Der qualvolle Tod des Kim Jong-nam durch Nervengas VX

24. Februar 2017, 16:15
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Laut Autopsie wurde der Halbbruder von Diktator Kim Jong-un mit einer der giftigsten Chemiewaffen umgebracht

Erst unkontrollierbare Krämpfe, dann Sehstörungen und Übelkeit, schließlich Atemnot bis hin zur Lähmung. Geht es nach der am Freitag veröffentlichten Autopsie der malaysischen Polizei, dann ist Kim Jong-nam, Halbbruder von Nordkoreas Diktator, am 13. Februar einen qualvollen Tod gestorben: Er ist den Folgen von VX-Nervengas erlegen, einer der giftigsten Chemiewaffen überhaupt.

Kinogänger kennen die Massenvernichtungswaffe möglicherweise noch als giftgrüne Glaskugeln aus dem Actionfilm The Rock, in dem 15 mit VX bestückte Raketen den Ballungsraum von San Francisco bedrohen. Natürlich reine Leinwandfiktion, doch vor fast dreißig Jahren wurde VX tatsächlich eingesetzt. Saddam Hussein soll bei seinem Angriff auf die kurdische Stadt Halabdscha 1988 das Nervengas verwendet haben. Damals starben bis zu 5000 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder. Sieben Jahre später haben Anhänger der japanischen Aum-Shinrikyo-Sekte die geruchs- und geschmacklose Flüssigkeit einem angeblichen Polizeiinformanten ins Gesicht gesprüht. Dieser starb nach zehn Tagen im Koma.

Eine solch aufwendige, ja auch kostspielige Tötungsmethode, ausgeführt inmitten eines belebten Flughafenschalters, dient keinesfalls dazu, die Tat zu verschleiern. Im Gegenteil: Der Auftraggeber sendet damit eine deutliche Botschaft an die Außenwelt aus. Wollte Pjöngjang etwa potenzielle Überläufer innerhalb der eigenen Reihen in Schach halten? Zumindest die südkoreanische Regierung scheint daran keinen Zweifel zu haben: Nordkorea solle endlich seine Täterschaft zugeben, hieß es am Freitag aus dem Wiedervereinigungsministerium.

Fünf Tonnen Chemiewaffen

Das Kim-Regime zählt neben Ägypten und dem Südsudan zu den wenigen Ländern, die die internationale Chemiewaffenkonvention von 1993 nicht unterzeichnet haben. Südkoreas Verteidigungsministerium geht davon aus, dass Pjöngjang über fünf Tonnen an chemischen Waffen verfügt, darunter vorwiegend Sarin und VX. Zudem steht Kim Jong-un unter Verdacht, Bashar al-Assad bei der Giftgasproduktion in Syrien unterstützt zu haben.

Für viele Experten bleibt jedoch rätselhaft, wie die zwei Täterinnen nach dem Anschlag auf den Halbbruder von Kim Jong-un weitgehend unversehrt bleiben konnten. Schließlich hantierten sie mit bloßen Händen mit einer hochgiftigen Chemiewaffe, die sie ihrem Opfer ins Gesicht gerieben haben sollen. Tatsächlich hat laut Polizeiangaben nur eine der zwei Frauen leichte Übelkeitssymptome gezeigt und sich übergeben.

Dabei wäre es durchaus denkbar, dass VX auf zwei Einzelsubstanzen aufgeteilt wurde, die erst im Zusammenspiel eine tödliche Wirkung entfalten konnten. Zudem sollen die Attentäterinnen unmittelbar nach dem Anschlag auf eine Toilette geflüchtet sein, um sich die Hände zu waschen.

Eine von ihnen hat es mit einem ikonischen Standbild der Überwachungskameras auf viele Titelseiten geschafft: eine blass geschminkte Femme fatale mit schwarzem Bob, die einen Pullover mit den Lettern "LOL" trägt. Ähnlich skurril wie ihr Modegeschmack ist auch der Werdegang der jungen Frau: Die 28-jährige Vietnamesin hat unter anderem als Animierdame gearbeitet, vor ein paar Jahren als Sängerin an einer Castingshow teilgenommen und ein Facebook-Profil mit vorwiegend südkoreanischen Freunden betrieben. Auf ihrem letzten Posting ist sie mit Bikini, blondierten Haaren und Rehaugen zu sehen. "Ich möchte mehr schlafen, aber an deiner Seite", steht dort dabei.

Seit dem Tatabend schläft sie in einem malaysischen Gefängnis, genau wie ihre 25-jährige Komplizin aus Indonesien. Zwei Männer sind ebenfalls in Haft. Vier verdächtige Nordkoreaner sollen sich nach Pjöngjang abgesetzt haben. (Fabian Kretschmer aus Seoul, 24.2.2017)

  • Mitglieder der Jugendorganisation der Regierungspartei UMNO protestieren vor der nordkoreanischen Botschaft in Kuala Lumpur.
    foto: ap/vincent thian

    Mitglieder der Jugendorganisation der Regierungspartei UMNO protestieren vor der nordkoreanischen Botschaft in Kuala Lumpur.

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