"Ganymed Female": Ich bin aus Blicken gemacht

Essay26. Februar 2017, 10:00
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Die neue Inszenierung im KHM forciert den weiblichen Blick. Die polnische Schriftstellerin Joanna Bator über "Das Pelzchen" von Rubens

Ich bin aus Blicken gemacht. Eure Blicke sind mein Körper. Weiche, plastische Materie, die zerfällt und aufquillt. Sie zerfällt und quillt auf. Wenn ihr aufhört zu schauen, erstarre ich und verliere die Farbe wie eine auf den Strand geworfene Medusa. Ein Häufchen toter, halbdurchsichtiger Gallerte.

Durch euch verwandle ich mich in euer Bild und eure Erscheinung. Ich ziehe mich zusammen und dehne mich aus. Ich werde hart und weich. Ich schwelle an vor Stolz und falle zusammen wie ein misslungener Teig. Ich betrachte mich in euren Augen. Mein Körper ist ein Objekt, das Begierde hervorruft, oder ekelerregendes Fleisch. Ich nehme die Farbe frischen Rahmes an oder von Schimmel. Ich glänze und werde matt. Ich werde hell und schwarz wie der Pelz auf meinen Schultern. Ich zerfalle und quelle auf. Seht her! Dieser Herr entkleidet mich mit seinen Blicken, er sieht in mir das Mädchen, das er in einem gewissen Sommer kennengelernt hat. Nimm diesen Pelz ab!

Seine Augen fordern und lodern. Sie ist ähnlich, so ähnlich. Also werde ich ähnlich. Jetzt bin ich glatt und voll, freundlich und warm. Nackt. Der andere Herr dort hingegen rümpft die Nase, seine Augen wägen und messen mich, dickes Weib, sagen seine Augen, was sehen die anderen bloß in ihr? Dick und hässlich. Mein Körper schwillt an, ich bin dick, wehrlos, existiere beinahe nicht mehr.

Ich möchte dich betrachten!

Diese Dame wiederum sieht doppelt durchs Glas. Wenn sie jetzt ihre Augen im Spiegel sehen könnte, würde sie tot umfallen. Mit ihren Blicken zerstückelt sie mich von oben bis unten und portioniert mich wie ein Metzger. Zack, eine Scheibe Fleisch fällt von meiner Schulter. Zack, von meinem Bauch. Meine Schenkel halten die Messer ihrer Augen länger auf. Zack, zack. Die Schneide zertrennt das weiche Gewebe. Ich zerfalle. Ich werde kleiner und verschwinde. Ein Häufchen Gallerte, mit Pelz bedeckt. Alles hängt ab von euren Blicken. Tag für Tag, Jahr für Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert. Schön, hässlich. Dick, dünn. Eure Augen werden weit, sie blinzeln und bohren sich in mich hinein. Die Augen-Messer, Rasiermesser, die willigen Finger, mit denen ihr mich nicht berühren könnt.

Ihr schaut, ihr seht mich unverwandt an, durchbohrt mich mit euren Blicken, versenkt eure Augen in meine Haare, meinen Mund, unter meine Lider, treibt eure Augen unter die Nägel meiner Hände und Füße, in die Tiefe der Poren meiner Haut, unter den Pelz, mit dem er mir befahl, mich zu bedecken, um mich zu betrachten. So sagte er. Ich möchte dich betrachten! Ich kam aus dem Bad, der Boden war kalt, vom Fenster seines Arbeitszimmers her zog es kühl. Enthülle dich mehr, weniger, stell dich dorthin, näher, nach links, nach rechts, schlecht, besser, ja, heb die Brüste an, mehr, weniger, noch ein wenig. An jenem Tag sah er die verschämte Venus in mir. Die verschämte Venus unter anderen. Unter den vielen anderen, die er in mir sah. Die er in mir und durch mich liebte. In seinen Augen war ich schön. Ich war, wer er wollte, dass ich sein sollte. Andromeda, die Gattin. Venus, die Mutter. Die schöne Helena, das kleine Hirtenmädchen. Hera, Milch spritzend, die sich über den Himmel ergießt. Dank seiner Augen existiere ich bis heute, ausgestellt für eure Blicke.

