Luftangriffe auf Spitäler: Fotoforensiker sollen Kriegsverbrechen aufklären

8. April 2017, 09:45
37 Postings

Britische Forscher untersuchen im Auftrag der Ärzte ohne Grenzen Bombardements medizinischer Einrichtungen

Im Herbst 2015 wurde ein von der NGO "Ärzte ohne Grenzen" (Médecins Sans Frontières, MSF) betriebenes Krankenhaus im afghanischen Kundus durch gezielte Luftangriffe zerstört. 30 Menschen, darunter auch 13 Mitarbeiter von MSF starben. Die Helfer zogen sich infolge dessen zurück, zehntausenden Menschen in der von der Auseinandersetzung zwischen den afghanischen Streitkräften und den radikalislamischen Taliban gezeichneten Stadt soll dies die einzige Möglichkeit der medizinischen Notversorgung genommen haben.

Es stellte sich heraus, dass das US-Militär für das Bombardement verantwortlich war. Die USA übermittelten Beileidsbekundungen und Entschuldigungen, doch bis heute war man nicht bereit, eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls durch die Internationale Humanitäre Ermittlungskommission (IHFFC) zu genehmigen. Mittels forensischer Bildanalysen will MSF nun selber zur Aufklärung von Kriegsverbrechen beitragen.

Angriffe auf syrische Spitäler

Denn Kundus ist nur eines von mehreren Beispielen von unter Beschuss geratenen Krankenhäusern, schreibt man in einer Aussendung. Mitte Februar wurde ein von MSF mitbetriebenes Spital imm syrischen Maarat al-Numan mit Raketen beschossen. 25 Tote und zahlreiche Verletzte wurden vermeldet. Auch ein Krankenhaus in der Nähe, in welches die überlebenden Opfer der Attacke gebracht worden waren, geriet nur wenige Stunden später unter Beschuss.

Schnell wurde der Fall zum Politikum, denn die Präsidentin von MSF Frankreich, Mego Terzian, machte nach Auswertung der Situation und auf Basis von Zeugenaussagen die russisch-syrischen Streitkräfte für die Tat verantwortlich. Damaskus und Moskau dementierten. Im Gegenzug wurden Spionagevorwürfe gegen Ärzte ohne Grenzen erhoben.

Bildforensiker untersuchen

Auch bei MSF sei intern darüber debattiert worden, ob die Beweislage für die Anschuldigung überhaupt ausreichend gewesen sei. Da man auf die angekündigten Untersuchungen der Kriegsparteien allerdings nicht vertrauen will, kooperiert man in solchen Fällen nun mit der Forschungsagentur Forensic Architecture, die an der University of London beheimatet ist.

Die dort arbeiteten Wissenschaftler suchten verfügbare Fotos und Videos, die vor Ort gemacht oder über soziale Medien verbreitet wurden. Diese untersucht man auf ihre Echtheit und wertete sie für die Rekonstruktion des Angriffs aus. Man glich Beobachtungen von Starts russischer und syrischer Kampfjets mit Zeit und Ort der Angriffe ab. Dazu zeigte ein Video einen Flieger, bei dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine MiG-23 handeln dürfte, ein Fliegertyp, der regional ausschließlich von der syrischen Armee genutzt wird.

médecins sans frontières/doctors without borders (msf)

Auch für die Intensität der Angriffe fand man Belege. So soll das Bombardement dem "Double Tap" – bzw. "Triple Tap"-Prinzip gefolgt sein. Dieses beschreibt den mehrmaligen Abwurf von Sprengkörpern auf das gleiche Ziel innerhalb eines kurzen Zeitraums. In einer kleinen Dokumentation wird gezeigt, wie man den Fall aufgearbeitet hat.

MSF hält an Beschuldigung fest

MSF erklärt, dass die Auswertung von Forensic Architecture zwar keinen "förmlichen Beweis" liefere, man die Verantwortlichkeit der syrisch-russischen Streitkräfte nun aber als belegt betrachte. Ob die IHFFC den Fall untersuchen wird, bleibt abzuwarten.

Man hofft jedenfalls, durch öffentlichen Druck dafür sorgen zu können, dass staatliche Kriegsparteien ihr Vorgehen ändern und zivile Einrichtungen nicht mehr ins Fadenkreuz geraten.

Forensic Architecture hat auch schon zu einer Reihe anderer Vorfälle Analysen geliefert. Darunter etwa Operationen des israelischen Militärs im Gazastreifen oder Drohnenangriffe des US-Militärs in Afghanistan. (red, 08.04.2017)

    Share if you care.