Zu Besuch bei Jimmy Carter: Der alte Mann und die Schuhe des anderen

26. Februar 2017, 12:00
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Mit der "America first"-Parole kommt man nicht weit, sagt Ex-Präsident Jimmy Carter. Denn wer im Weißen Haus sitze, müsse in der Lage sein, die Welt mit den Augen seiner Widersacher zu sehen

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Jimmy Carter referiert jeden Sonntag über aktuelle Themen, inspiriert von Bibelstellen.

Peter Ward ist gekommen, weil er, so sagt er das, einfach Worte der Vernunft hören möchte. Er will einem alten Mann zuhören, der einmal Präsident der Vereinigten Staaten war, um sich zu versichern, dass die Welt noch nicht völlig aus den Fugen geraten ist. Von dem alten Mann, dessen Sonntagsschulstunde gleich beginnt, verspricht sich Ward, so sagt er das, eine Lehrstunde in gesundem Menschenverstand.

Vier Stunden war der Bauinspektor unterwegs, um im Auto von Chattanooga nach Plains zu fahren, in ein winziges Nest im ländlichen Georgia. Um an einem Sonntagmorgen in aller Herrgottsfrühe vor einer weißen Kirche mit pfeilschlankem Turm zu stehen. Die ersten haben sich bereits um halb sechs angestellt, und wer sich nicht spätestens um halb acht in die Warteschlange einreiht, muss damit rechnen, dass er keinen Platz mehr bekommt. Sie ist regelmäßig gerammelt voll, die Maranatha Baptist Church mit ihren harten Holzbänken, in die vielleicht zweihundert Menschen passen.

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Fans hat er viele.

Weitgereiste Kirchgänger

Ehe Carter die Kirche betritt, schärft eine Assistentin den Versammelten ein: "Bitte bleiben Sie sitzen! Bitte applaudieren Sie nicht!" Präsident Carter möge kein großes Gewese. Und bevor der 92-Jährige seine Lektion beginnt, fragt er, woher die Leute kommen. "Florida!" "Ohio!" "Utah!" Minutenlang geht das so, das halbe Land scheint geografisch vertreten. "Washington, D.C.", ruft irgendwann eine Frau. "Ach, da hab ich mal gewohnt", sagt Carter und lächelt noch genauso breit wie früher, mit gebleckten Zähnen, das typische Erdnussfarmer-Lächeln.

In der Reihe amerikanischer Präsidenten gilt Carter als einer der erfolgloseren, auch wenn er den bislang wichtigsten nahöstlichen Friedensvertrag vermittelte, den zwischen Ägypten und Israel. Konservativen Landsleuten gilt er als Symbol für Schwäche und Selbstzweifel, nach nur vier Jahren im Amt abgelöst von Ronald Reagan, dem strahlenden Optimisten.

Als Ex-Präsident aber hat er alle anderen in den Schatten gestellt: in mehr als neunzig Ländern Wahlen beobachtet, in kniffligen Situationen zu schlichten versucht, in den Armutsgebieten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas geholfen. 1986, als sich Carters Stiftung dem Kampf gegen den Guineawurm verschrieb, waren weltweit dreieinhalb Millionen Menschen von dem tückischen Parasiten befallen. "Vor zwei Wochen waren es noch fünfundzwanzig", skizziert er den neuesten Stand. Kurz vor seinem 91. Geburtstag wurde bekannt, dass Carter an einem Tumor leidet. Monate später hieß es, er habe den Krebs besiegt. Wie auch immer, Sonntag für Sonntag erscheint er mit eiserner Disziplin in der kleinen Baptistenkirche in Plains, um sich einem Bibelthema zu widmen.

Einige davon präsentieren sich stolz mit dem Ex-Präsidenten in den sozialen Medien.

Über Archen und andere Konstruktionen

Eigentlich soll es diesmal um die Arche Noah gehen. Doch statt alttestamentarische Verse zu zitieren, belässt er es dabei, von einer gelungenen Holzkonstruktion zu erzählen. In Kentucky haben christliche Fundamentalisten ein imposantes Schiff in die Hügel gesetzt, um nachzuweisen, dass man die Arche durchaus so zimmern kann, wie es die Bibel beschreibt. "Wirklich gute Arbeit", lobt Carter, der selbst ein Faible für Holz hat, dann ist er schon bei der Politik. Ob jemand noch wisse, was 1976 im Wahlkampf an Spenden geflossen sei, fragt er, in dem Jahr, als er den Amtsinhaber Gerald Ford im Finale ums Weiße Haus herausforderte. "Jeder durfte einen Dollar geben, nicht mehr. Und heute spenden reiche Leute viele Millionen, um Politiker zu beeinflussen, damit die Politiker Gesetze schreiben, die den reichen Leuten nützen."

Es ist ein weiter Bogen, den Carter schlägt, bis er dem Rechtsstaat bescheinigt, noch immer zu funktionieren, wenn es drauf ankomme, zum Glück. Die Richterentscheidung, Donald Trumps Einreiseverbot für Bürger aus sieben muslimisch geprägten Ländern zu blockieren, "das war absolut richtig". Das Recht behalte die Oberhand, auch ein Präsident habe es zu respektieren, wenigstens daran habe sich nichts geändert.

Was Präsidenten zum Beten bringt

Ach ja, Noahs Arche. Noch einmal greift Carter den Faden auf: Nach der biblischen Sintflut, sinniert er, habe Gott wohl versprochen, eine derartige Flutkatastrophe nicht mehr geschehen zu lassen. "Aber was ist mit all den anderen Katastrophen?"

"Wissen Sie, im Weißen Haus hatte ich das Kommando über fünfzehntausend Atomwaffen, die ich auf die Sowjetunion oder China hätte abfeuern können. Jeden Morgen habe ich daran gedacht." Nach dem Start hätte es im Durchschnitt 26 Minuten gedauert, bis eine sowjetische Atomrakete Washington oder New York erreichte. "Nur mal angenommen, unsere Radargeräte hätten einen solchen Start angezeigt, wie hätte ich reagieren sollen?", fragt Carter, spricht von der Zwickmühle, in der ein US-Präsident unverhofft stecken kann, und schiebt schließlich grinsend hinterher: "Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich so viel bete."

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Jimmy Carter vor eineinhalb Jahren über Donald Trump.

Im Übrigen, erzählt er, habe er den Globus bisweilen so gedreht, dass sein Blick direkt auf Moskau fiel. Und überlegt, was seinen Widersacher Leonid Breschnew wohl veranlassen könnte, Raketen gegen die USA einzusetzen. "Breschnew sollte gar nicht erst auf die Idee kommen, dass wir Russland bedrohen, dafür musste ich sorgen", sagt Carter. Aus der Bibelstunde ist längst ein historischer Vortrag geworden, der alte Mann schlägt die ganz feine Klinge, er redet von der Vergangenheit und meint doch die Gegenwart. Wer im Oval Office sitze, gibt er zu verstehen, müsse in der Lage sein, sich in die Schuhe des anderen hineinzuversetzen. "America first", mit der Parole komme man nicht weit, denn Amerika sei auch nur ein Teil dieses Planeten, gibt Carter zu verstehen. "Was ich zu erklären versuche: Es geht um ernste Dinge, wenn man Präsident im Weißen Haus ist." (Frank Herrmann, 25.2.2017)

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