Gruppenvergewaltigung: "Leblose Puppe" und Erbschaftsstreit

23. Februar 2017, 14:16
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Mit der Einvernahme der restlichen Angeklagten geht der Prozess gegen neun Iraker weiter, die eine junge Frau vergewaltigt haben sollen

Wien – "Für Sie war sie eine leblose Puppe?", will Petra Poschalko, Vorsitzende des Schöffensenats, von Mustafa A. wissen. "Ja, sie war ein Mensch, aber ich habe ihr Gesicht im Dunkeln nicht gesehen", antwortet der 23-Jährige. Er ist einer von neun Angeklagten, die am frühen Morgen des 1. Jänner 2016 in Wien eine schwerbetrunkene 28-jährige Touristin in eine Wohnung gelotst und dort mehrfach vergewaltigt haben sollen.

Vorsitzender Poschalko gebührt Lob, sie leitet die Verhandlung ruhig und sachlich, lässt die angeklagten Iraker erzählen. Zwei von ihnen bekennen sich schuldig, der Rest will entweder gar nicht in der fraglichen Wohnung gewesen sein oder nichts getan haben. Von sechs Angeklagten wurde allerdings Sperma oder andere DNA-Spuren sichergestellt.

Feier auf dem Silvesterpfad

Die Vorgeschichte: Das Opfer feierte mit einer Freundin auf dem Silvesterpfad den Jahreswechsel. Man endete in einem Lokal, getrunken wurde viel. Rund zwei Promille soll die junge Frau gehabt haben. Sie verließ das Lokal alleine und scheint auf der Straße kollabiert zu sein.

Einige der Angeklagten fanden sie und brachten sie in die Wohnung in Wien-Leopoldstadt. Dort sollen sie die junge Frau der Reihe nach vergewaltigt und die Desorientierte schließlich am frühen Morgen zu einer Straßenbahnstation gebracht haben – laut Anklage nicht, ohne zuvor noch Selfies mit ihr zu machen.

Den Tatort fand man aufgrund einer Handy-App, die das Bewegungsprofil aufgezeichnet hatte. Da das Opfer nur noch wusste, dass die Männer Arabisch gesprochen hatten, befragten Polizisten die Bewohner des Hauses – drei der Angeklagten, ein Vater und seine beiden Söhne, waren dort die Einzigen, die diese Sprache verwenden.

"Wollte es ausprobieren"

"Was war Ihr Beweggrund?", will Poschalko von Mustafa A. wissen. "Es ist wie gewöhnlich." – "Was heißt das?" – "Ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen, wollte es ausprobieren. Sie war betrunken, ich war betrunken."

Ein anderer Angeklagter sagt, er sei zwar mit einem Freund in Wien gewesen, aber im Morgengrauen mit dem Zug zurück nach Oberösterreich gefahren. Bedauerlicherweise kann er sich weder erinnern, wie der Bahnhof ausgesehen hat, noch, wie viel die Fahrkarte gekostet hat. Sein Freund scheint nicht mehr auffindbar zu sein.

In der Wohnung sei er zuletzt Anfang Dezember 2015 gewesen. "Was sagen Sie dazu, dass die anderen Sie belasten?", will die Vorsitzende wissen. "Wir hatten im Irak schon familiäre Probleme. Es geht um einen Erbschaftsstreit. Aber in Österreich haben wir keine Probleme mehr." Eine Bemerkung kann sich Poschalko dann doch nicht verkneifen: "Haben Sie einen Zwillingsbruder?" Hat er nicht.

Frau und drei Kinder

Am Ende seiner Aussage sagt er plötzlich: "Ich will mich verteidigen! Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. Ich schlafe nur mit meiner Frau!" Im gleichen Atemzug erzählt er aber auch, er habe jeweils eine Freundin in Steyr und Ried, das seien aber nur platonische Beziehungen.

Zu einer Überraschung gerät der Auftritt jenes Angeklagten, der die anderen bisher massiv belastet hat. Plötzlich will Nael A. sich an überhaupt nichts mehr erinnern können. Er sei damals sturzbetrunken gewesen, habe bei der Polizei zu allem nur Ja gesagt, den Dolmetscher habe er nicht richtig verstanden, und außerdem habe er psychische Probleme.

Sein Verteidiger bittet um eine Unterbrechung, um sich mit seinem Mandanten besprechen zu können. Poschalko gewährt diese, nach zehn Minuten geht es weiter. "Ich will etwas richtigstellen", sagt der 22-Jährige. Und bestätigt, dass er im Großen und Ganzen bei der Polizei die Wahrheit gesagt habe.

Einer nach dem anderen

Etwas unklar bleibt, wen er unmittelbar bei der Tat beobachtet hat, aber: "Ich habe gesehen, dass einer nach dem anderen in das Zimmer reingegangen ist", schildert er das Martyrium des Opfers, das aufgrund psychischer Probleme noch immer stationär behandelt wird.

Am 28. Februar wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, 23.2.2017)

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