Sammlung Gurlitt: Ernüchternde Bilanz zum Jahrestag

27. Februar 2017, 13:00
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Vor fünf Jahren wurden 1.580 Kunstwerke beschlagnahmt. Die ernüchternde Bilanz: Von den Arbeiten gelten erst 520 als geklärt, drei der fünf als NS-Raubkunst identifizierten wurden restituiert

Wien – Zum fünften Mal jährt sich dieser Tage die Beschlagnahme einer Kunstsammlung, die bis heute ein unrühmliches Bild auf die deutschen Behörden wirft. Zwei Jahre zuvor war ein gewisser Cornelius Gurlitt über eine Personenkontrolle in einem Zug von Zürich nach München ins Visier der Steuerfahnder geraten.

Am 28. Februar 2012 betraten Zollbeamte die im Münchener Stadtteil Schwabing liegende Wohnung des damals 80-Jährigen und stießen auf eine unerwartet große Menge an Kunstwerken. 1.259, wie eine spätere Inventarisierung ergab, die kurzerhand beschlagnahmt wurden. Eine Aktion, die in keinem Verhältnis zu einer etwaigen Steuerschuld stand und für die nie jemand Rechenschaft ablegen sollte.

"Schwabinger Kunstfund"

Bekannt wurde die Sicherstellung des fortan verharmlosend als "Schwabinger Kunstfund" bezeichneten erst im Herbst 2013. Er entpuppte sich als Restbestand des Depots des in der Ära der Nationalsozialisten tätigen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, Vater des Cornelius. Die Sammlung war und ist eine Melange aus ehemals verfemter deutscher Avantgarde der Kategorie "Entartete Kunst" und Trouvaillen vorangegangener Generationen. Manches davon auch NS-Raubkunst – in welchem Umfang, ist bis heute ungeklärt.

Eine unter internationalem Druck eiligst einberufene Taskforce sollte innert eines Jahres die Herkunft von knapp 500 "verdächtigen" Werken klären. Bis November 2015 hatte man fünf Kunstwerke zweifelsfrei als in der NS-Zeit entzogen identifiziert, restituiert wurden bislang allerdings nur drei: Max Liebermanns Gemälde Reiter am Strand und Henri Matisse Femme assise im Mai 2015 sowie jüngst Adolphe Menzels Zeichnung eines Kircheninterieurs. Camille Pissarros im Februar 2015 als Raubkunst deklariertes Gemälde La Seine vue du Pont-Neuf harrt ebenso noch einer Rückgabe wie eine Zeichnung Carl Spitzwegs seit Oktober 2014. Woran es sich spießt, war aktuell nicht in Erfahrung zu bringen. Eine diesbezügliche Anfrage an die Pressestelle der Kulturstaatsministerin blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Im Jänner 2016 hatte die Taskforce Monika Grütters einen vorläufigen Abschlussbericht vorgelegt. Im Detail legte er auch Zeugnis von völliger Überforderung und mangelndem Verständnis für die Provenienzthematik ab. Ingeborg Berggreen-Merkel, Leiterin der Taskforce, hatte fachliche Beurteilungen von Experten ignoriert und sogar ins Gegenteil verkehrt.

Salzburger Fund ungeklärt

Zwischendurch hatte Cornelius Gurlitt sein Häuschen in Salzburg räumen lassen, wo sich im Februar 2014 weitere 315 Kunstwerke fanden. Mit Ölbildern von Monet, Manet und Renoir überstieg dieser Fund im Wert jenen von Schwabing deutlich. NS-Raubkunstverdacht galt auch hier. Als Gurlitt im Mai 2014 verstarb, vermachte er seinen Besitz dem Kunstmuseum Bern. Der Erbantritt sollte sich verzögern, da Gurlitts Cousine seinen Letzten Willen in allen Instanzen anfocht. Erst im Dezember 2016 erklärte das Oberlandesgericht München das Testament für gültig.

Anfang vergangenen Jahres ging das "Projekt Provenienzrecherche Gurlitt" in die Verantwortung des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste über. Der über die Website abrufbare Status ist mehr als ernüchternd: Von den insgesamt 1.578 aufgefunden Kunstwerken gelten gerade einmal 520 – und damit ein knappes Drittel – als geklärt. Für 680 ist ein NS-Raubkunstverdacht weiterhin nicht auszuschließen, ebenso für 325 der Rubrik "Entartete Kunst", da diese teilweise "Leihgaben rassisch oder politisch Verfolgter waren".

Zwei Ausstellungen geplant

Der jüngste Zwischenbericht datiert von Juli 2016: 568 Werke befänden sich in der "vertieften Erforschung", für 91 habe sich der Verdacht auf NS-Raubkunst erhärtet. Ein aktueller Überblick? Auf STANDARD-Anfrage war Projektleiterin Andrea Baresel-Brand zu keinem Gespräch bereit.

Zum Forschungsstand der in Salzburg aufgefundenen 315 Kunstwerke informierte man schriftlich: Für 184 liegt eine Basisrecherche vor, sechs davon konnten abgeschlossen werden. Zwei gelten als unbedenklich, vier wurden als "ungeklärt" eingestuft.

Der komplette Abschlussbericht dürfte erst Ende des Jahres vorliegen. Derweil laufen die Vorbereitungen zu einem Ausstellungsprojekt auf Hochtouren: Am 2. November laden das Kunstmuseum Bern und die Bundeskunsthalle Bonn zeitgleich, mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, zur "Bestandsaufnahme Gurlitt". (Olga Kronsteiner, 27.2.2017)

  • Edouard Manet: Das in Salzburg aufgefundene Seestück dürfte Hildebrand Gurlitt 1944 im französischen Handel erworben haben.
    foto: stiftung deutsches zentrum kulturgutverluste

    Edouard Manet: Das in Salzburg aufgefundene Seestück dürfte Hildebrand Gurlitt 1944 im französischen Handel erworben haben.

  • Eine Arbeit Paul Signacs aus der Sammlung von Cornelius Gurlitt.
    foto: stiftung deutsches zentrum kulturgutverluste

    Eine Arbeit Paul Signacs aus der Sammlung von Cornelius Gurlitt.

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