Studienabbrecher fühlten sich oft schon in Schule nicht zugehörig

23. Februar 2017, 14:21
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Bildungswissenschafterin Erna Nairz-Wirth von der Wirtschaftsuniversität Wien hat Studienabbrecher interviewt, die nicht auf traditionellem Weg an die Uni gekommen sind

Wien – Sogenannte nicht-traditionelle Studenten brechen überdurchschnittlich häufig ihre Ausbildung ab. Als einen der Hauptgründe machte die Bildungswissenschafterin Erna Nairz-Wirth von der Wirtschaftsuniversität (WU) in einer Studie fehlendes Zugehörigkeitsgefühl aus. Schon in der Schule nehmen sie wahr, dass sie sozial schlechter gestellt sind als ihre Klassenkameraden.

Nicht-traditionelle Studierende sind etwa jene mit Betreuungspflichten, Studenten, die einer Minderheit angehören, die arbeiten oder als erste in der Familie studieren. Für ihre Studie haben Nairz-Wirth und ihre Co-Autoren zwölf Studienabbrecher, die in diese Gruppe fallen, ausführlich interviewt.

Sozial schlechter gestellt

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Erfahrungen, die unsere Befragten an der Uni gemacht haben, oft in Zusammenhang mit jenen, die sie zuvor in der Schule gemacht haben, stehen", betonte Nairz-Wirth in einer Aussendung der WU. Die Befragten gaben an, bereits während der Schulzeit bzw. teilweise sogar bereits im Kindergarten das Gefühl entwickelt zu haben, sozial schlechter gestellt zu sein als Klassenkameraden.

Zum Teil oft unbewusst würden Lehrer oder Gleichaltrige eine Art Mittelklasse-Habitus vermitteln, der nicht dem von Schülern aus weniger privilegierten Elternhäusern entspricht, heißt es in der Studie – etwa über Körpersprache, Gesten, Sprachstil etc. So wird ein Gefühl transportiert, dass ein akademischer Beruf nicht unbedingt zum Lebensplan von Jugendlichen aus niedrigeren Schichten gehört.

Ungewohnte Regeln

"Schülerinnen und Schüler aus sozial schlechter gestellten Milieus schließen die Schule oft mit wenig Selbstvertrauen und mit der mangelnden Überzeugung ab, sich an einer Universität ein passendes Netzwerk aufbauen zu können, um erfolgreich zu sein", meinte Nairz-Wirth. An der Uni, wo nun plötzlich viel Selbstorganisation und dazu das Meistern sozialer, ökonomischer und kultureller Hürden gefragt sind, können sie nicht auf Informationen von Verwandten und Freunden zurückgreifen. "Viele gaben an, an der Uni mit großen Hürden konfrontiert und mit den starren zeitlichen Regeln und Abläufen nicht zurechtgekommen zu sein."

Kommen dann noch Leistungsschwierigkeiten oder zusätzliche finanzielle Hürden dazu, könne sich das schon in der Schule vermittelte mangelnde Zugehörigkeitsgefühl nachteilig auswirken und zum Abbruch beitragen. Weiteres Problem: Nicht-traditionelle Studierende scheuen – vermutlich ebenfalls auch Nicht-Zugehörigkeits-Gründen – oft den direkten Kontakt mit Tutoren, Lektoren und Professoren.

Als Maßnahmen gegen den Drop-Out schlägt die Studienautorin einerseits eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Schule und Uni vor: Der Orientierungslosigkeit und der mangelnden Information vieler nicht-traditioneller Studierender könne mit zusätzlicher und vor allem durchgehender Studien- und Berufsorientierung entgegengewirkt werden. Andererseits brauche es sowohl an den Schulen als auch an den Unis entsprechend ausgebildete Lehrer bzw. Tutoren und Mentoren – dazu bedürfe es eines Ausbaus des Angebots in der Vermittlung von Diversitätskompetenz. (APA, 23.2.2018)

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