Wenn männliche Pfeilgiftfrösche zu Kannibalen werden

28. Februar 2017, 20:11
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Frösche vertilgen in eroberten Gebieten den Nachwuchs der Rivalen, was ihnen mehrfachen Nutzen bringt

Wien – Kannibalismus und Kindsmord sind keine Seltenheit im Tierreich. Derartiges Verhalten kommt nicht nur bei Löwen, Primaten, Insekten, Fischen und Vögeln vor. Häufig steckt hinter dem Fressen von fremdem Nachwuchs eine sexuelle Motivation. Dadurch schlagen die Kannibalen zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie vermindern den Fortpflanzungserfolg ihrer Konkurrenten und erhöhen gleichzeitig die Chancen auf eigenen zukünftigen Paarungserfolg.

Ganz anders verhält es sich dagegen bei den Pfeilgiftfröschen, wie Verhaltensforscherin Eva Ringler (Vetmeduni Vienna) und ihr Team im Fachblatt "Scientific Reports" berichten. Bei den Amphibien sind nämlich die Männchen für die Brutpflege zuständig. Das Fressen fremder Gelege durch Männchen dient definitiv nicht der Manipulation der Weibchen, sondern eher der Vermeidung von Fürsorge für fremde Nachkommen. Dabei scheinen Männchen sowohl bei der Brutpflege als auch beim Kannibalismus einem einfachen Auslöser zu folgen.

In beiden Fällen ist das Territorialverhalten der Männchen entscheidend. Im eigenen Gebiet kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass eines der Gelege nicht ihres sein könnte. Deshalb werden all jene Kaulquappen, die sich innerhalb des Territoriums befinden, zu geeigneten Wasserstellen getragen, wenn die Zeit reif ist.

Kannibalismus mit mehrfachem Vorteil

Erobern sie dagegen das Gebiet eines Rivalen, werden die männlichen Pfeilgiftfrösche zu Kannibalen, was sich für sie gleich in mehrfacher Hinsicht als Vorteil erweist: Zum einen bereinigen sie das Gebiet komplett vom Rivalen, der damit nicht nur sein Territorium, sondern auch seinen Nachwuchs verliert. Sämtliche Gelege des Vorgängers aufzufressen, bedeutet auch, dass die Männchen sich danach über die Vaterschaft aller zukünftigen Gelege sicher sein können. Zum anderen stellen Gelege eine sehr nahrhafte Kost dar, und dienen sicher auch als wertvolle Energiequelle.

Der Nachweis dieses bereits im Freiland beobachteten Verhaltens gelang Ringler und ihrem Team in einem Versuch, bei dem sie eine Gruppe Männchen der Spezies Allobates femoralis in einem Terrarium quasi ein neues Gebiet erobern ließen. Eine zweite Gruppe verblieb in ihrem angestammten Revier. In beiden Fällen platzierten die Forscher fremde Gelege in den Terrarien. Während die Männchen in der "Eroberer"-Gruppe zu Kannibalen wurden und die fremden Gelege verschlangen, verschonten die Männchen in der Kontrollgruppe die fremden Eier und transportierten diese sogar mehrheitlich zu den angebotenen Wasserstellen.

Parallelen zur mittelalterlichen Geschichte

Mit dem kannibalistischen Verhalten wird dem Rivalen zudem ein weiterer Grund genommen, das Gebiet zurückzuerobern, da er seine Nachkommenschaft verliert. Für Ringler ergibt sich durch ihre Ergebnisse ein neuer Blickwinkel auf das Auftreten von Kannibalismus im Tierreich. "Bei den Pfeilgiftfröschen hat sich gezeigt, dass ein einfacher Auslöser reicht, um zwischen einer extrem destruktiven Handlung und elterlicher Fürsorge zu wechseln."

Während Individuen anderer Tierarten aus sexueller Motivation oder Hunger zu Kannibalen werden, scheint bei Pfeilgiftfroschmännchen hingegen rein der Territoriumsstatus der Auslöser zu sein. Das Verhalten der männlichen Pfeilgiftfrösche erinnert damit an Konflikte unter anderem im Mittelalter, bei denen bei Eroberungen nicht nur ein Herrscher gestürzt und getötet wurde, sondern auch gleich seine Nachkommen. Damit wurde verhindert, dass sie den Thron beanspruchen. "Allerdings kam es dabei nicht zum Kannibalismus", schließt Ringler. (tasch, red, 28.2.2017)

  • Erobert der Pfeilgiftfrosch neue Territorien, wird er kannibalisch. Davon profitiert er gleich in mehrfacher Hinsicht.
    foto: andrius pasukonis

    Erobert der Pfeilgiftfrosch neue Territorien, wird er kannibalisch. Davon profitiert er gleich in mehrfacher Hinsicht.

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