Die zweite Gattin Rubens

Mein Körper nahm seinen Samen und seine Blicke auf. Er veränderte sich. Er zerfiel und quoll auf. Er sagte mir, wie ich schauen sollte. Schüchtern, kokett, stolz. Ich war sechzehn Jahre alt, als ich zur Gattin wurde. Zur zweiten Gattin von Rubens. Mit keinem anderen hatte ich noch längere Zeit verbringen können. Die Tochter, das letzte von elf Kindern, eine zu vergebende Jungfrau.

Er war vierzig Jahre älter als ich. Er liebte mich wie ein Mann, der schaut, der eine Frau liebt. Seine Augen liebten mich und bedienten sich meiner. Mein Körper quoll auf und zerfiel. Ich gebar ihm fünf Kinder. Als er starb, heiratete ich einen anderen und brachte noch sechs Kinder zur Welt. Insgesamt elf, wie meine Mutter. Meine Brüste füllten sich ständig mit Milch, mein Bauch war wie eine Wohnung für wechselnde Mieter. Der Schmerz kam und verging. Ich war eine starke Frau. Ich verstand es zu nehmen, was das Leben mir zu bieten vermochte. Mein Körper gehörte nicht mir, doch ich durfte ihn schmücken. Seht ihr, wie die große Perle in meinem linken Ohr glänzt?

Und ihr? Wen seht ihr heute in mir? Eure Augen sind schamlos. Ihr grabt mit euren Blicken in mir. Ihr versucht in mein Inneres vorzudringen und zu enthüllen, was verhüllt ist. Die Schneiden eurer Blicke stechen in meine Haut. Sie zertrennen sie, sie dringen vor in die gelbe Fettschicht, sie knirschen an den Knochen. Ihr versucht euch zu dem vorzuwühlen, was andere gesehen haben. Und zu dem, was noch keiner gesehen hat. Ich habe eine Überraschung für euch.

Ihr wisst, wer ich war!

Mit der Zeit habe ich selbst gelernt zu schauen. Spürt ihr meinen Blick? Eure seltsam weißen Zähne machen mir Angst, selbst im Alter habt ihr so viele Zähne, dass ich mich manchmal fürchte, wenn sie so neben mir klappern. Eure Zähne! Klapp, klapp! Ich habe Angst, es könnte euch nicht genügen, eure Blicke in mich zu versenken, und ihr wollt sie in meinen Leib schlagen. Ich sehe die erbärmliche Kleidung, die an euren Körpern eng anliegt. Es kommen fast nackte Frauen hierher, in den Lumpen verrückter Bettlerinnen. Andere gekleidet wie arme Männer für den Kirchgang. Sie starren mich an und klappern mit den Zähnen. Klapp, klapp!

Paare mit einer langen Geschichte und anscheinend gemeinsam, doch jeder von ihnen sieht etwas anderes in mir. Magere Mädchen mit kurzen Haaren und kleinen Brüsten. Klapp, klapp! Weiß eine von euch, wie es ist, Wonne und Samen für jemandes Blicke zu sein? Wie es ist, in einem Mann Bilder auszulösen und zu gebären? Ihr kennt meinen Vornamen und Familiennamen. Ihr wisst, wer ich war. Aber glaubt nur nicht, dass ich deshalb weniger Geheimnisse hätte als Mona Lisa. Ich bin immer noch da, und ihr vergeht. Habt ihr genug gesehen? Dann macht euch endlich davon. (Joanna Bator, 26.2.2017)

Übersetzung aus dem Polnischen: Martin Pollack

Ganymed Female – ein Projekt von "wenn es so weit ist" läuft noch bis 31. Mai 2017 im Kunsthistorischen Museum. Inszenierung: Jacqueline Kornmüller, Produktion: Peter Wolf

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  • Bator vor "Das Pelzchen": "Und ihr? Wen seht ihr heute in mir? Eure Augen sind schamlos. Ihr grabt mit euren Blicken in mir. Ihr versucht in mein Inneres vorzudringen und zu enthüllen, was verhüllt ist."
    herbert wimmer

    Bator vor "Das Pelzchen": "Und ihr? Wen seht ihr heute in mir? Eure Augen sind schamlos. Ihr grabt mit euren Blicken in mir. Ihr versucht in mein Inneres vorzudringen und zu enthüllen, was verhüllt ist."

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