Zeal & Ardor: Das Teifikind als Duracellhase

2. März 2017, 13:00
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Zwischen der Schweiz und Nordamerika versucht sich das Einmannunternehmen mit biblischer Wucht an afroamerikanischem Gospel in Verbindung mit gotteslästerlichem Black Metal aus Skandinavien

Wien – Im Wesentlichen bewegt man sich mit der altertümlichen Begriffspaarung Zeal & Ardor auf mindestens alttestamentarischem Boden. Die beiden Begriffe stehen sowohl für Hingabe und Leidenschaft wie, je nach Lesart und Bibelauslegung, auch für Eifersucht oder Zorn. Einmal alles, bitte.

Das trifft sich gut. Manuel Gagneux hat als Einmannunternehmen Zeal & Ardor ohnehin beschlossen, es mit der Wahl des richtigen von zwei oder mehreren Stühlen nicht so genau zu nehmen. Der 28-jährige Multiinstrumentalist ist in Basel mit Schweizer Vater und afroamerikanischer Mutter aufgewachsen, um dann in seinen Studentenjahren im New Yorker Stadtteil Harlem erste Versuche im Zusammenbrauen eines selbst für geeichte Geschmäcker im Bereich extremer Musiken vordergründig einmal unbekömmlichen Mischmaschs zu machen.

zeal & ardor

Manuel Gagneux alias Zeal & Ardor produziert tief im Süden der USA verwurzelten raukehligen Gospel, der mithilfe von Call-and-Response-Gesängen und Field-Songs der Sklaven nicht nur zu einer zeitgenössischen Form des Blues gedeutet wird, wie sie zuletzt etwa vom US-Trio Algiers gedacht wurde. Southern Gothic trifft auf Blues trifft auf "Punk".

Zeal & Ardor haben es als live mittlerweile zur Band gewachsene Teifikinder noch dazu ganz toll mit dem Gottseibeiuns. Auf dem voriges Jahr eher geheim veröffentlichten und jetzt noch einmal auf einem größeren, halbprofessionellen Label einer breiteren Öffentlichkeit außerhalb des Duracelllampen-Horrorgenres zugänglichen Debütalbum Devil is Fine geht es nicht um den Satan als biophysische Realität.

Schnitzelklopfgitarren und Zwiebelhackschlagzeug

Wobei man jetzt nichts gegen Filme aus Hollywood mit dem Grüffelo für Kinder im Pettingalter sagen kann. Wer fürchtet sich zwischen den Werbepausen nicht sehr gern auch im Patschenkino bei Tanz der Teufel, Hexen oder Kabinen in den Wäldern, diesem einen extrem unsympathischen Gör aus Der Exorzist oder Gozer dem Vernichter und Dämon Vinz Clortho aus Ghostbusters?

Zeal & Ardor mengen den düsteren und zitatreichen Sichtungen einer zur globalen kulturellen DNA zählenden Urgroßvatermusik, zu der man eines Morgens aufwacht und den Teufel im Genick sitzen hat oder bemerkt, dass man blöderweise tot ist, noch skandinavischen Amoklauf-Black-Metal mit Schnitzelklopfgitarren und Zwiebelhackschlagzeug bei.

Humanistische Übereinkünfte

Jener Musikstil, der in den 1980er-Jahren von norwegischen Kirchenanzündern und McDonald's-Filialen-Verwüstern als sowohl antichristliche wie auch anti(afro)amerikanische Ungustlgemeinschaft gegründet wurde, um dem Rock mit Faschingsschminke aus Walhalla den Roll auszutreiben, stammt ja im Grunde auch aus einer im konkreten Fall halbjahreslang im tatsächlichen Dunkel liegenden Kultur. Ihr wurde einst das Christentum ebenso aufgezwungen wie den amerikanischen Sklaven. Das ist, bitte, Manuel Cagneuxs Ansatz. Jemand kann ja dagegen sein.

Die zwischen tiefer molliger Trauer und dem Angriffstempo einer brüllenden und stürmenden Wikingerhorde changierenden, das Schicksal des ersten schwarzen US-Kongressabgeordneten Robert Smalls wie Kamikaze in schnell vorwärts gespulter Zeitlupe umkreisenden Songs auf Devil is Fine blasen dem Hörer bei aller inhaltlichen Fragwürdigkeit jedenfalls gut die Ohren durch. Dabei wird das wertkonservative Grundeinverständnis bezüglich Hörbarkeit und humanistischer Festübereinkünfte allerdings nie infrage gestellt. Aaaaaargh! (Christian Schachinger, 2.3.2017)

  • Afroamerikanischer Gospel und skandinavischer Black Metal mit dem Zeichen Luzifers: Zeal & Ardor sind teuflisch gut.
    foto: devil is fine

    Afroamerikanischer Gospel und skandinavischer Black Metal mit dem Zeichen Luzifers: Zeal & Ardor sind teuflisch gut.

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