Regisseur Davids: "Karriere hat für mich mit Wohlfühlen zu tun"

Interview25. Februar 2017, 14:00
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Der Regisseur Matthias Davids über Wahrheit, Humor, Gleichberechtigung und Klischees im Büro

Der Fensterputzer Finch schafft es bis an die Spitze der World Wide Woppel Company. Nicht durch harte Arbeit, sondern durch geschicktes Ausnutzen der Schwächen anderer – alle Klischees des Büros sind die Sprossen seiner Karriereleiter.

Die Anleitung für seinen Aufstieg entnimmt er dem Karriereratgeber "How to Succeed in Business Without Really Trying" der frühen 50er-Jahre, also wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen. Wirksam werden die guten Tipps "in einer großen Firma, die so groß ist, dass keiner genau weiß, was der andere eigentlich tut." Frank Loessers 1961 in New York uraufgeführtes, mit sieben Tony-Awards und dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Musical, hat heute unter der Regie von Matthias Davids an der Wiener Volksoper Premiere.

STANDARD: Zeigen Sie mit dem Musical ein humoriges historisches Bild der 60er-Jahre – oder gibt es Parallelen zum Heute?

Davids: Es geht um Menschen, die Karriere machen. Die Hauptfigur Finch geht einen skrupellosen Weg vom untersten bis ins oberste Stockwerk, aber man mag ihn. Klar sind wir in den 60ern angesiedelt, aber all das ist heute in der Wirklichkeit genauso möglich. Das Frauenbild etwa hat sich natürlich verändert, aber wie viele Firmenbosse haben Sekretäre? Wie viele Intendanten haben einen Sekretär? 50:50 ist nicht selbstverständlich. Gleichberechtigung ist nicht verwirklicht.

STANDARD: Aber gerade der Theaterboden ist doch divers: Multikulti, schwul, lesbisch – das sind am Theater ja keine Problemthemen ...

Davids: Das Theater ist noch feudalistisch: ganz oben die Intendanz und die Geschäftsführung, dann geht es nach unten, ganz unten die Darsteller. Ich bin als Regisseur in der unteren Führungsebene. Gleichberechtigung gibt es auch am Theater nicht. 70 Prozent der Rollen sind Männerrollen, aber 70 Prozent Frauen suchen einen Job. Frauen, die nach der zweiten Babypause "nicht verlängert" werden – das ist auch Wirklichkeit. Wir sind lange nicht so weit, wie wir sein könnten. Ich würde mir natürlich auch flachere Hierarchien wünschen.

STANDARD: Was müsste dafür geschehen?

Davids: Dafür müssten sich die Menschen mehr mit sich selbst beschäftigen.

STANDARD: Tun sie das nicht?

Davids: Nein, nicht genug. Ich erlebe so oft, dass Leute aus Angst nichts sagen. Da hat das Stück auch einiges an Binsenweisheiten zu bieten, etwa dass der Chef ohne seine Sekretärin nichts ist, dass sie als Geheimnisträgerin Macht hat.

STANDARD: Binsenweisheiten und jede Menge Klischees: notgeile, unfähige Männer ...

Davids: Ja, da wird viel serviert.

STANDARD: Das Musical ist aber Entertainment ...

Davids: Es ist kein Zeigefinger darauf, was andere angeblich falsch machen. Es sagt die Wahrheit – aber mit Humor, sonst kommt es ja nicht an. Und es wirft natürlich Fragen zum "Aufstieg" auf: Zum Schluss scheint es sogar möglich, dass der Emporkömmling Finch Präsident der Vereinigten Staaten wird.

STANDARD: Sie sind einer der gut beschäftigten Theaterregisseure. Was bedeutet Karriere für Sie?

Davids: Für mich hat Karriere etwas mit Wohlfühlen zu tun. Ernst, aber nie ohne Spielerisches. Ich mag es, Menschen zu bewegen, zum Lachen, zum Weinen zu bringen, Menschen zum Fühlen zu bringen. Es ist eine Freude, Kopf und Herz anzusprechen.

STANDARD: Motivation ist immer implizit eine Frage beim Karrierenthema: Geldgetrieben waren Sie wohl auf Ihrem Weg über die Darstellung in die Regie nicht, oder?

Davids: Nein, lustgetrieben. Ich habe ein sehr gesundes Umfeld, komme aus einer musikalischen Familie, habe viele Geschwistern. Ich war immer ein unsteter Geist, ich wollte Theorie und Praxis vereinen. Mit dabei war ein bisschen Naivität, ein bisschen Angst – das war der Kick.

STANDARD: Und wie motivieren Sie Ihre Darsteller?

Davids: Motivation ist immer eine Frage des Respekts, der Zugewandtheit, der Sensibilität im Zugang zu einem Menschen. Ich motiviere mit Interesse am Menschen. Es ist mir ja nur schwer begreiflich, warum Führungspersonen so viele Probleme mit Motivation haben. Offenbar haben sie mit sich selbst so viele.

STANDARD: Da sind wir beim Verantwortungsthema ...

Davids: Ja, wenn du für andere verantwortlich bist, dann kannst du nicht einfach sagen: Hey, du kriegst Geld, also halt die Klappe.

STANDARD: Haben Sie eine Art Karriereplanung gemacht?

Davids: Was heißt Planung? So funktioniere ich nicht. Ich arbeite hier und jetzt. Irgendwie ist es für mich schon einigermaßen befremdlich, wenn ich Anfragen für 2019 kriege ...

STANDARD: Brauchen Sie denn keine Sicherheit? Keine Berechenbarkeit?

Davids: Zumindest nicht mehr als die, die ich habe.

STANDARD: "Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen" hat heute Premiere? Wird man Sie dort sehen?

Davids: Nein! In der Premiere sitze ich nicht. Das "Baby" kann schon selber laufen. Und ich kenne mich ja: Dann sitze ich in der Premiere, spüre die Zu- oder Abneigung des Publikums und bin versucht aufzuspringen und mich einzumischen. Das ist nicht gut.

Zur Person:

Matthias Davids studierte Germanistik, Musikwissenschaft und Sprecherziehung. Er spielte zahlreiche Hauptrollen, u. a. Riff in der "West Side Story", die Titelrolle in "Jesus Christ Superstar" und Schweizer in "Die Räuber", ehe er sich dem Regiefach zuwandte. Mittlerweile hat er u. a. in Düsseldorf, Hamburg, Berlin, München, Wien, Hannover, Graz, Klagenfurt, Zürich, Sankt Gallen, Athen, Oslo, Tromsø und Linz über 75 Opern, Operetten, Musicals, Revuen und Schauspiele inszeniert. Er ist Leiter der Sparte Musical am Landestheater Linz und kehrt nach "Anatevka" und "Sweeney Todd" als Regisseur an die Volksoper zurück. Er lebt in Köln und Linz.

  • Zwischen Köln, Linz und Wien unterwegs – Regisseur Matthias Davids: Motivation der Darsteller via Respekt, via Zugewandtsein.
    foto: barbara pálffy / volksoper

    Zwischen Köln, Linz und Wien unterwegs – Regisseur Matthias Davids: Motivation der Darsteller via Respekt, via Zugewandtsein.

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