Beendet die Kirchenspaltung!

Kommentar der anderen28. Februar 2017, 16:16
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500 Jahre nach der Reformation: Römische Absichtserklärungen und Vorschläge zur Buße und Versöhnung haben die ökumenisch engagierten Christen schon zu oft gehört. Nun müssen endlich Taten folgen. Ein Weckruf

Es ist hocherfreulich, dass am 6. Februar 2017 der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, in Begleitung von Kardinal Marx, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Papst Franziskus in Rom einen offiziellen Besuch zum Reformationsjubiläum abgestattet hat. Der Papst sprach von "einer bereits versöhnten Verschiedenheit". Er schätze, wie er sagte, die geistlichen und theologischen Gaben, die wir von der Reformation empfangen haben, und er wolle sich mit all seinen Kräften "darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden".

Schon im September 2016 haben Bischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx das Gemeinsame Wort "Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen" vorgestellt. Nach fünf Jahrhunderten der Abgrenzung und gegenseitigen Verwerfungen wollen die bei- den großen Kirchen in Deutschland dieses Gedenken gemeinsam als "Christusfest" begehen. Am 11. März 2017 soll ein zentraler Buß- und Versöhnungsgottesdienst der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD in Hildesheim als weiterer Kristallisationspunkt im Prozess der Erinnerung und der Heilung gefeiert werden.

Doch römische Absichtserklärungen und Vorschläge zur Buße und Versöhnung haben wir zu oft gehört. Wir ökumenisch engagierten Christen erwarten endlich Taten. Leider verschweigt das Gemeinsame Wort den Stillstand der Amtskirchen in entscheidenden Fragen und übergeht die praktizierte Ökumene, die in vielen evangelischen und katholischen Gemeinden und Gruppen schon lange gelebt wird.

Für sie stellen die gegenseitige Anerkennung der Ämter und die eucharistische Gemeinschaft kein Problem mehr dar. Diesen Fortschritten hinken die Kirchenführer weit hinterher. Sie allein tragen die Verantwortung vor Gott und den Menschen, wenn sie mit der Beseitigung der "noch bestehenden Hindernisse" nicht Ernst machen.

Vier Forderungen

Für das Jubiläumsjahr 2017 sollten die Verantwortlichen die teils schon seit Jahrzehnten vorliegenden Ergebnisse der ökumenischen Dialogkommissionen konsequent in die Tat umsetzen. Für die katholische Kirche drängen sich auf:

· Erstens: die Rehabilitation Martin Luthers.

· Zweitens: die Aufhebung aller Exkommunikationen aus der Reformationszeit.

· Drittens: die Anerkennung der protestantischen und anglikanischen Ämter.

· Viertens: die degenseitige eucharistische Gastfreundschaft.

Ungezählte Christen wünschen sich, dass diese Postulate von evangelischer Seite genauso freimütig und deutlich an die katholische Kirche herangetragen werden, freilich nicht ohne die gebotene Selbstkritik. Nur 500 Jahre Reformation feiern, ohne die Kirchenspaltung wirklich zu beenden, heißt, neue Schuld auf sich zu laden. Der Druck der Theologie und der kirchlichen Basis, der Gemeinden und vieler engagierter Frauen und Männer, möge helfen, dass die oft ängstlichen und zaudernden Kirchenleitungen in Rom und anderswo diese historische Gelegenheit nicht verpassen, sondern aufwachen. Sonst werden noch mehr Menschen sich von der Kirche abwenden, noch mehr Gemeinden und Gruppierungen zur Selbsthilfe greifen!

In der globalisierten und säkularisierten Welt von heute wirkt das Christentum nur dann glaubwürdig, wenn es sich als Gemeinschaft in wahrhaft versöhnter Verschiedenheit darstellt. (Hans Küng, 28.2.2017)

Hans Küng (Jahrgang 1928) hat seit seiner Dissertation über "Rechtfertigung. Die Lehre Karl Barths und eine katholische Besinnung" (1957) auf das Ende der Kirchenspaltung hingewirkt. Im ersten Band seiner jetzt im Herder-Verlag erscheinenden "Sämtlichen Werke" hat er seine Schriften zur Rechtfertigungslehre zusammengetragen. Küngs Impuls vor genau 60 Jahren hat bewirkt, dass ein evangelisch-katholischer Konsens in dieser zentralen Streitfrage erreicht wurde und von daher heute eine katholische Rehabilitation Martin Luthers naheliegend ist. Die weiteren 23 Bände der Gesamtausgabe dokumentieren Küngs durch sechs Jahrzehnte durchgehaltenes Bemühen um ökumenische Verständigung und Frieden zwischen den Konfessionen und Religionen. Er ist mit Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) der letzte noch aktive Konzilstheologe.

  • Adam, Eva und Herr Martin (im Bild im Kunsthistorischen Museum Wien): 500 Jahre nach der Reformation wird ein Gedenkjahr begangen. An die Kirchenspaltung sollte dabei allerdings auch gedacht werden.
    foto: dorothee golz

    Adam, Eva und Herr Martin (im Bild im Kunsthistorischen Museum Wien): 500 Jahre nach der Reformation wird ein Gedenkjahr begangen. An die Kirchenspaltung sollte dabei allerdings auch gedacht werden.

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