Wieso lesbische Codes in der Mode immer wichtiger werden

6. März 2017, 16:11
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Die Mode hat sich schon immer gern von schwulen Subkulturen inspirieren lassen. Derzeit lieben es die Designer, mit lesbischen Codes zu spielen

Jahrelang führte Hollywood-Star Kristen Stewart die Worst-dressed-Listen der Fashionmagazine an, zu boyisch, zu wenig glamourös war vielen Moderedakteurinnen ihr zurückgelehnter L.A.-Skater-Stil – Skinny-Jeans, Chucks, Biker-Jacket, Baseballkappe. Dabei war Stewart, die den Boyfriend-Look bereits kultivierte, als er noch gar kein Look war, eine Art Vorreiterin für eine neue Lässigkeit in Sachen Frauenmode.

Die ewiggleichen supersexy Outfits langweilen, Normcore und Streetstyle haben die High Fashion erobert, Sneakers nehmen den Platz von High Heels ein. Sowohl das Frauen- als auch das Männerbild hat sich in den letzten Jahren massiv verändert, es ist spielerischer, offener, sozusagen genderfluid geworden. Männer tragen Rüschen, Frauen Kleidung, die ihren Körper dekonstruiert, anstatt bloß ihre Kurven zu betonen. Stewart passt mit ihrem Tomboy-Stil perfekt in eine Modewelt im Umbruch, die klassische Geschlechtszuschreibungen hinterfragt und eine neue Unisex-Coolness verkündet.

Dass Stewart sich kürzlich als lesbisch geoutet hat, sie ist gerade mit dem britischen "Victoria's Secret"-Model Stella Maxwell liiert, überrascht gerade im Fashionkontext nicht. Noch nie zuvor gab es so viele offen lesbisch oder bisexuell lebende Models und Schauspielerinnen – von Cara Delevingne, Ruby Rose, Amber Heard bis zur androgynen Tamy Glauser, die gerade in der aktuellen Kampagne von Vivienne Westwood im Herrenanzug posiert.

Lesbisches Eldorado

"Die Mode ist ein lesbisches Eldorado, wenn man ihre Zeichen zu lesen versteht", bestätigt Wally Salner, die gemeinsam mit Johannes Schweiger das Mode- und Designlabel fabrics interseason betrieben hat und nun Professorin für Mode an der Akademie für Mode und Design in München ist, mit einem Forschungsschwerpunkt für queere Codes. "Zu einer Sichtbarmachung von queeren Styles haben auch TV-Serien wie "The L-Word" oder "Orange Is The New Black" beigetragen. Die Genres Tomboy (Butch) und Lipsticklesbe (Femme) sind so stark verkürzt im Mainstream angekommen."

Bereits 2012 fragte die Fashionplattform "style. com": "Is lesbian chic here to stay?" Es scheint zumindest so: Saint-Laurent-Designer Anthony Vaccarello lässt in seiner aktuellen Kampagne für Frühling/Sommer 2017 Models breitbeinig dasitzen, im Video, das in einem sexuell aufgeladenen, androgynen Club spielt, schmusen vor allem die Girls miteinander. Von den Outfits her lassen sich Männer und Frauen aber ohnehin schwer unterscheiden.

In Modekreisen ist es gerade hip, lesbisch zu sein – oder zumindest so auszusehen. Obwohl es natürlich gar nicht so einfach ist, zu sagen, was ein lesbisches Outfit ist, ohne in Klischees zu verfallen. "Die stereotypisierte Vorstellung eines Tomboy-Looks wird gemeinhin gern als lesbischer Style wahrgenommen (weil er männlich konform scheint)", analysiert Salner. "Jedoch wird die Performance einer High Femme mit feminin konnotierten Attributen sehr leicht heteronormativ verschluckt, ist nur für wenige sichtbar oder wird als normativ missverstanden." Obwohl: Die Gendertheorie einer Judith Butler, die davon ausgeht, dass sowohl Weiblichkeit als auch Männlichkeit ein Konstrukt ist, dass wir unser Geschlecht "performen", ist mittlerweile breitenwirksamer durchgesickert.

Mann oder Frau im Kleid

Macht es wirklich einen Unterschied, ob sich eine Frau oder ein Mann in einem sexy Kleid mit High Heels inszeniert? Schließlich spielen beide eine Rolle. Selbstbewusste junge Männer haben jedenfalls kein Problem mehr damit, auch "femininere" Kleidungsstücke zu tragen, sie müssen keine harten Kerle mimen, um sich als Mann zu fühlen.

Gleichzeit ist die Mode gerade von den letzten verbleibenden Subkulturen fasziniert, von Gruppierungen, die ihre eigene (modische) Sprache haben. Nachdem Jugend- und Popkultur inzwischen völlig durchkommerzialisiert und oft inhaltsleer geworden sind, ist es interessant, dass es noch immer Gemeinschaften mit eigenen Verhaltens- und Kleidungscodes gibt.

Subkultur in der Populärkultur

Beharrlich in Bezug auf eine festgeschriebene Ästhetik hat sich dabei die Heavy-Metal-Szene mit ihren Gothic-Schriftzeichen erwiesen, die gerade in der Mode rauf- und runterkopiert werden; und eben das queere Clubbing. Lange Zeit waren es vor allem schwule Subkulturcodes, die sich in der Populärkultur durchsetzten (Leder, Bikes, Denim, Schnurrbärte). Historisch betrachtet sind diese Codes eigentlich subtile Erkennungszeichen für Gays untereinander. Mit dem Aufkommen des Hipsters ist die Unterscheidung, wer nun schwul und wer hip, aber heterosexuell ist, gar nicht mehr so einfach.

Überspitzt lässt sich sagen: Die queere Szene wird immer diverser – die Heteros sehen immer queerer aus. In der "New York Times" schrieb die Journalistin Krista Burton jüngst ironisch "Hipsters Broke My Gaydar", was sich ungefähr so übersetzen lässt: Die Hipster machen es mir unmöglich zu erkennen, wer queer ist. "Hipsterstyle ist eigentlich lesbischer Stil: Flanellhemden, schwere Boots, Undercut-Frisuren, Outdoor-Jacken und Organic Food essen. Das beschreibt doch das Stereotyp einer Lesbe." Im Grunde schauen wir also alle gerade ein wenig lesbisch aus. In diesem Sinne: Butch up your life! (Karin Cerny, RONDO, 6.3.2017)

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