Weiterwursteln oder zusperren? Die Vienna, ein Trauerspiel

23. Februar 2017, 10:12
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Bei der Generalversammlung am 1. März soll sich die Zukunft der Vienna entscheiden. Wie der Kultklub in Turbulenzen geriet. Eine Bestandsaufnahme

Wien – Trainer Hans Kleer sagt, die Hoffnung sei alternativlos. Er geht folglich davon aus, dass die Vienna am 4. März in und gegen Ritzing Fußball spielt. Das wäre sogar der wegweisende Schlager der Regionalliga Ost, der Zweite empfängt den Dritten. Die Vorbereitung sei nicht optimal gewesen, sagt der 47-jährige Kleer. Den Spielern wurden die zwei letzten Monatsgehälter nicht ausbezahlt. Andere Vereinsangestellte, auch Kleer, vermissen zusätzlich das Weihnachtsgeld. Die Kicker sind mit einer Ausnahme trotzdem geblieben. "Aus Liebe zum Fußball. Es ist eine komplexe Geschichte, keiner kennt sich wirklich aus." Kleer kam im Sommer 2016, übernahm zusätzlich das Amt des Sportdirektors. "Ich dachte damals, es gibt Perspektiven,"

"Es ist eine traurige Geschichte", sagt Adolf Tiller, 77 Jahre alt und seit 1978 Bezirksvorsteher von Wien-Döbling. Er ist sozusagen der Erwin Pröll des 19. Hiebs (minus Amtsmüdigkeit), irgendwie ist der ÖVPler immer schon da gewesen. Fast wie die Vienna. Tiller war in den Achtzigern Vereinspräsident, er saß später auch im Aufsichtsrat. "Und jetzt kenne ich mich nicht aus, es ist schwer durchschaubar. Natürlich wünsche ich mir, dass es einen Ausweg gibt. Der Verlust der Vienna wäre nicht nur für Döbling groß." Am 1. März ist die Generalversammlung angesetzt, es ist quasi der Showdown. Weiterwursteln oder zusperren, andere Möglichkeiten gibt es eher nicht. Geschäftsführer Gerhard Krisch sagt dem Standard kryptisch: "Manchmal gibt es ein Licht am Ende des Tunnels, Stunden später ist es finster. Wir unternehmen alles."

Schlechter Ruf

Der Klub lebt nicht gerade Transparenz. Fakt ist: Der Hauptsponsor, der in Deutschland tätige Stromanbieter Care Energy AG, ist weggefallen, in der vergangenen Woche wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Der österreichische Firmengründer Martin Kristek ist am 21. Jänner an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben. Er wurde nur 44 Jahre alt. Die Care Energy AG hatte nicht den allerbesten Ruf, der Spiegel schrieb bereits im Juli 2016 von seltsamen Machenschaften, einem irritierenden Firmenkonstrukt (22 Teilbereiche), Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und darüber, dass Kristek pleite sei. Die Vienna hat Kristek allerdings 2014 gerettet, er hat die Schulden in Höhe von rund drei Millionen Euro beglichen. Er zahlte jährlich eine Million aus. Die Gagen einiger Spieler übertrafen die üblichen Gehälter eines durchschnittlichen Bundesligaklubs. Es wurde alles korrekt abgerechnet.

Kristek war aber so uneigennützig auch wieder nicht. Sollte die Vienna zusätzliche Sponsoren an Land ziehen, würden 70 Prozent der Summe an die Care Energy AG nach Hamburg fließen. Tiller: "Absurd. Die Leute wollen ja einen Fußballklub in Wien und nicht einen Stromanbieter in Deutschland unterstützen." Dieser Vertrag, der auf angeblich acht Jahre abgeschlossen wurde, könnte durch die Insolvenz nichtig sein. Krisch sagt: "Wir prüfen das." Wobei es zusätzliche Ungereimtheiten gibt. Kristek starb am 21. Jänner, schon am 10. wären die Gehälter fällig gewesen. Krisch, seit 1. Jänner im Amt: "Dazu wollen wir uns nicht äußern."

