Alternative Reiseziele: Die spektakulärsten Architekturruinen

Ansichtssache3. März 2017, 06:00
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Eine andere Reise um die Welt: Alessandro Biamonti versammelt in seinem Bildband "Archiflops" eine Reihe außergewöhnlicher architektonischer Fehlschläge. In Bezug auf ihre touristische Anziehungskraft ziehen die modernen Ruinen durchaus mit Metropolen wie etwa New York gleich, so wie eine Wüste mit dem klaren Wasser an einem palmenbestandenen Strand gleichzieht.

Ebenso wie es Touristen gibt, die ihre Freizeit darauf verwenden, entsprechend ausgerüstet in unwirtliche Naturräume aufzubrechen, finden sich neuerdings auch Gruppen, die sich durch ursprünglich von Menschen geschaffene, inzwischen aber wieder verlassene oder jedenfalls nicht mehr genutzte Objekte führen lassen.

foto: getty images/chinafotopress

"Das Paris Chinas" in Tianducheng, China

Tianducheng liegt an der Peripherie der Metropole Hangzhouin der Provinz Zhejiang und erstreckt sich über 31 Quadratkilometer. Wie eine Reihe weiterer Städte in China nimmt auch Tianducheng für sich in Anspruch, die getreue Kopie einer europäischen Stadt zu sein. "In der Tat", schreibt Alessandro Biamonti, "ist Tianducheng eine perfekte Reproduktion von Paris." Sie birgt unter anderem eine Nachbildung der Gärten von Versailles und des Eiffelturms. Diese Kopie des Symbols der Stadt Paris ist nahezu identisch mit dem Original, aber mit ihren 108 Metern nur etwa ein Drittel so hoch.

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foto: getty images/jauder ho

"Sanzhi Pod City" in Sanzhi, New Taipei City, Taiwan

Bei den "Ufo"-Häusern von Sanzhi Pod City handelte es sich um eine Reihe aufgegebener kokonförmiger Bauten im Distrikt Sanzhi der Stadt New Taipeh. Sanzhi Pod City scheint einem Science-Fiction-Film der 1960er oder 1970er-Jahre entsprungen und war ein ganz und gar mysteriöser Ort. Baubeginn war 1978, 2008 wurde mit dem Abriss begonnen, 2010 war dieser vollendet. Warum es sich dennoch lohnt Taipeh zu besuchen: Es ist ein Ort, der durch das enge Nebeneinander von Ultramodernität und ferner Vergangenheit betört.

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foto: simon fowler

Fürstentum Sealand, Nordsee, rund zehn Kilometer vor der Küste von Suffolk, Großbritannien

Sealand, auf Höhe der Themsemündung in einer Entfernung von etwa 6 Seemeilen vor der Küste von Suffolk gelegen, ist eine selbsternannte Mikronation. 1966 wurde die 1.300 Quadratmeter große Plattform, die im Zweiten Weltkrieg als Seefestung errichtet wurde, von Paddy Roy Bates und seiner Familie besetzt und zum unabhängigen und souveränen Fürstentum erklärt: eigene Verfassung, Hymne, Währung und Fußballmannschaft inklusive. Diverse Projekte die Plattform als Kasinostandort oder als Datenhafen zu nutzen, scheiterten. Mittlerweile steht die Plattform zum Verkauf.

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foto: getty images/hoberman collection

Kolmanskuppe, zehn Kilometer von Lüderitz in der Namib-Wüste, Namibia, Afrika

Der Ort entstand ab 1908, nachdem Zacharias Lewala, ein beim Bau der Eisenbahnlinie Lüderitz – Aus beschäftigter Arbeiter, zufällig einen Diamanten gefunden hatte und bald darauf Gewissheit darüber bestand, dass diese Zone reich an Diamanten war. Sie wurde daher von der deutschen Kolonialverwaltung als Diamantenmine unter Schutz gestellt. Bedauerlicherweise war die Zeit zwischen der Blüte und dem Niedergang der Stadt recht kurz. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden immer weniger Diamanten gefördert; 1954 wurde die Siedlung endgültig aufgegeben. Bis heute ist Kolmanskuppe ein bekanntes touristisches Ziel. Vom glücklichen Leben von damals sind allerdings nur Erinnerungsstücke geblieben.

