"Stranger Days": Frankensteins smarte Nachkommen

    24. Februar 2017, 16:57
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    Die Galerie Lisa Kandlhofer versammelt posthumanistische Szenarien von fünf Künstlerinnen und Künstlern

    Für einen Augenblick steht man im Rampenlicht. Ein oranger Lichtkegel erwischt einen, wandert aber sofort weiter. Über den Fußboden und die Wände wieder hinein in den Bildschirm, von dem aus sich orange, comicartige Wellen- oder Flammenbilder dann erneut im ganzen Raum ausbreiten.

    Der spanische Künstler Pascual Sisto hat sich in seiner Installation Bells & Whistles (2015) sämtlicher verfügbarer Bildtechnologien bedient, um den Besuchern der Galerie Kandlhofer einen effektvollen Empfang zu bereiten. Die Grenzen des Screens bedeuten schließlich längst nicht mehr die Grenzen der digitalen Welt – so signalisiert es Sistos auf zwei Animationen und synchronisierten Licht- und Soundeffekten basierende Installation. Von der Postinternetwelt erzählen aber auch die Werke der vier anderen Künstlerinnen und Künstler, die Kurator Jürgen Dehm unter dem Titel Stranger Days versammelt hat.

    Smartphone im Schuh

    Etwa das Video To make you feel comfortable (2016) der 1982 geborenen Künstlerin Julia Weißenberg. Darin wird eine geplante Smart City nahe Seoul zur Projektionsfläche für Reflexionen über die Kommunikation zwischen Menschen und Dingen. Die Künstlerin thematisiert die mit der steten Vernetzung einhergehenden Annehmlichkeiten, aber auch Datenerhebung und Überwachung. Irgendwann verliert die Protagonistin in dieser surreal anmutenden Welt ihr zerbrochenes Smartphone, das später in ihrem Schuh für blutige Zehen sorgt.

    Mit diesem abgewandelten Aschenputtelmotiv bringt Weißenberg Körperflüssigkeiten ins Spiel, die die hier vorherrschende technische Perfektion subtil konterkarieren. Der Düsseldorfer Malte Bruns schlägt in eine ähnliche Kerbe. Mit seinen Kreaturen, die Eeny, Meeny oder Miny heißen, erinnert er an einen Doktor Frankenstein, der über "smarte" Technologien verfügt. Im Video Mutter (2015) tropft eine Flüssigkeit auf eine gallertartige Maske und polstert deren Lippen auf. Ein Ende der steten Auffettung stellt der Videoloop dabei nicht in Aussicht.

    Changieren zwischen Mensch und Tier

    Angesichts von Bruns' Gestalten assoziiert man so einiges: Schönheitschirurgie, künstliche Intelligenz oder das Stichwort "posthuman", das hier keineswegs negativ verstanden werden muss. So nannte etwa Benedikt Hipp ein Bild Vacation from Human (2016). Auf den Bildern des deutschen Malers, der sich auf naturwissenschaftliche Theorien ebenso bezieht wie auf den Comic und die Science-Fiction, ist das Dargestellte oft nicht eindeutig identifizierbar. Es changiert zwischen menschlicher und tierischer Anmutung oder vermittelt – wie im Falle von Vacation from Human - zwischen Fernsehtestbild und Werbeprospekt.

    Während Hipp die Menschheit nicht ganz aus seinen Bildern verbannt, lässt Lindsay Lawson nur deren Produkte übrig: Ihre Still Lives basieren auf 3D-Modellen von Gegenständen, die sie auf Ebay fand. Anders als bei der Präsentation im Internet sind die kunstvollen Arrangements geheimnisvoll abgedunkelt. Ästhetisch sind sie jedoch so perfekt und aalglatt, dass man sich dann doch noch an eine Ästhetik aus Präinternetzeiten, an Airbrush, erinnert fühlt. (Christa Benzer, 24.2.2017)

    Bis 19. 3.,

    Galerie Lisa Kandlhofer

    Brucknerstraße 4, 1040 Wien

    lisabird.at

    • Sich verlierende Gesichter: Malte Bruns' "Heads Up Display" (2016).
      galerie lisa kandlhofer und malte bruns

      Sich verlierende Gesichter: Malte Bruns' "Heads Up Display" (2016).

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