ORF-Redakteure wollen sich gegen "massive Bedrohung" wehren

1. März 2017, 16:30
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Geplante Strukturen und Anschein parteipolitischer Besetzung "schaden dem Ruf des ORF und unserer Glaubwürdigkeit"

Wien – Die Redakteurinnen und Redakteure der TV-Information haben einstimmig und ohne Enthaltungen eine Resolution zu geplanten Einsparungen und Strukturänderungen verabschiedet. Sie warnen vor einer "massiven Bedrohung unserer bisherigen Arbeitsweise", vermissen aber jegliche Information des ORF-Generals über die Pläne. Sie würden sich "dagegen wehren, würden zusätzlich neue Führungsebenen eingezogen werden, die unsere Arbeit schwieriger und teurer machen".

ORF-General Alexander Wrabetz hat eigene Channel Manager für ORF 1 und ORF 2 angekündigt; Stiftungsräten wurden schon die – lange gehandelten und vielfach berichteten – Kandidaten genannt: die als bürgerlich eingestufte Lisa Totzauer für ORF 1, sie ist bisher dort Infochefin, und der Salzburger Exlandesdirektor und Sozialdemokrat Roland Brunhofer. Als ORF-2-Senderchef wäre er für die wichtigsten Infosendungen zuständig – beziehungsweise sein voraussichtlicher Chefredakteur Hans Bürger, bisher Innenpolitikchef in der TV-Information. Vor allem gegen Brunhofer richteten sich bisher die Redakteursproteste.

Die Resolution der TV-Information im Wortlaut:

"Sehr geehrter Herr Generaldirektor Dr. Wrabetz,

die Redakteursversammlung der FD1 hat in ihrer heutigen Sitzung einstimmig folgende Resolution beschlossen:

Die neue Struktur des ORF und die personellen Besetzungen werden medial heftig diskutiert. Nach den derzeit kolportierten Informationen soll der Aktuelle Dienst Fernsehen als Hauptabteilung zerschlagen und in verschiedene Direktionen aufgeteilt werden. Auch von der Auflösung der Ressorts und Sendungsteams, der Zusammenlegung von Redaktionen und der Schaffung mehrerer paralleler Chefredaktionen ist zu hören. Trotz dieser massiven Bedrohung unserer bisherigen Arbeitsweise haben wir – die Hauptbetroffenen – von Ihnen bisher keinerlei Informationen über Ihre Pläne bekommen.

Laut Redakteursstatut und ORF-Gesetz sind die betroffenen Redaktionen aber vor solchen grundsätzlichen Entscheidungen zu informieren und die entsprechenden Unterlagen (Entwürfe) zur Verfügung zu stellen. Daher fordern wir Sie auf, allen betroffenen Redaktionen ihre Strukturreform zu präsentieren und anschließend zu diskutieren.

Die FD1 hat in den vergangenen Jahren extrem erfolgreich gearbeitet: Steigende Quoten bei allen Informations-Sendungen, ZiB1 und ZiB2 haben gegen den internationalen Trend Zuseher dazugewonnen. Die Tages-ZiBs haben ebenso deutlich dazugewonnen, genauso wie die heute-Sendungen. Die ORF1-Information hat sich erfolgreich etabliert. Unsere Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit ist bei Zuschauern, wie auch bei den meisten Journalistinnen und Journalisten von anderen Medien, unbestritten.

Es stellt sich für uns die Frage, wozu zusätzliche Führungsebenen eingezogen werden sollen und eine Struktur geschaffen werden soll, die mehr Reibungsverluste und höhere Kosten verursachen könnte. Trotzdem sind wir natürlich zu organisatorischen Veränderungen bereit, wenn sie sachlich gerechtfertigt sind. Wir diskutieren gerne darüber, wie auch in Zukunft im ORF Qualitätsjournalismus sichergestellt werden kann. Und auch wie die Unabhängigkeit der Journalistinnen und Journalisten garantiert werden kann.

Wir haben in den vergangenen Jahren bereits erhebliche Effizienzsteigerungen umgesetzt, die schon in vielerlei Hinsicht an die Substanz gehen. Ein weiteres Sparprogramm – wie es jetzt bereits umgesetzt werden soll – darf nicht auf Kosten des Journalismus und der Qualität gehen. Wenn der Aktuelle Dienst zusätzliche Einsparungen vornehmen muss weil die neue Morgen-Sendung deutlich teurer wurde, als geplant, dann wird öffentlich-rechtliches Kernprogramm in Mitleidenschaft gezogen.

Selbst wenn nur der Anschein besteht, dass ORF-Kanäle in Ihrer neuen Struktur proporzmäßig aufteilt werden und es zu parteipolitischen Besetzungen kommt, schadet das dem Ruf des ORF und unserer Glaubwürdigkeit. Und wenn jetzt zusätzlich neue Führungsebenen eingezogen werden, die unsere Arbeit schwieriger und teurer machen, dann werden wir uns dagegen wehren." (fid, 1.3.2017)

  • Artikelbild
    foto: apa/herbert pfarrhofer
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