Ausnahmespringen auf einem alten Bock

    24. Februar 2017, 17:31
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    Auf der Normalschanze ermitteln die Spezialspringer ihren ersten Weltmeister von Lahti. Stefan Kraft, zuletzt Podestgast in Serie, trägt Österreichs Hoffnungen

    Das Springen von der Normalschanze ist, zumindest im Weltcup, nicht normal. Gerade einen Bewerb dieses Zuschnitts gab es bisher in dieser Saison – ungewollt, weil bei der Olympiageneralprobe in Pyeongchang der Wind nur einen Bewerb von der Großschanze zuließ, danach musste auf die kleine, also die normale gewechselt werden.

    Bei Weltmeisterschaften ist das Kleinschanzenspringen seit 1962 eine Normalität, also auch in Lahti, wo die Herren am Samstag auf dem mittleren der drei Bakken der Salpausselkä geheißenen Anlage ihren ersten Einzelbewerb geben. Einen "alten Bock" nennt ihn Andreas Goldberger, der selbst ewige Jugendlichkeit ausstrahlt. Ungewöhnlich sei er zu springen der Bock, weil der hohe Luftstand heutzutage keine Alltäglichkeit mehr, also abnormal ist, wenn man so will.

    Heftig

    Oben auf dem Turm bläst es oft heftig, je nach Windrichtung ist das wegen neu angebrachter Netze erträglich (West, Nordwest), oder gefährlich (Süd, Südost). Die Springer müssen sich da ganz auf das Urteil der Jury und ihrer Coaches verlassen. Runterspringen, sich nichts antun, lautet Goldbergers Rezept, auch wenn der Oberösterreicher das in Wahrheit deutlich rustikaler formulierte. In dieser Form hat es wohl auch Stefan Kraft vernommen, wiederholte der Salzburger das doch wortwörtlich, wenn er auf seine guten Vorsätze für Samstag angesprochen wurde.

    Kraft war zwar im Vorfeld der WM nicht das Thema Nummer eins bei den Österreichern – es gibt ja schließlich wieder Gregor Schlierenzauer -, der 23-Jährige ist aber sicher der größte Hoffnungsträger – nicht nur im Normalschanzenspringen. In Südkorea kam er von der technisch HS 109 Genannten hinter dem Polen Maciej Kot und vor dem Deutschen Andreas Wellinger auf Rang zwei. Es war Krafts siebenter Podestplatz aus acht Springen en suite. Ein vierter Platz ist ihm dazwischen quasi passiert.

    Der verlorene Faden

    Die Konstanz des Pongauers ist insofern erstaunlich, als er sie nach der Vierschanzentournee erst wiederfinden musste. Die hatte ihn nach dem Sieg in Oberstdorf und Rang drei in Garmisch-Partenkirchen ziemlich rüde abgeworfen, in Innsbruck war ein schon angeschlagener Kraft vom Wind verblasen worden, im Vorfeld von Bischofshofen lag er mit einer Stirnhöhlenentzündung im Bett, war also dementsprechend chancenlos.

    Kraft klagte damals darüber, das Skispringen verlernt zu haben. "Das war sehr erstaunlich, dass es so schnell geht, dass man den Faden verliert", sagte er in Lahti. Ihn so schnell wieder gefunden zu haben erstaunt ihn offensichtlich weniger. In der Qualifikation für den Normalschanzenbewerb landete Kraft nach 99,5 Metern und war damit Zweiter hinter Tourneesieger Kamil Stoch, der sich nach seinem Satz auf 103,5 Meter allerdings wieder das lädierte rechte Knie hielt. Der polnische Doppelolympiasieger weiß jedenfalls reichlich Ersatz hinter sich. Die Qualifikation gewann Dawid Kubacki vor Pjotr Zyla. Die Frage ist, ob sie Stoch im Fall des Falles Trost bringen könnten. Einen Kraft ohne Medaille könnten bei aller Freundschaft auch nicht Erfolge von Michael Hayböck und Manuel Fettner restlos zufriedenstellen. Österreichs Nummer zwei (95,5 m) und drei (95 m) sprangen zumindest in der Quali nicht in Favoritenrollen.

    Dabei

    Ohne groß zu glänzen, qualifizierte sich Gregor Schlierenzauer nach einem Sprung auf 92,5 Metern für den Bewerb. Der Weltrekordweltcupsieger rechtfertigte damit seine Nominierung knapp drei Wochen nach dem Sturz in der Quali für die Skifliegen in Oberstdorf. Als sechsmaliger Weltmeister verdiente sich der 27-jährige Stubaier einen Bonus, auch wenn Schlierenzauer das erste Normalschanzengold und damit der Einzug in eine österreichische Galerie mit Anton Innauer (1980), Armin Kogler (1982), Heinz Kuttin (1991), Wolfgang Loitzl (2009) und Thomas Morgenstern (2011) noch nicht zugetraut werden darf.

    Andererseits ist der Normalschanzenbewerb eben nicht normal. Der Beweis: Janne Ahonen, das 39-jährige finnische Kartenverkaufsargument für Lahti, aber im Weltcup zuletzt im Dezember 2013 unter den besten zehn eines Einzelbewerbes, sprang in der Quali auf Rang drei. (Sigi Lützow aus Lahti, 24.1.2017)

    • Stefan Kraft will es anlegen, wie es ihm Goldberger nahelegte.
      foto: apa/afp/christof stache

      Stefan Kraft will es anlegen, wie es ihm Goldberger nahelegte.

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