E-Smart: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister

27. Februar 2017, 11:18
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Alle Smarts gibt's nun auch als E-Fahrzeug. Nachteil: recht geringe Reichweite – 160 Kilometer laut Normzyklus

Toulouse – Manchem ist die Zukunft in die Wiege gelegt. Swatch-Gründer Nicolas Hayek war Anfang der 1990er-Jahre bei VW und dann beim Daimler hausieren gegangen mit der Idee eines frechen Zweisitzers mit Elektro- und Hybridantrieb. Seither sind ein paar Jahre vergangen, Smart verkaufte sich keineswegs, wie Hayek glaubte, massenhaft wie seine bunten Plastikuhren – dafür aber ist die Zeit jetzt reif für das Antriebskonzept. Die Stadtflitzer sind tatsächlich geradezu auf den elektrischen Einsatzzweck zugeschnitten.

foto: smart
Der Smart für vier, der Forfour, kommt auf 155 Kilometer Normreichweite, er wird bei Renault in Slowenien gebaut und wieselt in der Stadt fast so wendig herum wie der noch kürzere Fortwo. "Rennboote für urbane Mobilität", sagt der Hersteller über die E-Smarts. Der jetzt 60 kW starke Elektromotor stammt übrigens auch von Renault.

Konkret handelt es sich bereits um die zweite Elektrikergeneration, doch diesmal will man erstmals richtig in Großserie loslegen – in den USA etwa verkauft man künftig nur mehr Elektro-Smarts. In Österreich ist vom Fortwo ab Jahresende sowohl das Coupé als auch das Cabrio als Stromer erhältlich, zudem der viersitzige Forfour, ebenso der SUV Forcross und der Van Forspace. Quatsch, die letzten beiden gibt es natürlich gar nicht, die ersten drei umfassen schon die gesamte Modellpalette.

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Mit dieser haben wir uns auf die Tour kreuz und quer durch Toulouse gemacht, wohin Smart zum Kennenlernen geladen hatte – vermutlich, weil dort bald die 1.600-Jahr-Feiern zur Gründung des Tolosanischen Westgotenreichs (ab 418) anstehen – hochspannendes Kapitel Weltgeschichte. Die Smarties fahren sich lustig, spritzig, hakenschlagsmäßig wendig in den engen Straßen. Auch komfortabel – und so leise, dass die Grabesruhe des großen Thomas von Aquin im Dominikanerkloster Les Jacobins garantiert nicht gestört wird. Des Aquinaten ewiggültige Erkenntnis passt gut zur E-Mobilität: Für Wunder muss man beten, für Veränderungen aber arbeiten.

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Was liegt also technisch an? Die Lithium-Ionen-Batterien (aus dem konzerneigenen Accumotive-Werk in Kamenz; die Zellen stammen von LG) wurden bei gleichem Energieinhalt wie bisher um 16 kg leichter, der neue E-Motor leistet statt 55 jetzt 60 kW, die Reichweite wurde von 145 auf bis zu 160 km gesteigert (nun ident mit dem VW e-up!) und der Verbrauch von 15,1 auf 12,9 kWh pro 100 km gesenkt. Für sich gesehen alles recht beachtlich, allein: gegenüber den Normreichweiten von 300, 400, gar 500 km der – allerdings abmessungstechnisch größeren, auch deutlich teureren – Konkurrenz (BMW i3, Renault Zoe Z.E. 40, VW e-Golf, Opel Ampera-e) nimmt sich die der Smarts eher karg aus.

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Wie heißt es bei Goethe? In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Kleines Auto, wenig Platz für Batterien. Die E-Smarts gehen als Gesellenstück durch. Der Meister wird vergeben, wenn sie 300 km schaffen. Immerhin: Mit der winters realen Reichweite von ca. 100 km findet man im Haupteinsatzfeld Innenstadt jetzt schon ganz gut das Auslangen.

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Weil indes Strom nicht gleich Strom ist, er also nicht weltweit so ein grünes Mascherl trägt wie in Österreich, gilt die chinesische Weisheit: Wenn du von dem Strome trinkst, denk an seine Quelle. (Andreas Stockinger, 27.2.2017)

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Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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