Modewoche Mailand: Lange Kleider, bunte Federn

27. Februar 2017, 20:00
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Während der Modewoche stellte Gucci abermals seine Vorherrschaft unter Beweis. Die freakigen Entwürfe sind aber nicht jedermanns Sache

Via Fogazzaro 28 in Mailand: Auf den ersten Blick sieht hier an diesem Donnerstagabend alles nach dem ganz normalen Modewochenwahnsinn aus. Auf der schmalen Straße richten Streetstyle-Fotografen ihre Objektive auf Frauen in Designerkleidern, vor dem Prada-Hauptquartier drückt sich eine Menschentraube in den dahinter liegenden Innenhof. Die Männer in den schwarzen Anzügen, die sonst nur die Showeinladungen überprüfen, kontrollieren Handtaschen und Rucksäcke mit Detektoren. Seit der letzten Modewoche im vergangenen September ist viel passiert.

In den Saisonen zuvor hatte Gucci die Mailänder Modewoche wieder interessant gemacht. Das Label hält seit zwei Jahren das Modezepter fest in der Hand. Sogar der italienische Premier Matteo Renzi hatte im letzten Jahr die Protagonisten der italienischen Modeindustrie zweimal hintereinander zum großen Dinner geladen. In diesem Frühjahr sieht die Welt anders aus. Renzi ist zurückgetreten, die zerstrittene italienische Linke findet nicht zusammen, die Titelschlagzeilen gelten in diesen Tagen in den italienischen Tageszeitungen dem neuen US-Präsidenten.

Prada gibt sich politisch

Manche laufen in solch bewegten Zeiten zur Hochform auf, auch in der Mode. Miuccia Prada ist so eine. Die 67-Jährige ließ Rem Koolhaas im Prada-Headquarter – in den letzten Saisonen war es meist kühl und abstrakt gestaltet – einen Parcours aus Betten und Stehlampen aufbauen, an den Wänden Poster und Plakate: Die Zuschauer nahmen in einem überdimensionierten studentischen WG-Zimmer Platz.

Die nostalgische Atmosphäre verfehlte ihre Wirkung nicht. Vielleicht auch, weil die Entwürfe für die Frauen da ansetzten, wo die der Männer im Jänner aufgehört hatten: Miuccia Prada startete mit Schiebermützen, Cordhosen und dicken Wollschals, der linken Protestuniform der 1970er-Jahre, in die Show, Model Lindsey Wixon gab in einem Strickkleid die Prada-Sexbombe, Marabufedern wippten auf den Köpfen hinterher.

foto: apa/afp/cacace
Miuccia Pradas Winterkollektion bekam auf der Mailänder Modewoche viel Applaus. Die Models liefen in Strickkleidern und mit Hauben aus Marabufedern über den Laufsteg.

Sie sei nur eine Modedesignerin, meinte die große Modeerklärerin zwar nach ihrer Show, aber ganz raushalten könne sie sich nicht aus dem Zeitgeschehen. Und so las das Publikum die Prada-Kollektion sowohl als eine bewegende Liebeserklärung an die Frauen als auch als feministisches Statement: lang anhaltender Applaus – Miuccia Prada ist wieder da.

Blumiges von Gucci

Das wurde auch Zeit, in den letzten zwei Jahren wurde vor allem über Gucci gesprochen. Das Modelabel ist in den letzten zwei Jahren zu altem Glanz zurückgekehrt. Davon zeugt am Rande der Stadt das weitläufige neue Headquarter, außen Backstein, innen ein samtig ausgelegter Showroom. In dieser Saison ließ der Designer Alessandro Michele, ein blasser Mann mit Vollbart und langem Haar, dort wieder einmal die Muskeln spielen. Das tut er bekanntlich auf seine Weise. Er zeigte freakige, verrüschte Entwürfe und diesmal besonders viel Blumiges.

foto: apa/afp/cacace
Gucci: Blumiges im gläsernen Tunnel.

