Ex-Med-Uni-Rektor warnt vor Zusammenbruch der ärztlichen Versorgung

    26. Februar 2017, 11:00
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    Schütz-Buch "Eintritt nur nach Aufruf" beschreibt Übel im Gesundheitswesen – Viel zitierte Zweiklassen- und Dreiklassenmedizin längst Realität – Tadel für Ärztekammer

    Wien – Heftige Kritik am heimischen Gesundheitssystem übt der ehemalige Rektor der Wiener Medizinischen Universität Wien, Wolfgang Schütz, in seinem Buch "Eintritt nur nach Aufruf". Schütz beschreibt darin elf Übel im Gesundheitswesen und warnt vor einem Kollaps der ärztlichen Versorgung der Bevölkerung bis 2030.

    "Der Ernst der Lage – dass nämlich das Gesundheitssystem in Österreich, aber auch in anderen Teilen Europas aufgrund immer weniger werdender Ärzte vor dem Zusammenbruch steht – ist den Verantwortlichen offenbar noch nicht bewusst", beklagt Schütz. Grund dafür sind zum einen die steigende Lebenserwartung und Überalterung der Gesellschaft, die zu wachsenden Gesundheitskosten und einem höheren Bedarf an Ärzten führt, zum anderen hat die Verkürzung der Arbeitszeit für Spitalsärzte auf 48 Stunden pro Woche die Lage verschärft. Darüber hinaus gehen immer mehr Medizinabsolventen nach Abschluss ihres Studiums ins Ausland. "Offene Turnusstellen sind nur mehr schwer, in ländlichen Regionen fast gar nicht mehr besetzbar", so Schütz.

    Bei der Umsetzung des 48-Stunden-Regulativs der EU mussten Regierung und Länder laut Schütz die Forderungen der Ärzteschaft wegen der hohen Nachfrage nach Ärzten weitgehend akzeptieren. Da lukrative Nacht- und Wochenenddienste nicht mehr möglich waren, forderten die Ärzte einen finanziellen Ausgleich im Grundgehalt. "Die Finanzierung dieser bis zu 40 Prozent erhöhten Ärztegehälter ist von den Ländern aber nur kurzfristig gewährleistet, für die Medizinischen Universitäten, für die der Bund die Mittel bereitstellt, genau bis Ende 2018. Wie die Finanzierung darüber hinaus möglich gemacht werden soll, ist genauso völlig ungewiss wie für den durch das Arbeitszeitgesetz bedingten Mehrbedarf an Ärzten, die umgekehrt aber immer weniger zu werden drohen."

    Die "viel zitierte Zweiklassenmedizin"

    Beim stationären Spitalsaufenthalt gibt es schon lange die "viel zitierte Zweiklassenmedizin", so der ehemalige Rektor der MedUni Wien. "Patienten der sogenannten Sonderklasse, also solche mit 'Zusatzversicherung' in Form einer privaten Krankenversicherung, genießen einen Komfortfaktor, können sich den behandelnden Arzt aussuchen und es gibt für sie eigene Privatkliniken. Sie haben, obwohl das offiziell nicht der Fall sein sollte, leichteren und rascheren Zugang zu aufwändigen Diagnose- und Behandlungsmethoden." Außerhalb des Spitals, beim Allgemeinarzt und beim Facharzt, ortet Schütz sogar eine "Dreiklassenmedizin". Patienten der untersten Klasse suchen einen Kassenvertragsarzt auf, die der mittleren Klasse einen Wahlarzt und die der höchsten Klasse einen Arzt mit Privatordination. Vor allem die Kassenordinationen würden dabei immer weniger.

    Kritik übt Schütz an der Ärztekammer, die seiner Meinung nach für zahlreiche Fehlentwicklungen im Gesundheitssystem die Schuld trägt. Bei der Umsetzung der EU-Direktive zur 48-Stunden-Arbeitszeit habe die Standesvertretung etwa wenig staatstragend gehandelt. "Das Kammermotto schien das 'Aussaugen der Republik' zu sein", schreibt Schütz in seinem Buch.

    Spitalserhaltern und Medizinischen Universitäten sei durch "völlig überzogene Gehaltsforderungen" jeder finanzielle Spielraum genommen worden, um zwecks Kompensation der sinkenden Arbeitszeit mehr Ärzte anstellen zu können. Darüber hinaus habe die Ärztekammer über Jahre unzureichende Qualitätskontrollen der Ärzteausbildung durchgeführt, propagiere eine Ärzteausbildung, die den Weg zum Allgemeinarzt weniger attraktiv macht, und stehe bei Neuerungen, sei es die Einführung der e-card, der Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) oder der sogenannten Primary Health Care Centers, so gut wie immer auf der Bremse.

    Sonderklassegelder an Arbeitgeber

    An Maßnahmen fordert Schütz eine Überarbeitung der Arbeitszeitrichtlinien für Ärzte. Die De-facto-Gehaltserhöhung im Zuge der 48-Stunden-Arbeitszeit sollte zugleich genutzt werden, um das "Unwesen" zu beenden, dass Ärzte ihr Einkommen durch zusätzliche Einnahmen aus Sonderklassegebühren und Nebenbeschäftigungen verbessern. Sonderklassegelder und andere Einnahmen von Spitalsärzten sollten an die arbeitgebende Institution gehen. Beispiele aus den USA zeigten, dass die Versorgungsleistung der Spitäler dadurch besser und kostengünstiger wird. "Allerdings sind in Österreich die Chancen für eine solche Umstellung im Bereich der Utopie anzusiedeln", räumt Schütz ein.

    Die Patientenströme müssten von den Spitalsambulanzen verstärkt in den niedergelassenen Fachärztebereich umgeleitet werden. Die Errichtung von Erstversorgungszentren müsse deshalb beschleunigt vorangetrieben werden, "notfalls auch gegen den Willen der Ärztekammer", so der Ex-MedUni-Rektor. Dazu sei auch ein bundesweiter Gesundheitsstrukturplan erforderlich, für den laut Schütz nur gelten kann: "Alle Macht dem Bund." Handlungsbedarf ortet der Mediziner auch bei der Ärzteausbildung. Ärzte, die in Allgemeinmedizin ausgebildet werden wollen, dürfen nicht das Gefühl haben, gegenüber Fachärzten Ärzte zweiter Klasse zu sein. Erforderlich sind darüber hinaus Investitionen in den Bau-, Infrastruktur- und Medizintechnik-Bereich der Universitätsspitäler. (APA, 26.2.2017)

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