Rätselhafte Freisetzung von radioaktiver Substanz in weiten Teilen Europas

22. Februar 2017, 09:55
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Messungen von Jod-131 ergaben keine Gesundheitsgefahr. Ähnlicher Vorfall vor sechs Jahren

Prag/Wien – Experten rätseln über Spuren von radioaktivem Material in weiten Teilen Nord- und Westeuropas, die offenbar im vergangenen Monat freigesetzt worden waren. Nachdem das Radionuklid Jod-131 Mitte Jänner zunächst an der russisch-norwegischen Grenze erstmals gemessen wurde, liegen mittlerweile entsprechende Daten aus Finnland, Polen, Tschechien, Deutschland, Frankreich, Spanien und zuletzt auch aus Österreich vor.

Bei der hierzulande wahrgenommenen Jodbelastung handelt es sich um eine "ganz, ganz geringe Menge", wie Magdalena Rauscher-Weber, Ressortsprecherin im Umweltministerium, am Dienstag mitteilte. "Es bestand zu keiner Zeit Gesundheitsgefahr."

Die Jod-Belastung war demnach geringer als die natürliche Strahlenbelastung. Sie sei in einer Einzelmessung nicht nachweisbar, nur in einer Sammelmessung über den Zeitraum von einer Woche. Das Ministerium stehe in Kontakt mit internationalen Behörden.

illustr.: irsn
In zahlreichen Ländern wurde im Jänner Jod-131 in der Atmosphäre festgestellt. Mittlerweile liegen auch aus Österreich entsprechende Messungen vor. Die Zahlen geben die Jod-131-Werte in Mikrobecquerel pro Kubikmeter an. Die Daten in Klammer beziehen sich auf den Messzeitraum.

Keine Gesundheitsgefahr

Die in der Luft festgestellten Werte hätten auch in den anderen Ländern an der Grenze der Messbarkeit gelegen und seien nicht gefährlich, teilte auch die tschechische Strahlenschutzbehörde SJUB am Dienstag in Prag mit. "Es gibt keinerlei Grund zu irgendwelchen Sorgen um die Folgen für den Menschen", erklärte ein Sprecher.

Es sei davon auszugehen, dass die Radionukleide Jod-131 über die Atmosphäre in Europa verteilt worden seien. Spekulationen über einen Unfall in einem AKW nannte die Behörde "Unsinn". In einem solchen Fall wären auch andere radioaktive Substanzen nachweisbar gewesen. Nachdem Jod-131 eine Halbwertszeit von etwa acht Tagen besitzt, dürfte die Substanz erst vor kurzem in die Atmosphäre abgegeben worden sein.

Was die Quelle des radioaktiven Materials sein könnte, ist daher vorerst noch weitgehend unklar. Denkbar sei laut SJUB ein Problem bei einem Hersteller von radioaktiven Medikamenten, wie sie in der Strahlentherapie eingesetzt werden.

US-Luftwaffe schickt Spezialflugzeug

Britische Medien berichteten, dass die US-Luftwaffe ein Spezialflugzeug vom Typ WC-135 nach England entsandt habe, das radioaktive Partikel in der Atmosphäre messen kann. Dass der auf einer Boeing C-135 basierende Jet unterwegs war, wurde mittlerweile bestätigt. Ob die Jod-131-Belastung der Grund dafür war, ist dagegen unklar. Laut den Berichten gebe es Befürchtungen, dass Russland auf der Doppelinsel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer einen nuklearen Sprengsatz getestet haben könnte. Diese Spekulationen, für die keinerlei Belege vorliegen, gehen allerdings großteils auf einschlägige Verschwörungsseiten zurück.

Die Tatsache, dass ausschließlich Jod-131 freigesetzt wurde, spricht jedenfalls dafür, dass dies nicht die Ursache für die erhöhte Strahlung ist. "Als die Messungen durchgeführt wurden, herrschte turbulentes Wetter in der Region", berichtet Astrid Liland von der norwegischen Strahlenschutz-Behörde NRPA gegenüber dem "Barents Observer". Die Quelle der radioaktiven Substanz sei daher nicht mehr einwandfrei festzustellen, vermutlich aber liege sie irgendwo in Osteuropa.

Ähnlicher Vorfall vor 6 Jahren

Der Vorfall gleicht einer Freisetzung von Jod-131 im Jahr 2011. Auch damals konnten das Radionuklid in mehreren europäischen Ländern nachgewiesen werden. Eine zufällig in der vergangenen Woche veröffentlichte Studie konnte inzwischen beweisen, dass die Jod-131-Belastung von vor 6 Jahren auf einen Fehler im Filtersystem eines Unternehmens in Budapest zurückzuführen ist, das radioaktive Isotope für medizinische Forschungen und therapeutische Behandlungen herstellt. (red, 22.2.2017)

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