Russland will Anker in der Arktis werfen

28. Februar 2017, 07:00
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Das Wirtschaftsministerium in Moskau fordert Milliarden, um Stützpunkte in der Polarregion zu schaffen

"Was Sie über Eisbären wissen müssen", steht auf dem Aushang in der Fabrikhalle von Sabetta. Nicht nähern, nicht füttern, nicht verfolgen sind drei der Sicherheitshinweise auf dem Zettel. Sabetta ist eine Siedlung um ein riesiges Gasfeld und die dazugehörige LNG-Anlage des Rohstoffgiganten Nowatek auf der Polarhalbinsel Jamal. Der Konzern will heuer mit dem Gasexport via Schiff beginnen. Die Route führt durch den Arktischen Ozean. Noch vor ein paar Jahren galt die sogenannte Nordostpassage als unpassierbar. Inzwischen ist sie in den Sommermonaten fast eisfrei.

Auch Moskau hat sein Interesse an der Region wiedergefunden. Unter dem Eispanzer der Arktis werden gewaltige Schätze vermutet; bis zu 13 Milliarden Tonnen Öl und fast 70 Billionen Kubikmeter Gas. Russland erhebt Anspruch auf ein Gebiet von 1,2 Millionen Quadratkilometer, 14-mal so groß wie Österreich. Während der wissenschaftliche und diplomatische Disput über die Zugehörigkeit der Region in der Uno noch geführt wird, bereitet der Kreml die militärische und ökonomische Eroberung schon vor.

Lagerstätten als Basis

Bis 2018 sollen die Arktistruppen aufgebaut sein – doch auch wirtschaftlich braucht Russland Stützpunkte im hohen Norden. Das Wirtschaftsministerium hat nun die Regierung um umgerechnet 3,5 Milliarden Euro für sogenannte Ankerprojekte gebeten. Geplant ist der Aufbau von neuen Häfen in allen Nordregionen des Landes – von der Halbinsel Kola bis nach Tschukotka. Die Umschlagpunkte sollen in der Nähe von Rohstofflagerstätten errichtet werden. Auf diese Weise könnten sich die Investitionen am schnellsten rentieren, immerhin machen Rohstoffförderung und -verarbeitung zwei Drittel aller Projekte in der Arktisregion aus.

Wenn die derzeit aufgrund von Klimaverhältnissen, rechtlichem Streit und westlichen Sanktionen buchstäblich noch auf Eis liegende Förderung vor der Küste in großem Maßstab aufgenommen wird, dann sind diese Häfen die optimalen Startplätze, um tiefer Richtung Nordpol in die noch unberührte Arktis vorzudringen.

Die vom Ministerium angefragten Mittel sind dabei allerdings auch kaum mehr als das minimale Starterpaket. Allein der geplante Ausbau eines Tiefseehafens in Archangelsk verschlingt fast zwei Milliarden Euro. Gespräche mit einem chinesischen Investor werden geführt, doch ohne staatliche Zuschüsse wird das nicht gehen.

Projekt Eisenbahn

Noch weitaus ambitionierter ist das Projekt einer 1250 Kilometer langen Eisenbahn vom Weißen Meer nach Westsibirien nördlich des Polarkreises, genannt Belkomur. Die russische Bahn will noch heuer den Kostenvoranschlag des Projekts an die Regierung übermitteln. Und geradezu fantastisch mutet das vom nationalen Sicherheitsrat vorgelegte Konzept zur verkehrstechnischen Arktiseroberung mit Zeppelinen an. Die riesigen Luftschiffe sollen unabhängig von Straßen und Schienen gewaltige Lasten transportieren können. Der Aufbau einer derart futuristischen Luftflotte würde allerdings laut den Initiatoren bis 2035 240 Milliarden Dollar erfordern. Wegen der hohen Kosten wird das Luftschiffkonzept wohl noch eine Weile mit Gegenwind in der Regierung kämpfen müssen. (André Ballin aus Moskau, 28.2.2017)

  • Unter dem Eispanzer der Arktis werden noch gewaltige Schätze vermutet –  bis zu 13 Milliarden Tonnen Öl und fast 70 Billionen Kubikmeter Gas.
    foto: richardsafp / paul j. richards

    Unter dem Eispanzer der Arktis werden noch gewaltige Schätze vermutet – bis zu 13 Milliarden Tonnen Öl und fast 70 Billionen Kubikmeter Gas.

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