Vertikaler Wald: Die grünen Türme von Nanjing

Ansichtssache26. Februar 2017, 09:00
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In China wachsen die Bäume in den Himmel. Die Vertical Forests von Stefano Boeri sollen bis Ende 2018 bezugsfertig sein. Anders als beim Pilotprojekt in Mailand, wo in den Türmen gewohnt wird, ist hier gewerbliche Nutzung geplant.

visualisierung: stefano boeri architetti

"Die Fundamente sind ausgeschachtet. In Kürze fangen wir an, unsere beiden Hochhäuser in Nanjing hochzuziehen", sagt Xu Yibo, Schanghaier Büroleiter und chinesischer Partner des italienischen Stararchitekten Stefano Boeri, dem Standard. Der 36-Jährige, der seit 2010 Mitarbeiter von Boeri ist, hat kürzlich positive Rückmeldung von einem Treffen der Stadtplaner in der ostchinesischen Metropole erhalten. Alle offenen Fragen seien geklärt. "Unser Projekt ist in trockenen Tüchern."

Die ostchinesische Großstadt mit fast neun Millionen Einwohnern gibt den Startschuss für ein grünes Projekt, um als Erste in Asien einen Wald in den Himmel wachsen zu lassen. Nach Boeris Entwürfen sollen zwei Wolkenkratzer mit 100 bzw. 200 Meter Höhe als Wahrzeichen des neuen Hightech-Standorts im Stadtteil Jiangbei gebaut werden. Das Besondere: 1100 Bäume, manche bis zu neun Meter hoch, werden mit in die Höhe wachsen. Eingebettet in 2500 Kletterpflanzen und grünen Flechten wird aus ihnen, wie Architekt Boeri sagt, ein "vertikaler Wald". Festen Halt finden die Bäume auf extrabreit gebauten und mehrschichtigen Spezialbalkons, wo sich ihre Wurzeln verankern können. "Wir haben gerade die Bäume dafür ausgewählt und sie im Windkanal auf Sturmfestigkeit getestet", berichtet Xu.

Noch vor 2018 werden die grünen Türme von Nanjing bezugsfertig und dann auch Vorbild sein. Mit einem halben Dutzend chinesischer Metropolen stehe man in Verhandlungen, sagt Xu. Architekt Boeri und die internationale Gruppe Arup-Engineering, die mit von der Partie sind, nennen ihre begrünte Bauweise eine zukunftsfähige urbane Architektur.

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visualisierung: stefano boeri architetti

Das Gesellenstück dafür haben sie 2014 mit dem Bau zweier Vertical-Forest-Hochhäuser in Mailand, 111 und 76 Meter hoch, abgeliefert. Sie bewiesen, dass Hochhauswälder bau- und sicherheitstechnisch machbar sind. Sie rechnen sich sogar – trotz der Mehrkosten für die Spezialbalkons, den Wasserkreislauf oder die Gärtnerteams, die den Fassadenwald warten müssen. Xu veranschlagt die Mehrkosten auf fünf bis sechs Prozent über dem Normalpreis eines Hochhausbau.

Während in Mailand aber Wohnungen entstanden, sollen die beiden Hochhäuser in Nanjing kommerziell genutzt werden. In das 100 Meter hohe Gebäude wird die Luxushotelkette Hyatt mit 247 Zimmern einziehen, schrieb die Global Times. Im 200 Meter hohen Nebengebäude sollen Büros, Restaurants mit Ladengalerie und eine Schule für grüne Architektur unterkommen. Das Bürogebäude sei zu 70 Prozent gebucht, sagt Xu. Die Höhe der Gesamtinvestitionen will er nicht verraten.

Hinter dem Projekt steht als chinesischer Großinvestor die staatliche Yangzi-Gruppe. Sie wurde im April 2014 von der Stadt Nanjing gegründet, um den Aufbau des "Jiangbei New District" zum neuen Hightechviertel und zur Sonderentwicklungszone zu finanzieren.

Nach der Fertigstellung der Hochhäuser "können wir im Frühjahr 2018 mit dem Bepflanzen beginnen", sagt Xu. Spezialteams würden sich darum kümmern, auch um die weitere Pflege des vertikalen Waldes. In Mailand sind vier Personen damit beauftragt. Für die Türme in Nanjing würden sieben Personen gebraucht. "Wir nennen sie professionelle athletische Kletterer."

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visualisierung: stefano boeri architetti

Eigentlich sollen zur Biodiversität nur einheimische Bäume und Pflanzen ausgewählt werden. Xu sagt, dass sie für Nanjing aber zehn Prozent der Bäume importieren müssen. Sie bräuchten acht Meter hohe Ginkgo-Bäume, die aus Deutschland importiert werden müssen, wohin sie vor 100 Jahren aus China kamen. Solche Bäume seien heute in China nicht zu finden.

Die Importe sind Ausnahmen. Aber sie können die Umweltbilanz trüben, sagt der Stadtplaner Johannes Dell, Leiter der Schanghaier Niederlassung des Frankfurter Architekturbüros Albert Speer & Partner, dem Standard. Gerade bei einem so faszinierenden Projekt müsste gewährleistet sein, dass der Energieaufwand, um Bäume zu pflanzen und zu unterhalten, am Ende nicht höher ist als die CO2-Einsparung und Verbesserung des städtischen Klimas.

Boeri zählt auf seiner Website auf, wie die in Nanjing gepflanzten 1100 Bäume und 2500 Sträucher- und Kletterpflanzen pro Jahr bis zu 25 Tonnen Kohlenstoffdioxid absorbieren könnten. Täglich würden sie mehr als 65 Kilogramm Sauerstoff erzeugen. Jüngst zog er in einem Interview erste Bilanz über sein Mailänder Pilotprojekt. "Wir waren überrascht. Wir hatten erwartet, dass rund zehn Prozent aller Pflanzen eingehen." Aber die gepflanzten Bäume hätten "perfekt überlebt". (Johnny Erling aus Peking, 26.2.2017)

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