Protokoll in Fast-Echtzeit.

Krebs als Kampf

"Mit ihrer Entscheidungen der Veröffentlichung hat sie vielen Menschen ihr Schicksal zugemutet", spricht Schüßler die Kehrseite von Oberhausers Offenheit an. "Sie hat den Kampf gegen den Krebs verloren", stand in den Nachrufen. Dabei würde wohl niemand sagen, dass jemand zum Beispiel den Kampf gegen die Altersschwäche verloren hat.

"Das ist die Besonderheit von Krebs", sagt Körtner und zitiert den deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der sagt, Leben wie Sterben sei immer eine Mischung aus Widerstand und Ergebung. "Das Schwierige am vorbildhaften Kampf gegen Krebs ist, dass er das Ergeben für Betroffene fast unmöglich macht", sagt Körtner.

Sabine Oberhauser hat sich erst in den letzten Tagen ihres Lebens ergeben. (Karin Pollack, 5.3.2017)

  • Krank oder gesund? Im Wahlkampf kann es eine Kampffrage sein, im politischen Amt ist die Berufsfähigkeit eine persönliche Entscheidung – bis zum letzten Atemzug.
    foto: getty images / istock / koidunov

    Krank oder gesund? Im Wahlkampf kann es eine Kampffrage sein, im politischen Amt ist die Berufsfähigkeit eine persönliche Entscheidung – bis zum letzten Atemzug.

  • Rede und Antwort stehen: Sabine Oberhauser nach ihrer Diagnose.
    foto: apa / helmut fohringer

    Rede und Antwort stehen: Sabine Oberhauser nach ihrer Diagnose.

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