Pritzker-Preis 2017: Der Nobelpreis der Baukunst erfindet sich neu

    1. März 2017, 17:56
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    Gewürdigt wird das spanische Architektentrio Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramón Vilalta

    Chicago – Die Überraschung war groß. Zum dritten Mal in der Geschichte des Pritzker-Preises, der seit 1979 jährlich vergeben wird, wurde nicht eine Einzelperson, sondern ein Büro gewürdigt. Und zum allerersten Mal fallen die Lorbeeren heuer nicht nur auf ein oder zwei Personen herab, sondern gleich auf ein ganzes Trio: Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramón Vilalta sitzen im 30.000-Einwohner-Städtchen Olot in den katalanischen Pyrenäen, irgendwo zwischen Andorra und Barcelona, und leiten gemeinsam das Büro RCR Arquitectes.

    Auf den ersten Blick wirken die drei Gestalten, die sich bislang vor allem in der Fachwelt einen Namen gemacht haben, freundlich und unscheinbar. Doch die Projekte, die RCR – die Bürobezeichnung leitet sich aus den drei Vornamen ab – bislang realisiert haben, sind gewaltige, visuell und atmosphärisch beeindruckende Gratwanderungen zwischen Archaik, regionaler Verbundenheit und materieller Frechheit. Mal ducken sich die Bauten mit Stein und Stahl in die ländliche Landschaft Kataloniens, mal fallen die an Skulpturen erinnernden Baukörper nur durch ihre Glasflächen und Spiegelungen auf, doch dann wieder werden die Häuser mutig mit Kunststoff, recycelten Baustoffen und grellen Neonfarben collagiert. Die Kombinationsgabe schockiert.

    foto: hisao suzuki
    Weingut Bell-Lloc, Palamós (2007)

    Zu den bekanntesten Projekten der drei durchschnittlich 56-Jährigen zählen das Weingut Bell-Lloc in Palamós (2007), das hochelegante Senioren- und Bibliothekszentrum Sant Antoni in Barcelona (2007), der Kindergarten El Petit Comte in Besalú (2010), das Soulage Museum in Rodez (2014) sowie das Cuisine Art Center in Nègrepelisse (2014). Für Furore sorgte vor allem das 2011 eröffnete Open-Air-Theater La Lira in Ripoll. Wie ein rostiges, dreigeschoßiges Skelett aus Corten-Stahl prangt der urbane Bühnenplatz rotzig und kompromisslos zwischen den Feuermauern und Wäscheleinen der umgebenden Wohnhäuser.

    foto: hisao suzuki
    Senioren- und Bibliothekszentrum Sant Antoni, Barcelona (2007)

    Sogar das eigene Büro von RCR ist sehenswert, handelt es sich doch um eine revitalisierte Gießerei, die sogenannte Espai Barberí, im historischen Stadtzentrum von Olot. Da treffen kaputtes Mauerwerk und neuer Beton aufeinander, da sprießt aus alten Innenhöfen ein urbaner Dschungel, da wird eine meterlange Glasfassade vor kunstvoll ornamentierte gusseiserne Säulen gestellt. Allein schon für das Erlebnis dieser atemberaubend sakralen Räume möchte man kommenden Sommer sofort als Volontär anheuern. Wie steht doch auf der Homepage von RCR geschrieben? "Univers de la creativitat compartida" – Universum der gemeinsamen Kreativität.

    "Wir leben in einer globalisierten Welt, in der wir auf internationale Geschäfte, Einflüsse und Diskussionen angewiesen sind", heißt es im offiziellen Statement der Jury, der der australische Architekt und 2002-Pritzker-Preisträger Glenn Murcutt vorsaß. "Und immer mehr Menschen haben Angst vor genau dem, denn wir sind dabei, nach und nach unsere lokalen Werte zu verlieren. Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramón Vilalta jedoch sagen uns mit ihrer Arbeit, dass man diese Gegensätze auch vereinen kann." Die von der Jury zitierte Schönheit und Poesie von RCR erschließt sich einem in jedem einzelnen, auch noch so kleinen Projekt.

    foto: hisao suzuki
    Open-Air-Theater La Lira, Ripoll (2011)

    Dass der mit 100.000 Dollar dotierte Preis heuer an eine gemischtgeschlechtliche Gruppe vergeben wird, ist wohl kein Zufall. Immer wieder wird die geldgebende Hyatt Foundation dafür kritisiert, Architektinnen zu ignorieren und meist nur Männer vor den Vorhang zu holen. Zaha Hadid (2004) und Kazuyo Sejima (2010) waren die bislang einzigen Frauen in 40 Jahren. Sogar die Nachnominierung einiger Frauen, die Seite an Seite mit ihren preisgekrönten Männern arbeiten, aber beim Pritzker-Preis bislang leer ausgingen, wurde bereits diskutiert, jedoch von der Stiftung abgelehnt. Vielleicht ist der wichtigste Preis, der auch als "Nobelpreis der Architektur" bezeichnet wird, nun endlich in der Gegenwart angekommen. Vergeben wird die Auszeichnung an Aranda, Pigem und Vilalta am 20. Mai im Akasaka-Palast in Tokio. (Wojciech Czaja, 2.3.2017)

    • Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramón Vilalta freuen sich über den mit 100.000 Dollar dotierten Preis.
      foto: domínguez

      Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramón Vilalta freuen sich über den mit 100.000 Dollar dotierten Preis.

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