"Speculations": Kopfbilder wie explodierende Kühlschränke

    2. März 2017, 17:41
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    Mette Ingvartsen spielt mit der Vorstellungskraft des Publikums im Tanzquartier Wien

    Wien – Auf der Höhe ihrer Zeit ist diese Künstlerin meist früher als andere. Daher lässt sich die Treffsicherheit ihrer Arbeiten oft erst mit Verzögerung feststellen. Und nie bleibt Mette Invartsens Publikum unbeteiligt. So auch in dem kleinformatigen Stück Speculations: a diskursive-practice-performance im Tanzquartier Wien.

    Auch hier zeigt sich, dass die 37-jährige – sie arbeitet mit ihrem Lebenspartner Boris Charmatz im künstlerischen Team für Chris Dercons neue Berliner Volksbühne – eine Diskurs-Aficionada ist. Noch dazu eine, die ihr Wissen nicht in einem künstlerischen Bauchladen vor sich herträgt, sondern daraus sinnliche Kompositionen wachsen lässt.

    Speculations geht auf einen Vortrag zurück, den Ingvartsen 2012 hielt und aus dem im darauffolgenden Jahr eine Soloperformance wurde. An deren Beginn darf sich das Publikum nicht in die Reihen der Tribüne setzen, sondern muss auf der Bühne stehenbleiben. In lockerem Plauderton beschreibt die Künstlerin einen anderen Bühnenraum und imaginäre Performer, die sich dort bei noch geschlossenem Vorhang auf ihren Auftritt vorbereiten.

    Damit gibt sie dem Publikum eine Vorstellung von einer fiktiven Szenerie und klinkt sich immer tiefer in diese erzählerische "Projektion" ein, bis sie die Umherstehenden einlädt, auf der Tribüne Platz zu nehmen. Mit einer einfachen Geste gibt sie ihrer Erzählung die entscheidende Wendung. Mit ihren Fingern deutet sie fallenden Regen an und fügt mit Worten ein passendes Bild dazu, während langsam das Licht im Raum schwindet. Im Dunkeln erzählt sie weiter. Das Publikum meint, die Bilder aus ihren Worten klarer und klarer sehen zu können.

    Antonioni-Erinnerungen

    In absoluter Finsternis gelangt diese Erzählung zur Schilderung der berühmten Schlussszene von Michelangelo Antonionis Film Zabriskie Point aus dem Jahr 1970. Ingvartsen verzichtet darauf, Regisseur und Titel zu nennen, sondern spekuliert damit, dass diese Bilder in den Gedächtnissen einiger Zuhörer lagern. Und dass alle sich die Protagonistin vorstellen können. Wie Daria aus dem Auto steigt, zurück auf eine in Felsen gebaute Villa schaut und sich ausmalt, dass diese Villa explodiert.

    Detailliert beschreibt Ingvartsen die berühmten Bilder bis hin zum explodierenden Kühlschrank, dem gesprengten Kleiderkasten und der Zeitlupen-Choreografie umherfliegender Lebensmittel und Modeartikel. Währenddessen gehen die Scheinwerfer wieder an. Die Erzählerin und ein Assistent nehmen Laubbläser zur Hand und wirbeln damit einen Haufen Konfetti auf.

    Und wie die Trümmer der Villa, die Kleider und die Kühlschrankvorräte fliegen tausende Silberstreifchen durch die Luft: ein Zitat aus Ingvartsens wunderbarem Stück The Artificial Nature Project, das zeitgleich mit Speculations entstanden ist und 2014 im Tanzquartier zu sehen war. Beide sind gleichermaßen brillant. (Helmut Ploebst, 3.3.2017)

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    • Mette Ingvartsen verführt das Publikum: Im langsam dunkel werdenden Saal entstehen die "Speculations" im Geiste.
      foto: studium generale rietveld academie

      Mette Ingvartsen verführt das Publikum: Im langsam dunkel werdenden Saal entstehen die "Speculations" im Geiste.

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