Bix Beiderbecke: Das weiße Bubenwunder des "Jazz Age"

1. März 2017, 08:00
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Die rätselhafte Karriere des Jazzmusikers lässt sich jetzt auf runderneuerten Tonträgern akustisch befriedigend nachprüfen. Stichwörter zu einem US-Kornettspieler, der quasi im Alleingang den Cool Jazz erfand

Bix: Der Jazzmusiker Leon Bix Beiderbecke wird 1903 als zweiter Sohn eines deutschstämmigen Holz- und Kohlenhändlers in Davenport (Iowa) geboren. Der Stolz auf die deutsche Herkunft findet auf dem Taufschein seinen Niederschlag. Der Papa heißt mit Vornamen Bismarck-Hermann. Die Mama ist Amerikanerin und möchte für ihren Zweitgeborenen die Härten des Lebens abmildern. Aus "Bismarck" wird das schlichte "Bix".

Dampfer: Klein Bix klimpert bereits als Kleinkind den"Yankee Doodle" und spielt Franz Liszt nach dem Gehör. Lokalblätter wie der "Davenport Daily Democrat" berichten frühzeitig über "Little Bickie", das "German Wunderkind". Vor allem aber lauscht der kleine Bix den Vergnügungsdampfern, die den Mississippi hinunterschippern. Auf ihnen spielen schwarze Tanzbands aus dem Süden die Musik der Stunde: Jazz. Jazz ist der Abkömmling des Ragtime. In ihm finden Spirituals, Gospels, Blues, Work-Songs und die Lieder der Minstrel-Shows zusammen.

Flüsterkneipen: Als angehender Tunichtgut wird Bix von den besorgten Eltern auf eine Militärakademie geschickt. Der blasse junge Mann nutzt die Ausbildungszeit, um seinen beiden Leidenschaften zu frönen. Er lauscht mit glühenden Ohren den Aufnahmen der Original Dixieland Jazz Band und besorgt sich prompt ein Kornett. Zum anderen kultiviert er den Genuss von schwarzgebranntem Whiskey. Bald erkennt man Bix schon von weitem, an seiner Fahne.

Goldkette: Die kurze Karriere des Kornettspielers Bix Beiderbecke folgt den Gesetzmäßigkeiten des noch recht jungen Unterhaltungsmarktes. Obwohl Bix zeitlebens das Notenlesen nicht richtig erlernt, findet er in Chicago und später in New York Aufnahme in den wichtigsten (weißen) Jazzcombos. Aus dem Dixieland-Gedudel dieser für den Jazz prägenden Jahre sticht sein klarer, kühler Ton irritierend hervor. Beiderbecke spielt zusammen mit dem Saxofonisten Frank Trumbauer in der Combo des Impresarios Jean Goldkette. Bald schließt er sich dem Paul-Whiteman-Orchester an und wird todunglücklich. Whiteman kühlt den Hot Jazz herunter und verwöhnt mit Schlagerschmelz.

Grammofon: Das rätselhafte Ingenium Bix Beiderbeckes kann man auf mehreren Tonaufnahmen bewundern. Bix' Ton eignet die kühle Anmutung des Flügelhorns. Sein kristallklarer Sound hebt sich entscheidend ab von der Phrasierungskunst eines Louis Armstrong. Beiderbecke wird in der Mitte der 1920er-Jahre zum "Cool"-Spieler, ohne dass dieser Begriff überhaupt schon vorrätig wäre. Zeitgenossen wie der Duke-Ellington-Mann Rex Stewart spielen seine Soli Ton für Ton nach. Lester Young, der "Erfinder" des modernen Tenorsaxofonspiels, wird später sagen: "Bix sounded just like a coloured boy."

Konzept: Bix Beiderbecke baut in seine Phrasen Töne ein, die die Akkorde überraschend umspielen. Er benutzt sie nicht als Durchgangstöne, sondern setzt sie sogar auf die Betonungen im Takt. Das war vorher noch nicht da gewesen. Ob im Oktett oder in der Triobesetzung: Der Chicago-Jazz drängt darauf, als Kunst- oder Kammermusik wahrgenommen zu werden. Beiderbecke macht aus acht- oder sechzehntaktigen Soli kleine, swingende Erzählungen. Seine ganze Liebe aber gilt der ehrfürchtig bestaunten Klassik von Debussy und Strawinsky. Sein Klavierstück "In A Mist", von ihm selbst am Piano gespielt, weist bereits auf George Gershwin und Lennie Tristano voraus.

Müdigkeit: Seine Alkoholsucht zerrüttet Beiderbeckes Gesundheit. Immer öfter schmeißt er Soli. Der Schwarze Freitag zerstört nicht nur die Geschäftsgrundlage der großen Tanzorchester, er frisst auch Beiderbeckes Rücklagen. Von seinen Mitmenschen und Kollegen wird das junge Genie als melancholische Rätselgestalt beschrieben. Der Trompeter Jimmy McPartland sagt: "Ich glaube, er trank deshalb so viel, weil er mehr in der Musik erreichen wollte, als man als einzelner Mensch nun einmal erreichen kann."

Tod: Der Kornettist Beiderbecke litt an Delirium tremens. Eine kleine Erkältung weitete sich zur Lungenentzündung aus. Bix Beiderbecke starb am 6. August 1931 in New York.

Zeugnisse: Das digitale Remastering sorgt für kleine Wunder. Dachte man früher bei Beiderbecke-Aufnahmen bloß, eine Straßenbahngarnitur führe durchs Zimmer, so kann man sich heute ein recht klares Bild von Beiderbeckes Intonationskunst machen. Das CD-Set "Bixology" ist kürzlich bei Real Gone erschienen. Es enthält leider keine Linernotes. Bei ACT liegt nun das Set "Echoes of Swing" vor ("A Tribute to Bix Beiderbecke"). Die Proben der Originalmusik sind vorzüglich ediert, eine Gruppe von Zeitgenossen lässt sich von Beiderbeckes Werk hörbar gut gelaunt zu Neuem inspirieren. (Ronald Pohl, 1.3.2017)

  • Bildnis eines Rätselhaften: Bix Beiderbecke, hier mit Arbeitsgerät als stolzer Orchestermusiker in den "Roaring Twenties".
    foto: harlingue/violett/picturedisk.com

    Bildnis eines Rätselhaften: Bix Beiderbecke, hier mit Arbeitsgerät als stolzer Orchestermusiker in den "Roaring Twenties".

  • overjazz records

    "In a Mist" von Bix Beiderbecke von 1927.

  • onlyjazzhq

    "Riverboat Shuffle" von Bix Beiderbecke.

  • fskeptical

    "Singin' the Blues" von Bix Beiderbecke.

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