Türkei: Prozesse gegen Putschsoldaten begonnen

1. März 2017, 17:34
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Überall im Land laufen Gerichtsverfahren gegen mutmaßliche Putschisten. Rund tausend Angeklagte sind es derzeit

Ankara/Athen – Der eine bekam plötzlich Migräne, der andere war die ganze Nacht auf See, ein Dritter ging abends in Zivil ins Hauptquartier – angeblich um ein paar Akten zu unterzeichnen. Keiner will es gewesen sein. Oder fast keiner: "Ja, ich bin ein Putschist", erklärte Sükrü Seymen, ehemals Major der türkischen Spezialkräfte. Und wenn es nun die Todesstrafe sein soll, dann nur zu, so gab der Putschoffizier zu Protokoll. "Ich fürchte mich vor nichts."

Seymen gehört zu den 40 Soldaten, denen seit vergangener Woche in der Urlauberprovinz Mugla an der türkischen Mittelmeerküste der Prozess wegen der angeblich geplanten Ermordung von Tayyip Erdogan beim Putsch im Sommer 2016 gemacht wird. Der Prozess gegen die "Verräter", wie sie in Politik und Öffentlichkeit genannt werden, findet entsprechend große Aufmerksamkeit. Der Major führte das Kommando an, das in der Putschnacht des 15. Juli mit Hubschraubern zum Luxushotel in Marmaris flog, wo der türkische Staatspräsident mit seiner Familie den Urlaub verbrachte. "Es war völlig planlos", stellte Seymen fest.

Piloten und Offiziersschüler

Überall in der Türkei haben mittlerweile Gerichtsverfahren gegen mutmaßliche Putschisten begonnen. Rund tausend Angeklagte sind es derzeit: Generäle, die verkappte islamistische Anhänger des Predigers Fethullah Gülen sein sollen; Piloten, die das Parlament in Ankara oder die nationale Polizeiakademie am Rand der Hauptstadt bombardierten; Offiziere und Offiziersschüler, die auf der Bosporusbrücke in Istanbul standen oder einen der beiden Flughäfen der Millionenstadt besetzten und nicht recht wussten, warum – so sagen sie.

Die Verhandlungen finden vor zivilen Strafgerichten statt. Medien sind zugelassen, auch wenn die großen Prozesse nur über Video außerhalb des Gerichtssaals verfolgt werden können. Das Strafmaß, das die Staatsanwälte beantragen, liegt oft bei mehrfach lebenslänglicher Haft. Der bisher größte Prozess mit 330 Angeklagten begann am Dienstag in Sincan in der Provinz Ankara. Der Ex-Kommandant einer Artillerieschule und deren Schüler stehen dort vor Gericht und müssen sich wegen des Vorwurfs verantworten, den Sturz von Parlament und Regierung versucht zu haben. Die Ersten, die aussagen, geben an, von ihren Vorgesetzten in die Irre geführt worden zu sein. Von einer Verbindung zum Prediger Gülen wollte keiner etwas wissen.

In Izmir, wo unter ähnlich großen Sicherheitsvorkehrungen seit Anfang Februar ein Massenprozess gegen 270 mutmaßliche Putschisten geführt wird, ist es nicht anders. Die drittgrößte Stadt der Türkei soll das logistische Zentrum der Putschisten gewesen sein. Fethullah Gülen hat hier, in der Hochburg des säkularen Bürgertums, in den 1960er-Jahren seine Karriere als tränenreicher Prediger in einer Moschee begonnen.

Doch mit Gülen wollen die Angeklagten nichts zu tun haben, angefangen bei Memduh Hakbilen, ehemals Stabschef des Regionalkommandos Ägäis. Der Generalmajor erklärt seine Festnahme in der Putschnacht überhaupt erst mit einem Migräneanfall seines Vorgesetzten. Der habe ihn falsch verstanden, so gibt der Ex-Stabschef an. Bei Hakbilen soll ein 27 Seiten langes Dokument gefunden worden sein, das Putschplan und Namen der neuen Befehlshaber in der türkischen Armee enthält.

Verhandlung im Turnsaal

Der Prozess gegen den angeblichen Kopf der Verschwörer, den pensionierten Kommandeur der Luftstreitkräfte Akin Öztürk, steht noch aus. Doch mit Adem Huduti, dem Befehlshaber der Zweiten Armee, steht ab nächster Woche der ranghöchste der mutmaßlichen Putschisten vor Gericht – in einer zum Verhandlungssaal umgebauten Turnhalle in Malatya in Zentralanatolien. (Markus Bernath, 1.3.2017)

  • Erdogan war ihr Ziel: In der türkischen Provinzstadt Mugla werden die angeklagten Ex-Soldaten in den Gerichtssaal eskortiert.
    foto: reuters

    Erdogan war ihr Ziel: In der türkischen Provinzstadt Mugla werden die angeklagten Ex-Soldaten in den Gerichtssaal eskortiert.

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