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foto: getty images

Hashima in der Präfektur Nagasaki, Japan

Hashima, eine der 505 unbewohnten Inseln der Präfektur Nagasaki, ist eine künstliche Aufschüttung mit einer Fläche von heute knapp einen Quadratkilometer. Um 1810 hatte man hier unterseeische Kohlevorkommen entdeckt und mit dem Abbau begonnen. 1959 wurde hier die höchste bis dahin jemals in der Welt gemessene Bevölkerungsdichte erreicht: 3.450 Einwohner pro Quadratkilometer. Die Bewohner waren, was ihre Versorgung mit Lebensmitteln betraf, auf Lieferungen vom Festland angewiesen. Viele Arbeiter verhungerten oder wurden Opfer der schlimmen hygienischen Zustände. Heute ähnelt die Insel einem Friedhof von Gebäuden, die vom Einsturz bedroht sind. Zugleich ist sie wegen ihrer gespenstischen Anmutung aber zum Ziel von Filmemachern und Städtetouristen geworden.

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foto: corbis/impactpressgroup

Palast der Kommunistischen Partei, Busludscha, Bulgarien

Das in der Nähe des Schipka-Passes in 1.440 Metern Höhe gelegene Monument (1981 eingeweiht) ist das größte Bauwerk, das in Bulgarien zu ideologisch-propagandistischen Zwecken errichtet wurde,eine Art fliegender Untertasse aus Beton, garniert mit Slogans, die der Kommunistischen Partei huldigen. Nach dem Fall der Regierung im Jahre 1989 kam das Gebäude,das zuvor Eigentum der Kommunistischen Partei gewesen war, in den Besitz des Staats. Seither verschlechtert sich sein Erhaltungszustand.

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foto: medavia.co.uk

Gulliver's Kingdom in Kamikuishiki, Japan

Noch ein Projekt, das zum Scheitern verurteilt war: Obwohl am Fuß des heiligen Bergs Fuji gelegen, war Gulliver’s Kingdom (eröffnet 1997, aufgegeben 2001) wegen seiner in anderer Hinsicht ungünstigen Lage gezwungen, die Pforten zu schließen.Aus unerfindlichen Gründen hatten die Besitzer sich für einen Standort des Parks in der Region von Aokigahara und damit in der Nähe des gleichnamigen Waldstücks entschieden, das wegen der hohen Zahl von Suiziden, die dort jedes Jahr zwischen den jahrhundertealten Bäumen begangen werden, traurige Berühmtheit erlangt hat. Die Hauptattraktion war zweifellos die riesige Gulliver-Statue im Zentrum des Parks, das Setting unzähliger Fotos neugieriger Touristen.

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foto: getty images/athanasios gioumpasis

Spreepark, Berlin, Deutschland

Der einzige Vergnügungspark der DDR wurde 1963 erbaut und 2001 wegen zu geringer Besucherzahlen aufgegeben. In Anlehnung an das gleichnamige Waldstück, in dem erlag, trug er damals die Bezeichnung "Kulturpark Plänterwald" und war viele Jahre lang ein obligatorisches Ziel für alle Familien der DDR. Nach der Schließung im Jahr 2001 wandelte der Spreepark sich zu einem Geisterort und damit auch zum Ziel von Stadterkundern, die hier ein höchst sonderbares Areal voller gigantischer Dinosaurier-Attrappen, verfallender Fahrgeschäfte und verlassener Barken in Schwanenform vorfanden, dazu ein brüchiges Riesenrad, alles längst von Vegetation bedeckt. Heute gehört der Park der Gesellschaft Grün Berlin, die Führungen auf dem Gelände anbietet und die Neueröffnung mit verändertem Konzept plant.

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foto: verlagsgruppe randomhouse

Alessandro Biamonti: Archiflop
Gescheiterte Visionen. Die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur

Gebundenes Buch, 192 Seiten, 21,0 x 25,0 cm 120 Farbfotos, 30,80 Euro

Erschienen: 27.02.2017

Verlag: DVA Bildband

(max, 3.3.2017)

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