Was Selbstbestimmung bei einer Geburt bedeuten kann

24. Februar 2017, 06:00
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Während Alleingebärende radikale Ansichten zum Thema vertreten, widersetzen sich feministische Aktivistinnen dem Zwang zur "Natürlichkeit"

"Meisterin der Geburt" nennt sich Jobina Schenk. Auf ihrem gleichnamigen Blog widmet sich Schenk ganz dem Thema Alleingeburt, auch ein Selbstcoaching-Buch hat sie bereits darüber geschrieben, das "mehr Geburtslust und Selbstermächtigung" vermitteln soll. Schenk ist Teil einer Community, die sich im Netz formiert hat: Frauen, die bewusst ohne die Unterstützung von ÄrztInnen oder Hebammen gebären – im aufblasbaren Geburtspool zu Hause im Wohnzimmer, draußen im Garten oder auf einer Waldlichtung.

Dokumentationen dieser Geburten in Eigenregie finden sich auf Youtube, das Video der Bloggerin und deutschen "Alleingeburtspionierin" Sarah Schmid, das ihre zweite Alleingeburt zeigt, wurde bereits über zweieinhalb Millionen Mal angeklickt.

Für einen Artikel, der im Dezember 2016 im deutschen Nachrichtenmagazin "Spiegel" erschien, besuchte die Journalistin Anna Clauß alleingebärende Frauen und ihre Familien, die sich vom öffentlichen Gesundheitssystem abgewendet haben. "Aus dem Wunsch vieler Frauen nach einer möglichst natürlichen Geburt ist in der Szene der Alleingebärenden eine Ideologie geworden. Die Frauen misstrauen der Schulmedizin und einem angeblich auf Profit ausgerichteten Krankenhausbetrieb", schreibt Clauß.

Risikofaktoren

Anders als in Deutschland schreibt das Hebammengesetz in Österreich eine Beiziehungspflicht fest, jede Schwangere hat zur Geburt und zur Versorgung des Kindes also eine Hebamme beizuziehen, erklärt Uwe Lang, der die Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Graz leitet. Zu Alleingeburten liegen weder in Österreich noch in Deutschland Statistiken vor, Lang sieht hier Einzelfälle – Schwangere, die letztendlich leichtsinnig handeln würden.

"Untersuchungen weisen darauf hin, dass selbst bei völlig risikofreien Schwangerschaften bei etwa einem Prozent der Frauen medizinische Interventionen notwendig werden, um das Leben von Mutter oder Kind zu retten", sagt der Universitätsprofessor.

Auch Peter Husslein, Leiter der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Wien, betrachtet das Alleingebären als ein Randphänomen, dem ein elementares Missverständnis zugrunde liege: Dass Gebären heute so sicher sei, die Mütter- und Säuglingssterblichkeit also sehr niedrig sind, liege an den Fortschritten in der Geburtshilfe und habe nichts mit "Natur" zu tun. Dennoch müsse es die Geburtshilfe aufrütteln, wenn Frauen sich dazu entscheiden, ÄrztInnen und Hebammen abzulehnen, sagt Universitätsprofessor Husslein.

Feministischer Blick

Kritik an der Geburtshilfe und am Klinikbetrieb kommt indes nicht nur von Frauen, die sich für das Alleingebären entscheiden. "Ich bin davon ausgegangen, dass eine selbstbestimmte Geburt im österreichischen Gesundheitssystem eine Selbstverständlichkeit ist", sagt Antonia Wenzl.

Die zweifache Mutter brachte 2011 ihre erste Tochter in einem Krankenhaus in Wien zur Welt und erlebte die Geburt keineswegs als selbstbestimmt: Die Hebamme bestand auf eine bestimmte Gebärposition, sie bekam Infusionen, ohne dass sie über deren Zweck informiert wurde. "Ich wurde einfach in viele Dinge gar nicht eingebunden, die rund um mich passierten", erinnert sich Wenzl. Diese Erfahrung bestärkte sie darin, sich intensiver mit dem Thema Selbstbestimmung rund um Schwangerschaft und Geburt auseinanderzusetzen.

2011 startete sie ihren Blog "Feminist Mum", mittlerweile arbeitet sie auch bei "Umstandslos" mit, einem alternativen Onlinemagazin für feministische Mutterschaft. "Die Mutter gibt es nicht. Es gibt ein Mutterideal, das gesellschaftliche Normen, Politik und Mainstreammedien forcieren, und das Eltern in ein Korsett presst, das schlussendlich allen die Luft zum Atmen nimmt. Dieses Ideal wollen wir gemeinsam von seinem Sockel stoßen und dekonstruieren", ist auf der Website zu lesen.

