Blockchain-Technologie hält auch im Stromsektor Einzug

    22. Februar 2017, 12:39
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    Durch geringere Transaktionskosten Preisvorteile für Konsumenten möglich – Veränderte Rolle für Energieversorger

    Auch im Stromsektor werden Blockchain-Anwendungen – die Verkettung von Transaktions-Datensätzen – Einzug halten und den Verbrauchern durch Kosteneinsparungen Preisvorteile bieten können. Das kann bis zum direkten Stromverkauf aus einer privaten PV-Anlage an den Nachbarn gehen. Daraus werden sich auch neue Geschäftsmodelle entwickeln, die Energieversorgern eine veränderte Rolle zuweist.

    Bisherige Transaktionsmodelle erfordern zwischengeschaltete Instanzen wie Energiehändler – oder Banken, Notare, Börsenplätze. Diese könnten bei Blockchains ausgeschaltet werden, wenn sich etwa Verkäufer und Käufer oder Kreditgeber und -nehmer direkt verbinden, sagte Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen am Mittwoch bei einer Verbund-Diskussion in Wien: "Den Intermediär lässt man in der Blockchain-Idealwelt aus." Natürlich könne man solche Peer-to-Peer-Systeme auch mit SAP-Lösungen aufbauen, "die Implementierungskosten bei Blockchain sind aber deutlich geringer".

    Neue Geschäftsmodelle

    Natürlich werde es weiterhin Intermediäre geben, diese würden sich aber in den Wettbewerb stellen müssen. Wer dabei die vertrauenswürdigste Plattform sei – zum Beispiel der Verbund, Hofer, Google oder Facebook – werde sich in der Konkurrenz herausstellen, so Sieverding. "Wir wollen ein Gewinner sein – und alles tun, damit wir es sind", betonte dazu Verbund-Generaldirektor Wolfgang Anzengruber: "Es werden neue Geschäftsmodelle entstehen, die müssen wir wahrnehmen."

    Das Online-Netzwerk Facebook betätige sich tatsächlich als ein Treiber beim Thema Blockchain, was den Strombereich betreffe, berichtete Erwin Smole vom Energieberatungs-Start-up Grid Singularity. Facebook sei sich bewusst, dass es zwei Milliarden Menschen weltweit ohne Strom gebe: "Die sind da dahinter, weil sie wissen: Wo Strom ist, ist auch Internet." Als österreichisches Start-up registriere man mittlerweile viele Anfragen zu Blockchain aus den USA, vor allem von Energieversorgern, aber auch aus Afrika und Asien, wobei es im Falle Afrikas primär um Mikromärkte gehe. "Das ist ein globaler Markt", so Smole. In Europa gebe es ein Nord-Süd-Gefälle, also mehr Interesse aus Nordeuropa.

    Automatisierter Handel

    Laut Peter Böhmwalder von Nasdaq Commodities Europe glauben vier Fünftel der Marktteilnehmer, dass Blockchain-Anwendungen in den nächsten paar Jahren Realität werden – und sich ein Großteil über den Aspekt Kosteneffizienz abspielen wird. Im Börsenhandel seien etwa derzeit für einen Kontrakt insgesamt acht Schritte für das Clearinghaus nötig, mit Blockchain nur noch zwei. "Der Handel würde etwas günstiger werden", so Böhmwalder: "Auch den Ölhandel könnte man günstiger auf Blockchain legen."

    Die Abwicklungen der Transaktionen könne man mittlerweile bereits bis auf Haushaltsgeräte-Ebene herunter optimieren, der komplette Mechanismus laufe dabei vollautomatisch, berichtete Smole. Dabei sei alles marktbasiert, also ein "Marktmodell in Reinkultur". Der Kunde könne bestimmte Preise eingeben, zu denen er ein Produkt erwerben wolle – gleiches gelte umgekehrt für den Anbieter.

    Rasante Entwicklung

    Und die Entwicklung der Blockchain-Modelle schreitet rasant voran. In der nächsten Software-Generation, die 2018 als Open Source verfügbar sein solle, werde man pro Sekunde eine Million Transaktionen verarbeiten können, sagte Smole. Damit könne man in der Energiewirtschaft "ganz Deutschland abbilden". Heute sei es bereits möglich, im niedrigen Millisekundenbereich bei Stromnetzen zu agieren. "2016 wussten wir nicht, dass wir das heuer erreichen. Der Bereich ist unheimlich dynamisch."

    Für Verbund-Chef Anzengruber wäre es "trügerisch zu glauben, dass das nur ein Hype ist, der vorübergeht". Die Blockchain-Technologie sei "hochspannend", und der Verbund habe bereits vor eineinhalb Jahren ein erstes Projekt auf der Data-Mining-Seite durchgeführt. Zudem sei bei Blockchain positiv, dass es sich um eine europäische Technik handle: "Da laufen wir nicht den USA hinterher." Die Welt werde sich in diese Richtung entwickeln "und deshalb werden wir draufbleiben", so Anzengruber.

    Perspektiven

    Von "gleichberechtigten" Peer-to-Peer-Anwendungen für Verbraucher zeigte sich Keynote-Speaker Sieverding "nicht überzeugt". Er glaubt, dass die Blockchain-Technologie eher über den B2B-Wettbewerb bei den Kunden ankommen wird. "Die Verbraucher wollen, glaube ich, eher weiter jemanden dazwischengeschaltet haben, dem sie vertrauen."

    Für den Börsenhandel rechnet Böhmwalder auch nicht mit einer Ablöse der bisherigen Akteure und Intermediäre – für Blockchain sieht er Potenzial eher in Mikromärkten, also etwa im OTC-Handel für Papiere von Firmen, die für eine Börsennotiz zu klein sind. "Wir sehen da draußen hundert Millionen kleine Mikromärkte – in der Mongolei, Afrika, Spitzbergen." Jedoch sehe er den "Hype" auch kritisch. Zu Bitcoin sei er skeptisch, aber optimistisch zu Blockchain.

    Großer Rollout in zwei Jahren

    Treiber bei Blockchain werde zweifellos der Konsument sein: "In zwei Jahren werden die großen Rollouts kommen, auch für die Energiewirtschaft", meinte Start-up-Mitbegründer Smole. Ob das dann auch ein "Game Changer" sein werde? Natürlich, "sonst hätten wir unsere Firma nicht gegründet". Der Bereich wandle sich rasant, auch zum Bitcoin-Mining gebe es schon ein Folgekonzept und Nachfolgemodelle. "In einem Jahr wird vieles, was wir heute hören, schon veraltet sein."

    "Die Regulatoren müssten sich jetzt schon mit dem Thema Blockchain befassen", meinte Smole. Und Verbraucherberater Sieverding sieht dazu politischen Handlungsbedarf beim Datenschutz. Auch der Frage, wie sehr die Solidarsysteme angegriffen werden könnten – Stichwort Ent-Solidarisierung -, werde man sich widmen müssen. Denn irgendwer müsse ja auch künftig die Fixkosten zahlen. So werde etwa in Deutschland ein Energiewende-Fonds diskutiert, der schlimmstenfalls die Finanzierung über das Steuersystem erledigen müsste, würde die Energiewende nicht mehr über die Kilowattstunden gespeist. (APA, 22.02.2017)

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