Michele blieb damit auch im dritten Jahr seiner Handschrift treu – warum auch nicht? Das Geschäft brummt: Das Haus hatte im letzten Quartal 2016 Ertragssteigerungen von rund 20 Prozent zu verzeichnen. Und so marschierten rekordverdächtige 120 schlaksige androgyne Wesen (Männer wie Frauen) im neuen Headquarter durch einen gläsernen Tunnel. Gucci liegt damit ganz im Trend: Die Shows, vor allem die jener Designer, die Männer- und Frauenmode gleichzeitig zeigen, werden immer länger. Bei Emporio Armani verbeugte sich der 82-jährige Giorgio Armani nach einem 104 Looks starken Defilee.

foto: apa/afp/cacace
Knöchellange Kleider bei Emporio Armani.

Kokettieren mit den 70ern bei Fendi

Auch bei Fendi läuft es derzeit – auch wenn Karl Lagerfeld mit seinen 83 Jahren schon etwas klapprig auf den Beinen ist. Das hält ihn und das Team um Silvia Fendi nicht davon ab, sich wieder etwas Neues einfallen zu lassen. Das Fendi-F der neuen Taschenkollektion wurde in die Schräge gelegt, die Kollektion kokettierte mit dem Charme der 70er-Jahre.

Lagerfeld hat sich diesmal von alten Holzschnitten und der Wiener Secession anregen lassen, Schultern wurden mit Polstern verstärkt und einem eingesetzten Keil verlängert.

Auch im Headquarter von Jil Sander wurden wie schon in der letzten Saison Bulldozer-Schultern ausgefahren, Designer Rodolfo Paglialunga zeigte eine Kollektion in Orange, Curry, Rot und ein kurzes Winken. Es soll seine letzte gewesen sein – Paglialunga ist es in den vergangenen drei Jahren nicht gelungen, in die Fußstapfen von Raf Simons zu treten.

foto: jil sander
Breite Hängeschultern bei Jil Sander.

Wie schwer es ist, auf große Namen zu folgen, erfuhr auch Francesco Risso bei Marni. Nach dem Ausstieg von Firmengründerin Consuelo Castiglioni zeigt er eine erste Kollektion, die in Teilen an seinen ehemaligen Arbeitgeber Prada erinnerte. Der österreichische, in Mailand lebende Designer Arthur Arbesser führte hingegen vor, dass sein Ausstieg beim Label Iceberg dem eigenen Label guttut: Er zeigte Farbe und Würfelmuster in einer ehemaligen Bäckerei.

foto: arthur arbesser
Arthur Arbessers Würfelparade.

Starke weibliche Stimmen

Ansonsten dominierten in dieser Saison die weiblichen Stimmen: Anna Molinari mag feminine, ironiebefreite Spitzenkleider designen, anlässlich ihres vierzigjährigen Jubiläums stapfte die kleine Designerin, Jahrgang 1949, aber unerschütterlich mit einem Blumenstrauß hinter ihren Models her.

Und dann war da noch Angela Missoni, bald sechzig. Sie wagte sich an ein politisches Statement auf dem Laufsteg. Nicht subtil oder verdruckst, sondern frei heraus: Im Finale liefen die Models bei Missoni mit pinken Strickhauben in Anlehnung an die Pussyhats beim Women's March auf.

Mit "starken Frauen" wird auch in Mailand gerade gern geworben. Die italienische Schmuckmarke Pomellato präsentierte unter dem frauenfreundlichen Hashtag #PomellatoForWoman Kampagnenbilder mit "echten Frauen. Auf den Laufstegen bekam Instagram-Model Gigi Hadid Konkurrenz – weniger von Eva Herzigova, Anfang vierzig, die Thomas Maiers Bottega-Veneta-Show in der Accademia di Brera anführte, sondern von Hijab-Model Halima Aden.

Das Kopftuchmodel lief nach ihrem Auftritt bei Kanye West in New York für Alberta Ferretti und Max Mara – und führte in einem wadenlangen Kaschmirmantel nebenbei die neue Länge vor. (Anne Feldkamp aus Mailand, 28.2.2017)

foto: apa/afp/medina
Max Mara: Halima Aden im wadenlangen Kaschmirmantel.

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