Kärnten: "Urangst der Wiederkehr der Traumata"

24. Februar 2017, 13:53
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Psychoanalytiker Klaus Ottomeyer ortet im Verfassungsstreit um den "Slowenen-Passus" das Aufleben alter Konflikte

Klagenfurt – Was hätte wohl der 1994 verstorbene Erwin Ringel zu alldem, was da wieder hochkocht aus dem Inneren Kärntens, gesagt? Wie hätte Österreichs großer Psychiater, der seine Gedanken zum Bundesland in der "Kärntner Seele" niedergeschrieben hatte, diesen aktuellen Konflikt um die Landesverfassung analysiert?

Er hätte wahrscheinlich, wie 1988, eine Rede in Klagenfurt gehalten und Tacheles gesprochen. Und er hätte vermutlich dem ÖVP-Kulturlandesrat Christian Benger vorgehalten, dass – wie Ringel es damals formulierte – "jedes Land Gott danken soll, wenn es eine Minderheit hat". Benger hatte mit der von ihm Anfang Februar verlangten Streichung eines "Slowenen-Passus" aus der Landesverfassung eine schwere Koalitionskrise und in der Folge Verstimmungen mit Slowenien ausgelöst.

"Verunsicherte Kärntner Identität"

Es habe schon seinen tiefen historischen Grund, warum jene "slowenische Passage" im Entwurf der neuen Kärntner Verfassung ein derartiges Konfliktpotenzial in sich berge, sagt der Kärntner Psychoanalytiker Klaus Ottomeyer, der sich ebenfalls – wie Ringel – der kollektiven Kärntner Befindlichkeit wissenschaftlich gewidmet hatte ("Jörg Haider – Mythos und Erbe").

Ottomeyer sieht die Ursache des wieder aufkeimenden Konfliktes in der historisch und auch familiär gewachsenen "verunsicherten Kärntner Identität". Denn gut die Hälfte der Kärntner Bevölkerung habe slowenische Wurzeln – die oft verleugnet würden.

In Kärnten herrsche so etwas wie eine "Urangst der Wiederkehr der Traumata", eine Angst vor all dem, was dieses Land an Verfolgung, Deportation und Nazigräueln erleben musste. Viele mit slowenischer Herkunft hätten mit "Überassimilierung" reagiert. In den letzten Jahren habe eine tolerante Politik die schwere geschichtliche Last überdeckt. "Aber wie man am aktuellen Anlass der Landesverfassung sieht, wird dieser Bodensatz wieder hervorgeholt aus den Tiefen", sagt Ottomeyer im STANDARD-Gespräch.

Der Kärntner Abwehrkämpferbund und die FPÖ hatten ja bereits sogar vor einer "flächendeckenden Slowenisierung und einer enormen finanziellen Mehrbelastung" gewarnt – wegen dieser nun eliminierten Passage: "Die Fürsorge des Landes gilt den deutsch- und slowenischsprachigen Landsleuten gleichermaßen."

Neuer Konflikt

Jetzt ist im neuen Entwurf zwar nach wie vor die ausdrückliche Erwähnung der slowenischen Volksgruppe drinnen, aber auch – wie es in der burgenländischen Verfassung – der Hinweis auf Deutsch als Landessprache. Das interpretierten nun slowenische Gruppen als Angriff auf die slowenische Kultur.

Der neue Zwist führte sogar zu Spannungen zwischen Kärnten und Slowenien. Der slowenische Außenminister Karl Erjavec konferierte deswegen mit Landeshauptmann Peter Kaiser, wobei die Sache vorerst kalmiert werden konnte, da Kaiser Erjavec überzeugen konnte, dass die slowenische Volksgruppe dezidiert erstmals in der Verfassung erwähnt wird. Nun bastelt der Kärntner Landtag an einer neuen, "alle Lager zufriedenstellenden" Formulierung der "Slowenen-Passage", heißt es im Büro des Landeshauptmanns. (Walter Müller, 24.2.2017)

  • Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) hat alle Mühe, die losgetretene Debatte über die Landesverfassung wieder einzufangen.
    foto: apa/schlager

    Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) hat alle Mühe, die losgetretene Debatte über die Landesverfassung wieder einzufangen.

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