Gernot Zirngast, Chef der Fußballergewerkschaft, zeigt sich von den Turbulenzen bei der Vienna zwar überrascht, sie seien aber nicht untypisch für den österreichischen Kick. "Das passiert, wenn man sich in die Abhängigkeit einzelner Person begibt."

In der Regionalliga werden die Budgets nicht überprüft, jenes der Vienna dürfte knapp zwei Millionen Euro pro Saison betragen. Die Erhaltungskosten werden mit 300.000 Euro angegeben, sie beinhalten u. a. die Miete der Hohen Warte. Der Grund gehört der Gemeinde, er wurde an die IG Immobilen verpachtet, eine hundertprozentige Tochter der Nationalbank. Die Vienna ist Unterpächter. Seit Jahren schon wird darüber gemunkelt, dass das Grundstück in Bauland umgewidmet werden könnte. Luxuriöse Wohnungen, keine sozialen, wären in Döbling durchaus gefragt.

Die Vienna ist eine Institution. Sie betreibt 19 Mannschaften, zwei für Männer, zwei für Frauen, drei für Mädchen, zwölf für Burschen. Ein Zusperren wäre auch für den Nachwuchs fatal. Es gibt Solidaritätsbekundungen und Initiativen, Fans haben knapp 9000 Euro gesammelt, Rapid hat ein Freundschaftsspiel angeboten, die Austria pro verkaufte Derbykarte zwei Euro überwiesen. Das ist ganz nett. "Wir können nicht helfen, indem wir den Fußballklub direkt subventionieren", sagt Wiens Sportstadtrat Andreas Mailath-Pokorny dem Standard. Geholfen werden könne der Vienna über die Infrastruktur. "So wie es aussieht, werden wir die Vienna Vikings wieder auf die Hohe Warte zurückübersiedeln." Für die Vienna brächte der Football-Klub wieder Mieteinnahmen.

Einfach aufhören

Auch das reicht natürlich nicht. Der Ex-Internationale Markus Katzer (37) wollte seine Karriere bei der Vienna ausklingen lassen. "Wäre eine schöne Geschichte." Natürlich sei die Stimmung angespannt. "Jedes Schicksal ist ein spezielles. Ich würde einfach aufhören." Kleer versucht, die Spieler bei Laune zu halten, sie zu motivieren. Immerhin ist die Generalversammlung gesichert. (Christian Hackl, 23.2.2017)

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First Vienna FC

Wissen

Die Vienna, offiziell First Vienna Football Club 1894, ist Österreichs ältester Fußballverein. Sie wurde am 22. August 1894 mit den Vereinsfarben Blau-Gelb gegründet, trägt seit 1899 ihre Spiele auf der Hohen Warte in Döbling aus. Das Stadion war zeitweise mit einem Fassungsvermögen von 85.000 Zusehern (heute 5500) das größte in Europa und Heimstätte des ÖFB-Nationalteams.

Die Vienna gewann zweimal den österreich-ungarischen (1899, 1900), dreimal den österreichischen (1929, 1930, 1937) und einmal den deutschen Pokalwettbewerb (1943). Höhepunkt der Vereinsgeschichte war der Sieg im Mitropapokal 1931, dem Vorläufer des Europapokals, als die Vienna als einziger Klub in der Geschichte des Wettbewerbs ungeschlagen blieb. Sechs Meistertitel stehen zu Buche (1931, 1933, 1942-44, 1955), die Vienna war 68 Saisonen lang erstklassig, zuletzt 1991/92. Der Einzug ins Cupfinale 1997 (1:2 gegen Sturm) war der letzte große Erfolg.

  • Die Hohe Warte im Jahr 2005. Seither wurde ein bisserl saniert, die Romantik ist geblieben – und möglicherweise bald vorbei.
    foto: apa/andreas troescher

    Die Hohe Warte im Jahr 2005. Seither wurde ein bisserl saniert, die Romantik ist geblieben – und möglicherweise bald vorbei.

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