Computerklasse: Der Beamer ersetzt die Tafel

24. Februar 2017, 13:51
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An einem Innsbrucker Gymnasium ist digitaler Unterricht seit 15 Jahren Realität. Die Ideen der Regierung sieht man kritisch

Innsbruck – Ein kostenloser Laptop für jeden Schüler ab der neunten Schulstufe? In der Klasse 5C am Bundesrealgymnasium Adolf-Pichler-Platz in Innsbruck kostet die Idee von Bundeskanzler Christian Kern Schüler wie Lehrer nur ein müdes Lächeln. "Das wäre schon gut, aber die Frage ist, welches Gerät man dann bekommt", sind die Schüler skeptisch. "Dafür soll plötzlich Geld da sein, aber überall sonst im Bildungssystem wird gespart", wundert sich auch Deutschlehrer Robert Matscher. Die Jugendlichen und ihr Professor wissen, wovon sie reden. Ihre Schule führt seit 15 Jahren eigene Computerklassen, die 5C ist eine davon.

foto: florian lechner
Robert Matscher unterrichtet Deutsch über den Beamer, die Schüler arbeiten am PC mit. Auch die Schularbeiten werden hier am Computer geschrieben.

Pünktlich um 8.55 Uhr läutet der Gong die zweite Stunde ein. Für die 5C steht Deutsch auf dem Programm. Die meisten Schüler sitzen bereits an ihren Computern, als Lehrer Matscher die Klasse betritt. Ein paar tippen noch eifrig an der Hausübung, während andere entspannt durchs Netz surfen. Mittendrin steht Matscher, dessen ansteckende stoische Ruhe den Lärmpegel langsam sinken lässt. "Ich mache mit ihnen alles am PC", sagt er und schaltet den Beamer ein, der in der Computerklasse die Tafel ersetzt.

In Pädagogen statt Technik investieren

Doch ganz ausgedient hat das grüne Monstrum noch nicht. Es versteckt sich bloß hinter der Leinwand. Denn auch nach 15 Jahren Computerklassen steht und fällt der digitale Unterricht mit den Lehrpersonen und deren Affinität zur Technik. Daher würde Matscher lieber Investitionen in die Pädagogen und deren Ausbildung sehen, als über Gratislaptops für jeden zu diskutieren. Ein Schüler sieht das ähnlich und berichtet aus seinem Alltag: "In Mathe machen wir gar nichts am Computer, in Englisch manches, in Deutsch und Geschichte alles."

foto: florian lechner
Textverarbeitung ist für viele der Digital Natives noch Neuland.

Technisch möglich wäre vieles. So schreibt die 5C sämtliche Deutschschularbeiten am PC. "Sie bekommen dafür einen eigenen Log-in, und das Netzwerk wird gesperrt", erklärt Matscher. Es gibt für Hausübungen und Tests eigene Ordner, in denen abgelegte Dokumente nicht mehr nachträglich verändert werden können. Vor allem bei den Maturaarbeiten seien diese Schüler klar im Vorteil gegenüber ihren Kollegen, für die das Schreiben am PC nicht Routine ist. "Und wenn du krank warst, braucht es nur ein paar Mausklicks, um den versäumten Stoff zu kopieren", sind die Schüler begeistert.

War schon vor 15 Jahren im Trend

Schuldirektor Walter Nigg versucht den digitalen Unterricht schon beim Erstellen des Dienstplanes mitzubedenken: "Wir achten sehr darauf, dass in den Computerklassen möglichst Lehrer zum Einsatz kommen, die das auch machen wollen." Doch im Schulalltag ist das nicht immer möglich. Derzeit fehle es an Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten für Pädagogen.

"Als wir die ersten Laptopklassen vor 15 Jahren eingerichtet haben, war das gerade im Trend", erinnert sich der Direktor, "es hat damals sogar Förderungen vom Landesschulrat gegeben." Heute finanziert die Schule die Computerklassen selbst, Förderungen gibt es keine mehr. Die nun propagierte Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung entlockt Nigg daher nur ein Schulterzucken: "Was soll ich dazu sagen?"

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Im Internet kennen sich die Schüler meist bestens aus. Die meisten haben ihren eigenen Laptop oder Computer zu Hause.

Im BRG Adolf-Pichler-Platz haben die Schüler nach der Unterstufe die Wahl zwischen einem Musikschwerpunkt, dem klassischen Oberstufen-Realgymnasium sowie der Computerklasse. Es gibt insgesamt vier solcher digitaler Klassen, für jede Oberschulstufe eine. "Das Problem dabei ist, dass dem Ganzen etwas Elitäres anhaftet", sagt Lehrer Matscher. Denn die Computerklassen haben – aus Gründen des Platzbedarfs – eine Klassenschülerhöchstzahl von nur 20 Kindern. "Das bedeutet einen besseren Betreuungsschlüssel, und viele Eltern wollen deshalb ihre Kinder in diesen Zweig schicken", erklärt Matscher. Derzeit entscheidet der Schulerfolg über die Aufnahme. "Ideal ist das nicht", sagt der Lehrer.

Gratislaptops stoßen auf wenig Begeisterung

Die Schüler sind von der Computerklasse begeistert. Sie glauben, dadurch einen Startvorteil gegenüber anderen zu haben. Als Digital Natives brächten die meisten viel Vorerfahrung im Umgang mit dem Internet mit, sagt Matscher: "Aber wie man eine Datei speichert oder den Schriftgrad einstellt, weiß kaum einer." Nur ein einziger Schüler gibt an, vor seinem Start in der Computerklasse keinen eigenen PC oder Laptop besessen zu haben. Wobei er die Geräte der Eltern benutzen durfte. Vielleicht reißt die Idee eines Gratislaptops deshalb kaum einen in der 5C vom Hocker.

Wichtiger wäre ihnen WLAN im Schulgebäude. "Das hat bis heute der Großteil der Bundesschulen nicht", sagt Direktor Nigg. "Und wir haben kein Windows, nur Ubuntu. Das regt viele auf", erklären die Schüler. Lehrer Matscher wirft die Frage nach dem Systemadministrator auf: "In der Privatwirtschaft wären für unsere Schule mindestens zwei Vollzeitstellen nötig. Wir haben zwei halbe Lehrverpflichtungen dafür." (Steffen Arora, 24.2.2017)

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