Vier Hungerkatastrophen drohen zugleich

22. Februar 2017, 06:00
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20 Millionen Menschen derzeit in Afrika bedroht. In vier Regionen könnte es zu Hungersnot kommen – das gab es noch nie

New York / Johannesburg – Die Vereinten Nationen schlagen Alarm. Zahlreiche afrikanische Staaten werden derzeit von einer beispiellosen Hungerkrise heimgesucht: Ihr könnten laut dem Chefökonomen des UN-Welternährungsprogramms (WFP), Arif Husain, im kommenden halben Jahr bis zu 20 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Am schlimmsten ist der Südsudan betroffen: In zwei Distrikten des jüngsten Staates der Welt hat die Uno bereits offiziell eine Hungersnot erklärt.

Kaum besser sieht es am Horn von Afrika – vor allem in Somalia, aber auch in Äthiopien und Kenia – aus: Dort sind dem WFP zufolge mehr als elf Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. Auch am Tschadsee, an den der Niger, Kamerun, der Tschad und Nigeria angrenzen, herrscht akute Nahrungsmittelknappheit, was vor allem auf die Angriffe der Boko-Haram-Terrormiliz zurückgeführt wird. Sollte sich auch im Jemen die Situation verschlechtern, könnte die Welt bald mit vier Hungerkatastrophen gleichzeitig konfrontiert sein. Das gab es Experten zufolge bislang noch nie.

Die meisten dieser Krisen wurden von Menschen heraufbeschworen, sind also weniger dem Klima als Kriegen oder bewaffneten Aufständen zuzuschreiben. So tobt im Südsudan ein Bürgerkrieg zwischen den Regierungstruppen unter Präsident Salva Kiir und den vom ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar befehligten Aufständischen.

Erste Hungersnot seit 2011

Im Zentrum der Katastrophe steht die Unity-Provinz im Norden des Landes. In ihr liegen auch die beiden Distrikte, in denen bereits eine Hungersnot ausgerufen wurde. Es ist das erste Mal seit sechs Jahren, dass die Uno ein derartiges Desaster erklärt. 2011 war in Somalia eine Hungersnot ausgerufen worden, der 260.000 Menschen zum Opfer fielen.

Nach UN-Definition herrscht eine Hungersnot, wenn täglich zwei von 10.000 Menschen wegen Unterernährung sterben und 20 Prozent der Bevölkerung Mangelerscheinungen aufweisen. Laut WFP sind aktuell 100.000 Südsudanesen vom Hungertod bedroht.

Regen bleibt aus

Anders als am Tschadsee und im Südsudan ist die Katastrophe, die sich am Horn von Afrika anbahnt, vor allem auf die seit Jahren ausbleibenden Regenfälle zurückzuführen. Kenia hat bereits den Notstand ausgerufen: In den besonders betroffenen Regionen im Nordosten des Landes sind nach Angaben der Hilfsorganisation Save the Children zwei Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. Wegen der stark angestiegenen Lebensmittelpreise ist allerdings die gesamte Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen.

Schließlich ist im Nordosten Nigerias nach Angaben von Unicef fast eine halbe Million Kinder vom Hungerstod bedroht. Insgesamt drohten 1,4 Millionen Kindern den Krisen am Tschadsee, im Südsudan, am Horn von Afrika und in Jemen zum Opfer zu fallen, warnt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. "Noch können viele Leben gerettet werden", so Unicef-Chef Anthony Lake, "doch die Zeit wird knapp." (Johannes Dieterich, 22.2.2017)

  • Diese Frauen in Nimini im Norden des Südsudan konnten Nahrung ergattern – andere hatten nicht soviel Glück.
    foto: reuters/siegfried modola

    Diese Frauen in Nimini im Norden des Südsudan konnten Nahrung ergattern – andere hatten nicht soviel Glück.

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