Häuslbauer verzichten meistens auf Architekten

    24. Februar 2017, 09:00
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    Wer ein Haus baut, ist vom schier unendlichen Angebot oft überfordert, wie ein Besuch auf einer Baumesse zeigt

    Vom Lichtschalter bis zur Wärmepumpe – nichts, was es nicht gibt auf der Häuslbauermesse Bauen & Energie in Wien. Dass zwischen Möbeln, Sauganlagen, Insektengittern und Pools auch Kürbiskernöl und Kosmetika zur Entfernung von Körperhaaren angeboten werden, mutet dann doch etwas seltsam an. Auch der Stand mit asiatischer Minze scheint auf den ersten Blick nicht ganz in das Konzept zu passen. Doch Wohnen heißt auch Wohlfühlen, und immerhin eignet sich die Minze auch für den Aufguss in der Sauna – und auch die gibt es hier zuhauf.

    Es tummeln sich auf der Messe alle, die etwas bauen wollen – oder auch nicht. "Wir haben kein Projekt vor, kommen aber jedes Jahr her, um uns umzusehen", erzählt eine Besucherin. An Inspiration und überzeugenden Verkäufern an den Ständen mangelt es in jedem Fall nicht. Nicht alle sehen das positiv. "Da ist viel Schrott dabei, der den Menschen an manchen Ständen angeboten wird", sagt Architekt Heinrich Schuller. Er leitet die Baurettungsgasse auf der Messe. "Gerettet" werden muss laut Schuller allerhand, etwa die Qualität von Bauvorhaben vor "Pfuschern" oder Betriebe, die mit hohen Standards arbeiten, vor Billiganbietern.

    Bauvorhaben retten

    Um Menschen mit Bauvorhaben zu retten, gibt es in der Rettungsgasse das Angebot "Sieben auf einen Streich". Wer einen Umbau plant, kann sich nach vorheriger Anmeldung für eine halbe Stunde mit sieben Experten aus unterschiedlichen Bereichen der Baubranche an einen Tisch setzen, das eigene Projekt vorstellen und sich beraten lassen. Hintergrund der Aktion: "Wer baut oder umbaut, ist oft überfordert und ratlos", sagt Schuller.

    Und tatsächlich geben zumindest einige der Besucher zu, vom Angebot überfordert zu sein. Ein Paar etwa ist zur Messe gekommen, um sich über den Bau einer neuen Garage zu informieren. "Das ist wie im Elektrofachhandel, man braucht eine Sache und bekommt 25 Vorschläge", so der Besucher. Einem anderen Paar – auf der Messe auf der Suche nach Vorschlägen und Ideen für ein neues Heizungssystem – geht es ähnlich: "Wir müssen eine schwierige Entscheidung treffen, aber bei dem Angebot hier ist man auch überfordert", so die beiden.

    Vor einer besonders großen Herausforderung steht, wer ein ganzes Einfamilienhaus bauen will. Zahlreiche Entscheidungen müssen getroffen werden: Keller – ja oder nein? Welche Heizungsart ist die richtige? Fertigteilhaus oder massiver Bau? "Als Laie ist das nicht einfach", sagt ein junger Häuslbauer, der mit seiner Frau zur Messe gekommen ist. Der Bau ihres Eigenheimes soll bald über die Bühne gehen. "Ein Planer steht uns dabei zur Seite", erzählen sie. So wie sie machen es viele, denn in Ostösterreich werden Einfamilienhäuser nur selten mit Architekten geplant, weil auch Baumeister Häuser planen dürfen.

    Die Berührungsängste seien zu groß, glauben die auf der Messe vertretenen Architekten. "Die meisten wissen zudem gar nicht, was ein Architekt überhaupt macht", sagt Dorothee Raichle-Ekong. Außerdem brauchten die Architekten dringend eine bessere Öffentlichkeitsarbeit, ist sie sich sicher. "Die Menschen glauben, einen Architekten können sich nur die Reichen leisten. Aber das stimmt nicht. Ein mit Architekt gebautes Haus kostet nicht mehr", sagt Raichle-Ekong und vergleicht ein vom Architekten geplantes Haus mit einem maßgeschneiderten Anzug. "Wer mit einem Experten plant, muss viel von sich preisgeben, muss sich quasi 'ausziehen', damit der Anzug bzw. das Haus perfekt zugeschnitten werden kann. Aber das wollen viele nicht."

    Berührungsängste abbauen

    Um Vorurteile und Berührungsängste abzubauen, organisierte die IG Architektur auf der Bauen & Energie Wien ein "Speed-Dating" für Häuslbauer und Architekten. Für jeweils sieben Minuten sitzen sich dabei zukünftige Hausbesitzer und Architekten gegenüber, nach einem Glockenton wechseln die Architekten reihum zu den nächsten Interessenten. Ein erstes Kennenlernen war das erklärte Ziel dahinter – und schnell wurde klar: Viele Häuslbauer wissen tatsächlich nicht, was zu den Aufgaben eines Architekten gehört. Gefragt wurde etwa: Wie sehr geht der Architekt / die Architektin auf unsere Wünsche ein? In welchem Grad möchte er oder sie sich in unserem Haus verwirklichen? Wie wird abgerechnet? Wer koordiniert die Baustelle und beauftragt Bauunternehmer?"

    Anders als viele Häuslbauer können sich die Paare, die hier mitmachen, einen Hausbau ohne Architekt nicht vorstellen. "Wir haben Vorstellungen, wissen aber nicht, ob sie auch umsetzbar sind. Als Laie hat man keine Ahnung von Lichteinfall oder davon, ob Arbeiten auf der Baustelle richtig ausgeführt werden. Ein Architekt kontrolliert das, und so müssen wir uns nicht mit jedem Detail beschäftigen. Das ist wie mit einem Steuerberater, der spart einem auch Nerven", so ein Besucher.

    Wichtig ist den zukünftigen Auftraggebern vor allem, dass man sich gut aufgehoben fühlt. "Wir haben so spezielle Wünsche, dass ein Haus von der Stange für uns nicht infrage kommt", erzählt eine andere Frau. Mit einem Generalunternehmer habe sie bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Beim Architekten habe sie das Gefühl, er sei auf ihrer Seite. "Uns ist auch die persönliche Beziehung wichtig, ein Haus baut man schließlich nur einmal." (Bernadette Redl, 24.2.2017)

    • Im Dschungel der Angebote brauchen Häuslbauer Experten, die ihnen den Weg weisen.
      foto: christian-husar.com

      Im Dschungel der Angebote brauchen Häuslbauer Experten, die ihnen den Weg weisen.

    • Dennoch engagieren viele keinen Architekten.

      Dennoch engagieren viele keinen Architekten.

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