Dass es einen großen Bedarf gibt, sich aus einer feministischen Perspektive über Schwangerschaft, Geburt und Elternsein auszutauschen, zeigen die vielen Gastbeiträge, die regelmäßig an "Umstandslos" geschickt werden, erzählt Wenzl. Sie selbst entschied sich bei der Geburt ihrer zweiten Tochter für ein Geburtshaus, das von Hebammen betrieben wird – und privat bezahlt werden muss. "Eine selbstbestimmte Geburt ist leider auch eine Frage der finanziellen Mittel. Aber auch der persönlichen Kompetenzen. Denn es braucht Wissen und gegebenenfalls Mut aufzustehen und zu widersprechen", sagt Wenzl.

Schwangere bestärken

Genau darauf zielen die Angebote des Frauengesundheitszentrums Graz ab. In der persönlichen Beratung und in Gruppen wie "Schwanger – Gut begleitet durch 40 Wochen" sollen Frauen bestärkt werden, ihre eigenen Entscheidungen auf Basis von Informationen zu treffen. Ein ressourcenorientierter Zugang zu Schwangerschaft und Geburt werde dem Fokus auf Probleme und Risiken entgegengestellt – denn dies passiere bereits durch die medizinische Begleitung: "Schwangerschaft und Geburt wurden zu einem Hochrisikoprojekt gemacht, wodurch viele Frauen doch mehr verunsichert als beruhigt sind", sagt Kerstin Pirker, die sich beim Frauengesundheitszentrum auf reproduktive Gesundheit spezialisiert hat.

Erzählungen wie jene von Antonia Wenzl kennt auch Pirker zuhauf. Rund 98 Prozent der Geburten in Österreich finden in Kliniken statt, für eine Hausgeburt oder den Aufenthalt in einem Geburtshaus ohne ÄrztInnen entscheiden sich also nur wenige Frauen. "Ich denke durchaus, dass eine selbstbestimmte Geburt auch in einem Krankenhaus stattfinden kann. Aber dafür ist es wichtig, Frauen zu mündigen Nutzerinnen des Gesundheitssystems zu machen, die ihre Rechte wahrnehmen", sagt Pirker.

Leistungssport Gebären

Ein wichtiges Thema für viele Schwangere ist auch der Druck, der mit dem Wunsch nach einer "natürlichen" Geburt verbunden ist. Während einige Frauen auf eigenen Wunsch per Kaiserschnitt entbinden wollen, ist der Eingriff für andere mit einem Leistungsanspruch verknüpft. "Ich habe versagt" hört Pirker immer wieder von Frauen, die ihr Kind nicht vaginal, sondern per Kaiserschnitt entbunden haben. Auch auf Mütter-Blogs und in einschlägigen Foren finden sich unzählige Beiträge zur "natürlichen" Geburt, die möglichst ohne medizinische Interventionen stattfinden soll. Wer vom eigenen Kaiserschnitt erzählt, wird schnell mit Aussagen wie "Dann hast du dich nicht gut genug vorbereitet" konfrontiert, erzählt auch Antonia Wenzl.

"Dass Geburt heute Teil eines Leistungsdiskurses ist, ist eigentlich absurd", sagt die feministische Bloggerin. (Queer-)feministische Medien und AktivistInnen sind dementsprechend bemüht, Gegenentwürfe zu herrschenden Vorstellungen von Natur und "richtigem" Gebären zu liefern und Menschen zu vernetzen, die sich von all den Ansprüchen, die an Schwangere herangetragen werden, überfordert fühlen. Eine "Meisterin der Geburt" zu werden, ist dafür gar nicht notwendig: "Wer dazu in der Lage ist: Fordert Wissen ein! Und wer Wissen weitergeben kann: Zögert nicht, es weiterzugeben!", lautet der Appell von "Umstandslos"-Autorin Cornelia Grobner. (Brigitte Theißl, 24.2.2017)

  • Selbstbestimmt pressen: Das Thema Selbstbestimmung rund um Schwangerschaft und Geburt beschäftigt viele Frauen.
    foto: getty images/istockphoto/kangah/joey boylan

    Selbstbestimmt pressen: Das Thema Selbstbestimmung rund um Schwangerschaft und Geburt beschäftigt viele Frauen.

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